Ai Weiwei im Interview "Die Globalisierung ist ein Fakt"

"Ihre individuellen Geschichten ähneln sich sehr und verbinden sich in ihrer gewaltigen Zahl zu einer einzigen Erzählung riesigen Ausmaßes." Flüchtlinge an der Grenze zwischen Jordanien und Syrien.

(Foto: © 2017 Human Flow UG)

Was wäre aus Ihrer Sicht eine nachhaltige Lösung gewesen?

Zunächst hätte Europa das umsetzen sollen, worauf es sich in der EU verständigt hat: als Einheit aufzutreten. Doch das war nicht der Fall. Es wäre allerdings auch nicht fair, nur von Europa gemeinsames Handeln zu verlangen. Vielmehr richtet sich diese Forderung aus meiner Sicht an die ganze Welt: Die USA, China, alle Nationen sollten gemeinsam handeln. Sie sollten begreifen, dass die momentane Tragik, die dem "Human Flow" innewohnt, nicht sein müsste. Sie sollten den Mut und die Vision haben, zu sagen: 'Heute im 21. Jahrhundert, mit unserem besseren Verständnis der Welt, mit unseren Ressourcen, können wir die Probleme im Zusammenhang mit der Migration lösen - sogar zu unser aller Nutzen.'

Aber ist das nicht utopisch? Wenn es uns Europäern schon nicht gelingt, gemeinsam zu handeln, wie soll globale Kooperation funktionieren?

Wir werden früher oder später einsehen müssen, dass es keine Alternative dazu gibt. Denn die Globalisierung ist ein Fakt. Und nach dem Ende des Kalten Krieges hat sich die im 20. Jahrhundert bestehende Weltordnung aufgelöst. Die Welt ist nicht mehr entweder sowjetisch oder westlich. Außerdem zieht ja schon längst die ganze Welt Nutzen aus der Globalisierung: Deutsche Autohersteller investieren in China, der größte Aktionär der Deutschen Bank ist ein chinesischer Konzern, die USA engagieren sich wirtschaftlich in China, China ist im Gegenzug der größte Eigner von US-Staatsanleihen. Grenzen sind de facto also ein Schwindel. Sie halten nur arme Leute auf, aber für die Reichen und Mächtigen gibt es keine Grenzen.

Wäre es zu weit hergeholt, das Konzept von "Human Flow" mit Ihrer Installation "Sunflower Seeds" im Jahr 2010 zu vergleichen? Damals ließen Sie in der Londoner Tate-Galerie 100 Millionen handbemalte Sonnenblumenkerne aus Porzellan aufschütten. Jeder einzelne ein Unikat, aber durch die schiere Masse geriet der spezifische Charakter in den Hintergrund.

Ich sehe da auf jeden Fall Parallelen. Wir haben für "Human Flow" 900 Stunden Material gefilmt und hunderte Interviews geführt. Wir waren in 40 Flüchtlingslagern mit einer riesigen Anzahl von Menschen. Doch je mehr wir von ihnen erfuhren, desto eindeutiger bildete sich eine bestimmte Textur heraus. Denn ihre individuellen Geschichten ähneln sich sehr und verbinden sich in ihrer gewaltigen Zahl zu einer einzigen Erzählung riesigen Ausmaßes. Wir sollten versuchen, dieses Phänomen zu begreifen. Hier geht es nicht um einen einzelnen armen Kerl oder eine bedürftige Familie. Hier geht es um einen bedeutenden Vorgang in der Menschheitsgeschichte.

Ist das der Grund, warum die Flüchtlingsproblematik zu einem großen Thema Ihrer künstlerischen Arbeit geworden ist? Oder liegt das vielleicht auch daran, dass Sie selbst ein Flüchtling sind?

Ich habe lange nicht darüber nachgedacht, dass ich selbst ein Vertriebener bin. Doch in letzter Zeit hat mich diese Frage tatsächlich beschäftigt. Und inzwischen glaube ich, dass das es eine gewisse Rolle für meine Arbeit spielt, dass ich ein Verstoßener bin. Ich wurde in dem Jahr geboren, in dem mein Vater (der Maler und Dichter Ai Qing, Anm. d. Red.) im Rahmen der sogenannten "Anti-Rechtsbewegung" in den nordwestlichen Teil Chinas nahe der damaligen pakistanisch-sowjetischen Grenze verbannt wurde. Er musste die öffentlichen Toiletten putzen, die dort auf dem Land unglaublich primitiv waren - es gab da noch nicht mal Toilettenpapier und Wasser, sondern nur Matsch und Sand. Als ich aufwuchs, habe ich daher direkt miterlebt, wie es ist, wenn jemand misshandelt, verschleppt und täglich herabgewürdigt wird. Das ist also nichts Neues für mich und hat mich sicher geprägt.

"Human Flow" bietet etliche beeindruckende Aufnahmen durch Kamera-Drohnen. Hier etwa Kinder im Kutupalong Camp Ukhia in Bangladesch.

(Foto: © 2017 Human Flow UG)

Der Guardian schrieb über Ihren Film: "Die Kamera konfrontiert uns mit dem ungeheuren Ausmaß der Flüchtlingskrise, nun ist es an uns, zu handeln." Können Sie mir empfehlen, was etwa ich als kleine unbedeutende Einzelperson tun kann?

Angesichts der Ungeheuerlichkeit und der Komplexität dieses Problems fühle mich ich oft genug ohnmächtig. Ich habe mit vielen Flüchtlingen gesprochen, dann machte ich diesen Film, jetzt ist der Film fertig, und was tue ich jetzt? Ich habe das Gefühl, dass ich wieder mit leeren Händen dastehe. Doch dann sage ich mir: 'Eigentlich reicht es aus, immer wieder an die Flüchtlinge zu erinnern. Das, was sie am dringendsten brauchen, ist nicht Geld, sondern, dass sie als Menschen wahrgenommen werden. Diese Achtung vor ihnen kann in sehr Wenigem bestehen: eine kurze Meldung in den Nachrichten oder die Aufforderung an das eigene Kind: 'Bitte, iss auf. Es gibt 65 Millionen Menschen, von denen viele heute Morgen kein Frühstück haben.' Wer keine Scham empfindet, wird Teil dieser Dunkelheit. Doch jeder kann eine Kerze anzünden.

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