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"Ai Weiwei" in der Kunstsammlung NRW:"Ich bin ein Künstler, und für mich ist jede Geste in Ordnung"

  • Die Kunstsammlung Nordrhein-Westfalen hat dem chinesischen Künstler Ai Weiwei eine Werkschau gewidmet.
  • Das Ergebnis ist die in jeder Hinsicht denkwürdige Zusammenstellung einiger seiner monumentalsten Arbeiten.

Von Alexander Menden

Ai Weiwei mag Heinrich Heine, den sarkastischen Romantiker, vor allem das Versepos "Deutschland, ein Wintermärchen", in dem der Sprecher seine subversiven Gedanken über die Grenze schmuggelt. Er möge auch die Faszination der deutschen Romantiker für Ruinen, für die Schönheit des Fragments, "das zugleich Teil der Vergangenheit und der Gegenwart ist", sagt Ai Weiwei. Eine interessante Fügung also, dass nun eine der bisher größten Werkschauen des Chinesen an diesem Samstag in Heines Heimatstadt Düsseldorf eröffnet.

Initiiert und mitkuratiert von Susanne Gaensheimer, Leiterin der Kunstsammlung Nordrhein-Westfalen, ist die schlicht "Ai Weiwei" titulierte Werkschau das Ergebnis einer Planung, die 2013 mit der Zusammenarbeit zwischen Gaensheimer und dem Künstler bei der Kunstbiennale Venedig begann. Auf seine politischen Arbeiten habe man sich konzentrieren wollen, sagt Gaensheimer, womit sie streng genommen sein gesamtes Œuvre hätte einbeziehen müssen, denn für Ai Weiwei gibt es bekanntlich keinen Unterschied zwischen Kunst und politischem Aktivismus. Das Ergebnis ist die in jeder Hinsicht denkwürdige Zusammenstellung einiger seiner monumentalsten Arbeiten, die in beiden Ausstellungsstätten der Sammlung, dem K20 und dem K21, präsentiert werden.

Zum zweiten Mal überhaupt in seiner Gänze ist im K20 beispielsweise "Straight" zu sehen, ein Werk, dessen Schlichtheit und Monumentalität einen eigenen, sehr großen Raum verlangen. Als 2008 in der Provinz Sichuan ein Erdbeben schreckliche Schäden anrichtete, die unter anderem auf die minderwertige Bauweise öffentlicher Gebäuden zurückzuführen waren, kollabierten 20 Schulen. Rund 5000 Schulkinder verschwanden einfach. Ai ließ über Mittelsmänner die verbogenen Bewehrungsstäbe, die aus dem Schutt geborgen wurden - insgesamt 164 Tonnen Stahl -, aufkaufen und sie wieder begradigen. Die Wände bedecken die Namen der Schüler, die während des Erdbebens ums Leben kamen. Gewöhnlich in einer gewellten, geschichtete Landschaft ausgebreitet, die im Querschnitt betrachtet wie eine seismografische Kurve anmutet, sind die Stäbe in Düsseldorf in jenen Kisten zu sehen, in denen sie von Ausstellung zu Ausstellung transportiert werden. Damit bekommt die Arbeit eine ortlose Qualität, die man ebenso als Kommentar auf den globalisierten Kunstbetrieb wie auf den kriminellen chinesischen Baupfusch lesen kann.

Sein Studio in Peking haben sie abgerissen, das in Shanghai auch, seine Anwälte sind im Gefängnis

Ai Weiwei betrachtet sich selbst nach eigener Aussage als heimatlos. Doch seit vier Jahren arbeitet der 61-jährige nun schon von Berlin aus. Sein Studio in Peking, das er aus dem Exil leitete, ereilte im vergangenen August dasselbe Schicksal wie das in Shanghai 2010: Es wurde abgerissen. Seine beiden Anwälte sind im Gefängnis. Dasselbe befürchtet er auch für sich selbst, sollte er je nach China zurückkehren. Der Weg nach Düsseldorf war also nicht weit, und Ai Weiwei, der, bevor er sich äußert, erst mal ungefragt ein Doppelselfie knipst, wirkt ehrlich erfreut von der fertigen Schau: Es sei wie eine einzige, große Installation mit vielen Teilen, die "nirgends sonst funktioniert hätte", findet er.

