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Zum Tod von Agnès Varda:Es gibt keine Darstellung ohne Selbstdarstellung

Agnès Varda in ihrem Film "Die Strände von Agnès" aus dem Jahr 2008

(Foto: AFP)

Bis ins hohe Alter war die große Filmemacherin Agnès Varda auf der Suche nach Menschen und den Bildern, die diese sich von sich selbst machen. Sie hinterlässt ein unerschöpfliches Werk.

Von Fritz Göttler

Sie war unsicher im Jahr 1969, als sie sich in Los Angeles an die Arbeit machte an ihrem Film "Lions Love". Zwei Jahre hatte sie an der Westküste gelebt, nun wollte sie Bilder zeigen, wie die junge amerikanische Kultur und Kunst sich (ihr) zeigte, und als sie nun unsicher war, konnte Andy Warhol - der auch in "Lions Love" auftaucht - sie beruhigen: Er hätte, als er selber anfing, Filme zu machen, sich ihren Film "Cléo - Mittwoch zwischen 5 und 7" von 1961 mehrmals angeschaut. Was zeigt, dass die Nouvelle Vague, das junge französische Kino der Sechzigerjahre von Godard, Truffaut, Rivette kein europäisches Phänomen gewesen ist, sondern auch international das Kino radikal verändert hat.

Wobei Agnès Varda natürlich nie richtig zur Nouvelle Vague gehörte oder gehören wollte, die sich eher als Jungensclub verschwor und vom großen amerikanischen Kino besessen war, von Hollywood träumte. Agnès Varda, geboren am 30. Mai 1928, interessierten andere Künste mehr, sie hatte Literatur und Kunstgeschichte studiert, wollte Kunstrestauratorin werden, machte eine Fotolehre und arbeitete als Fotografin bei Jean Vilars TNP, dem Théâtre National Populaire. Aber bereits 1954 gründete sie auch ihre eigene Produktionsgesellschaft, die Ciné-Tamaris, die ihre Filme produzierte und die im Lauf der Jahre wie eine Familie für sie wurde. 1962 heiratete Varda den Filmemacher Jacques Demy - als er 1990 starb, war sie es, die ein Jahr später sein Drehbuch "Jacquot de Nantes" verfilmte, in dem die Geschichte seiner Kindheit erzählt wird. Die Erinnerungen an diese Liebe, diese Ehe, an gemeinsame Visionen und Träume, in denen das Burleske mit dem Herzzerreißenden sich magisch vereint, sind in den meisten Varda-Filmen präsent. Der Jacquot-Film ist ein schönes stilles Zentrum dieses Werks, das sich keine Ruhe gönnt, der einzige vielleicht, in dem so etwas wie ein Gefühl für Heimat, eine Sehnsucht nach einer Bleibe zu spüren ist.

Die junge Cléo in Vardas frühem Film erlebt man tatsächlich, wie sie zwei Stunden, zwischen fünf und sieben, durch die Straßen von Paris streift, sie wartet auf das Ergebnis einer ärztlichen Untersuchung - Krebsverdacht -, sucht Kontakt zu verschiedenen Menschen und zieht sich dann wieder in ihre Einsamkeit zurück. (Ich hätte, erklärte Warhol zu dem Film, das Ganze wohl tatsächlich innerhalb von zwei Stunden gedreht.) Cléo ist verwandt mit der jungen Streunerin in "Sans toit ni loi/Vogelfrei", gespielt von Sandrine Bonnaire, die im frostigen Süden Frankreichs Verpflegung, Unterkunft, menschliche Wärme sucht.

