Die Philosophin Ágnes Heller:Gefährlich frei

Podiumsdiskussion: Europa im Diskurs.

Studien, die das Feld der Philosophie neu vermaßen: Ágnes Heller starb im Alter von 90 Jahren 2019 bei einem Badeunfall.

(Foto: Robert Newald/picture alliance / Robert Newald)

Die ungarische Philosophin Ágnes Heller und die Frage, was es bedeutet, dass der Zufall das Schicksal des Menschen ist.

Von Thomas Meyer

Im Februar 1955, so vermeldete ein Jahr später der Berichterstatter der in der DDR erscheinenden Deutschen Zeitschrift für Philosophie, habe Ágnes Heller ihre Dissertation über die "Ethik Tschernyschewskijs - Das Problem des vernünftigen Egoismus" in Budapest bei Georg Lukács verteidigt. "Die Behandlung des Stoffes ist selbständig und originell und wendet Prinzipien des Marxismus-Leninismus auf die Ethik an", so der zufriedene Autor. Es dürfte kaum frühere Zeugnisse der deutschsprachigen Rezeption der vor zwei Jahren bei einem Badeunfall mit 90 Jahren verstorbenen ungarisch-jüdischen Philosophin geben.

Dass Heller, die nur mit sehr viel Glück den Holocaust überlebte, zu dem ebenfalls jüdischen Georg Lukács ging, um Philosophie zu studieren, war aufgrund ihrer Interessen und ihrer Geschichte nur folgerichtig. So sehr Lukács nämlich geschickter Apparatschik war und sich glaubte in die eigentlich nach unverrückbaren Gesetzen verlaufende Geschichte einmischen zu sollen, so sehr war der 1885 Geborene doch schon zu dieser Zeit neben dem gleichaltrigen Ernst Bloch der einzige marxistische Philosoph von Weltrang. Und zudem galt er mit gutem Recht, neben dem ihn scharf ablehnenden Germanisten Hans Mayer in Leipzig, zu dieser Zeit als der beste Kenner deutscher Literatur- und Geistesgeschichte im sogenannten Ostblock.

Georg Lukács sah sein geistiges Erbe vor allem in Hellers Schriften bewahrt

Für Heller waren Studium und Dissertation jedenfalls nur der Ausgangspunkt für die enge geistige Verbindung mit ihrem 1971 verstorbenen Lehrer. Eine intellektuelle Beziehung, die sie einmal in einem schönen, weil dialektischen Bild zusammenfasste, darin gleichzeitig zurück und nach vorne schauend: "Einst warnte Lukács seine marxistischen Kollegen, dass ein Kaninchen, tanzend auf der Spitze des Himalaya, sich für größer halten sollte als der Elefant in der Ebene. Nun ist der 'Marxismus' nicht, wie Lukács annahm, solch ein 'Himalaya' unter den Weltsichten, nur ein Gebirgszug neben anderen. Aber sicherlich war Lukács dessen einziger 'Elefant'. Man kann über ihn hinausgehen, aber man sollte zu ihm hinaufsehen: Ob ich seinen Spuren folge oder nicht, etwas völlig Divergierendes tuend, ich werde ihm stets verpflichtet bleiben."

Die Zeilen stammen aus einem Brief an Rüdiger Dannemann, dem wohl besten Lukács-Kenner hierzulande. Zusammen mit dem Frankfurter Philosophen und Lukács-Weggefährten seit den frühen siebziger Jahren Axel Honneth legte Dannemann pünktlich zum 50. Todestag am 4. Juni bei Suhrkamp einen Sammelband mit Texten des marxistischen Häretikers vor, der neben vielen anderen Vorzügen eben auch ein erhellendes Licht auf Hellers Denken wirft.

Denn am Ende ihres Querschnitts haben die beiden Herausgeber eine Antwort von Lukács auf die Frage nach den "Büchern der Zukunft" abgedruckt, die Arthur Crook, der Herausgeber des Times Literary Supplement, ihm 1971 gestellt hatte. Der todkranke Philosoph sah sein geistiges Erbe vor allem in Hellers Schriften bewahrt und weiterentwickelt. Ihre frühen Arbeiten über Aristoteles, die Philosophie der Renaissance, vor allem aber der Versuch, eine universale Theorie des Alltags zu schaffen, ließen Lukács an die Zukunft seiner Ideen glauben.