Zu Deutschland, das ihm nicht nur einen sicheren Hafen, sondern auch eine Gastprofessur bot, hat Ai Weiwei eine differenzierte Meinung: Er sei hier frei. Deutschland habe eine "innere Kraft", die dem Land geholfen habe, sich der Flüchtlinge anzunehmen. Es sei "ein Land der Philosophie und Literatur", aber auch ein Ort der Auseinandersetzung, sagt er. Hier sei nichts einfach, die Menschen könnten nichts leichtnehmen, das sei "die deutsche Geisteshaltung". Deshalb habe er schon als Junge Karl Marx geliebt: "Ich verstand diese großen Wörter nicht, aber ich fand sie toll, gerade, weil sie nichts Alltägliches oder Unterhaltsames an sich hatten."

Aber im Alltag mache das alles schwieriger, weil es weniger Humor und Flexibilität gebe. "Die Leute hier wollen vor allem recht haben", findet Ai Weiwei. In dieser Hinsicht sei Deutschland wie China: "Es geht um die Reinheit der Haltung, nur mit dem Unterschied, dass das in China vom Staat vorgeschrieben ist und die Deutschen es sich selbst auferlegen." Seine im Vergleich zu früher weit weniger häufige Kritik an China begründet er mit seiner langen Abwesenheit: "Man muss in echter Gefahr sein, sich den Konsequenzen seiner Meinung stellen zu müssen, um legitim kritisieren zu können. Von hier aus ist es zu einfach. Viele sind deshalb sehr enttäuscht. Sollen sie enttäuscht sein."

Ai Weiwei versteht bis heute die Aufregung nicht

Enttäuschung, die seit seinem Umzug nach Deutschland in einer zunehmend negativen veröffentlichten Meinung Ausdruck gefunden hat. Das ist sowohl der als mangelnd wahrgenommenen Kritik an China geschuldet, als auch dem Umstand, dass er ein Selfie mit der AfD-Politikerin Alice Weidel machte. Besonders harsch fiel vor allem die Reaktion darauf aus, dass er sich 2016 an einem Strand in der Pose des ertrunkenen Flüchtlingsjungen Alan Kurdi fotografieren ließ. War das nicht einfach die Ausschlachtung einer Tragödie?

Ai Weiwei versteht bis heute die Aufregung nicht: "Zunächst mal ist das keine Arbeit von mir, sondern eine Pose, die ich auf Bitte eines Fotografen von India Today eingenommen habe." Aber er habe auch keine Sekunde gezögert: "Ich bin ein Künstler, und für mich ist jede Geste in Ordnung. Selbst der Hitlergruß ist nur eine menschliche Geste. Sie repräsentiert etwas Falsches, aber ohne das Falsche wissen wir nicht, was richtig ist."

Es gibt gute Gründe, solche Gleichsetzungen provokant zu finden. Doch was sein Werk angeht, würde man, insbesondere angesichts der Düsseldorfer Schau, rasch in Verlegenheit geraten, wollte man ihm Inkonsequenz vorhalten. Ai Weiweis Engagement für Flüchtlinge, sei es durch seinen Film "Human Flow", sei es durch Arbeiten wie "Laundromat", ist unbestritten. Besonders in der letztgenannten Installation mischt sich der investigative Aspekt seines Zugangs, den er seit "Straight" entwickelt hat, mit einer Art materieller Überwältigungsstrategie: 2046 Kleider, zurückgelassen bei der Räumung des griechischen Flüchtlingslagers Idomeni im Jahre 2016, ließ er reinigen, flicken und bügeln.