Ich mache cinéma-mensonge, hat Agnes Varda gern erklärt, ein "Lügenkino"

Auch Varda blieb unterwegs bis ins hohe Alter hinein, immer auf der Suche nach Menschen und nach den Bildern, die sich diese Menschen von sich machten. Ruhelosigkeit als Produktivkraft. Die Filme, in denen sie diese Bilder sammelt, mögen auf den ersten Blick verspielt wirken oder pittoresk, aber man darf sich nicht täuschen lassen - das Spielerische konnte harte Konturen haben. 1963 drehte sie in Kuba, 1967 machte sie einen Film über die Black Panthers, 1976 einen über die Liebe in Iran, im Jahr 1967 war sie beteiligt, neben Godard, Resnais, Ivens, Marker, Lelouch, an einem Film über die Proteste gegen den Vietnamkrieg: "Loin de Vietnam".

Ich mache cinéma-mensonge, hat Varda gern erklärt, ein "Lügenkino", das den Anspruch des Cinéma verité auf unmittelbaren filmischen Zugriff auf die Realität als illusionär erklärt. Das Kriterium der Wahrhaftigkeit hat, wenn es um Bilder geht, noch nie funktioniert, gerade das macht ihre Kraft und Potenz aus. In diesem Punkt kommen Varda und Warhol zusammen. "Es ist ein Film über Amerika", schrieb Frieda Grafe zu "Lions Love", "und einer von Agnès Varda, weil es wie schon in "Cléo" darum geht, wie das Leben durch Wiederholung, durch Nachahmung, durch gelebte Vorstellungen sich verkünstelt. Die Funken springen da, wo Wahrheit und Lüge, Natur und Plastik sich reiben. Oder wo Plastik Realität wird."

Der letzte große Reisefilm, zu dem Varda aufgebrochen ist, war "Visages Villages", den sie 2017 gemeinsam mit dem jungen Fotokünstler JR machte und der bei uns als "Augenblicke: Gesichter einer Reise" in den Kinos und auf DVD herauskam (im vorigen Jahr war er als bester Dokumentarfilm für einen Oscar nominiert). Der schnörkellose Originaltitel markiert eine einfache Überblendung, in der Orte und die Gesichter ihrer Menschen ineinander übergehen. Es ist ein fröhlicher, unfassbar jugendlicher Film. Varda kokettiert mit ihrem Alter und ihrer Gebrechlichkeit, und es gibt auch Momente, da sie ehrlich betrübt ist, aber immer dann, wenn sie mit Menschen zusammenkommt, ist sie hellwach und geht ganz locker auf sie zu - Bauern, Fabrikarbeiter, Postboten. Die violett gefärbten Strähnen in ihrem grauen Haarschopf trägt sie wie ein Zeichen ihrer Neugier. Varda und JR fahren durch Frankreich und machen Fotografien von Leuten, denen sie begegnen in den Dörfern und Kleinstädten, diese Fotografien vergrößern sie und kleben sie auf Hauswände oder Silos oder Containerstapel. Das unsichtbare Frankreich wird sichtbar in diesen Aktionen, es präsentiert sich.

Es gibt keine Darstellung ohne Selbstdarstellung, das erleben wir in jedem Film aus Vardas unerschöpflichem Werk, Exhibitionismus ist etwas ganz Natürliches bei ihr, er gehört zur Gesellschaft und zur Kommunikation, und die scharfe Konfrontation von Natur und Kultur gibt es bei ihr nicht. Die letzte Aufnahme von ihrem geliebten Jacquot hat sie gemacht, sie zeigt den von seiner Krankheit bereits gezeichneten Demy am Strand, wie er den Sand durch die Finger seiner Hand rieseln lässt.

In ihrem letzten Film, "Varda par Agnès", den sie im Februar auf der Berlinale präsentierte, hat Varda ihr Leben und dessen Filme Revue passieren lassen. Zudem erhielt sie in Berlin einen Ehrenpreis fürs Lebenswerk. (Einen Ehren-César, -Leoparden, -Oscar und eine Ehren-Palme hatte sie schon länger.) In der Nacht zum Freitag ist Agnès Varda im Alter von 90 Jahren in Paris gestorben.

© SZ vom 30.03.2019/luch
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