Dass er durch die Aneignung der Kleider von den Flüchtlingen profitiere, will er übrigens nicht gelten lassen: Sie seien ja bereits auf dem Müll gewesen, als er sie habe einsammeln lassen. Nun hängen sie im K21 auf metallenen Garderobenwagen, säuberlich aufgereiht, Readymade-Mahnmale aus Baumwolle und Nylon. Neuere Arbeiten, wie eine Reihe von sechs blau-weißen Porzellantellern (2017) und die schwarz-weiße Tapetenarbeit "Odyssee" (2016), führen nicht nur die Flüchtlingsthematik fort, sie bilden gleichsam eine Synthese mit Ais fortgesetzter Beschäftigung mit Mythen und überzeitlicher Bildsprache: Griechische Hopliten und IS-Kämpfer mit abgeschnittenen Köpfen schlagen den Bogen kriegerischer Gewalt, Europa reitet auf ihrem Stier zwischen Menschen, die in Plastiksäcken ihre Habseligkeiten vor dem Konflikt in Sicherheit bringen. Auch die Köpfe chinesischer Tierkreiszeichen, die er für "Circle of Animals/Zodiac Heads" auf Stangen gespießt hat, tauchen in der Bambusskulptur "Life Cycle" (2018) wieder auf, als die Häupter geflüchteter Menschen, die in einem Gummiboot ins Ungefähre treiben.

Die beiden Soldaten, die ihn bewachten, tauten langsam auf, erzählten ihm Persönliches

Die Herauslösung des Individuums aus der Anonymität der Masse, der Mechanisierung des Systems, bildet das thematische Rückgrat all dieser Arbeiten. Das gilt besonders für "S.A.C.R.E.D." (2012): Sechs Metallkisten, jede 377 mal 198 mal 153 Zentimeter groß, je mit einer Tür und einem Fenster versehen. Man blickt ins Innere auf sechs Dioramen, hyperrealistische Fiberglasfiguren im Stil Ron Muecks, etwa ein Drittel Lebensgröße, die Szenen aus Ais 81-tägiger chinesischer Untersuchungshaft im Jahre 2011 darstellen: Er isst, wird verhört, duscht, geht auf und ab, schläft, geht zur Toilette. Rund um die Uhr bewachen ihn zwei junge Soldaten.

Ai Weiwei erzählt im Gespräch davon, wie die beiden langsam auftauten und ihm persönliche Dinge anvertrauten (ein Effekt, den der britische Dramatiker Howard Brenton im Vorwort zu seinem Dokumentarstück "Die Verhaftung Ai Weiweis" als "umgekehrtes Stockholmsyndrom" bezeichnet hat). "Den Geruch eines Menschen, seine Augenfarbe - all das kann man nicht ideologisch beurteilen", sagt Ai.

Der Herausforderung, ja Paradoxie dieses hochindividualisierten Zugangs angesichts großer Menschenmassen hat er sich im Laufe der Jahre auf unterschiedliche Weise gestellt. Die grandioseste Lösung sind sicher die "Sunflower Seeds". Jene 100 Tonnen künstlicher Sonnenblumenkerne, mit der er 2010 den Boden der Turbinenhalle in der Londoner Tate Modern bedeckte, sind im K20 erstmals wieder in ihrer Gesamtheit zu sehen. Säuberlich zu einem gigantischen Rechteck geformt, flach und tief zugleich, manifestiert sich in ihnen am eindrücklichsten das Prinzip dieser komplexen, großartigen Werkschau und von Ai Weiweis Grundüberzeugung: das Prinzip der Gleichheit aller Menschen.

Ai Weiwei im K20 und K21, Kunstsammlung Nordrhein-Westfalen, Düsseldorf, bis 1. September. Info: kunstsammlung.de, Katalog 32 Euro.

© SZ vom 17.05.2019/luch

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