Die Philosophin Ágnes Heller: Ágnes Heller: Vom Ende der Geschichte. Die parallele Geschichte von Tragödie und Philosophie. Edition Konturen, Wien 2020. 176 Seiten, 20 Euro.

Ágnes Heller: Vom Ende der Geschichte. Die parallele Geschichte von Tragödie und Philosophie. Edition Konturen, Wien 2020. 176 Seiten, 20 Euro.

Lukács wusste genau, wovon er sprach: Heller füllte mit ihrem Aristoteles-Buch in der sogenannten Budapester Schule eine massive Lücke, da der Vielschreiber und andere Schüler keinerlei Interesse an der Antike zeigten. Das Renaissance-Buch enthielt wiederum sehr viel von dem, was Lukács während der Weimarer Republik selbst las: nämlich die großen Renaissance-Studien des Hamburger Philosophen Ernst Cassirer und seines Münchner Kollegen Richard Hönigswald.

Doch das waren Fingerübungen Hellers, denn es gab schließlich noch das Werk über das "Alltagsleben". Als die Studie 1978 auf Deutsch herauskam, versah sie der junge Münchner Soziologe Hans Joas mit einer bis heute gültigen Einleitung und konnte darin auf Hellers Ruf in Deutschland verweisen. Zwei Jahre zuvor war nämlich bereits die Studie über eine "Theorie der Bedürfnisse bei Marx" ins Deutsche übersetzt worden, ein Seitenstück zum "Alltagsleben". Beide Bücher enthielten so offensichtliche Verkürzungen in der Wiedergabe von Marx' Ökonomieanalysen und so viel traditionelle Hegelsche Dialektik, dass darin leicht auch eine Verweigerung gegenüber den reinen Lehren der marxistischen Dogmatiker zu erkennen war. Und dieser widerspenstige Geist, konsequent ausgeschlossen und ins Exil schließlich über Australien und andere Stationen nach New York getrieben, erwies sich auch in der Folge als Kennzeichen von Hellers Schriften.

Die fundamentalste Erfahrung der Menschen ist ihre Ungebundenheit

In der Folgezeit erweiterte die Philosophin ihr Spektrum, man könnte von einer existenzialistischen Phase sprechen, in der Heller unter anderem Heidegger für sich entdeckte. Die theoretische Neugierde ließ sie in der Folge, die das Scheitern des späten Lukács bei ähnlichen Versuchen vor Augen gehabt haben dürfte, immer systematischer arbeiten.

Systematisch arbeiten hieß, eine Befreiung vorzunehmen. Hellers Erfahrungen dürften mit dazu beigetragen haben, dass sie ebenso geschichtsphilosophischen wie ethischen Konzepten eine scharfe Absage erteilte, die dem maßlosen Lebewesen namens Mensch Grenzen ziehen wollten. Nicht wenige ihrer Bücher, die nach 1986 entstanden, dem Jahr, da sie offiziell den Lehrstuhl übernahm, den bis zu ihrem Tod 1975 Hannah Arendt an der New Yorker "New School" innehatte, ließen sich als Versuch verstehen, eine Anthropologie zu schreiben, die ganz auf dem Begriff der Kontingenz aufbaute.

Der Mensch war dabei auf zwei Weisen Zufällen unterworfen. Zum einen übernahm Heller die von vielen geteilte These, dass Traditionen, egal wie sie etabliert und organisiert waren, nach dem Holocaust keine Ordnungs- und Orientierungsfunktionen mehr übernehmen könnten. Diese historisch bedingte Auflösung von Traditionen hing mit der zweiten Form des Triumphs des Zufalls über den Menschen zusammen. Dadurch, dass Menschen ins Leben "geworfen" werden, ist die fundamentalste Erfahrung ihre Ungebundenheit.

Sie sind, so Heller, in einem eben auch gefährlichen Sinne grundsätzlich frei. Und daran änderten nach Heller weder Idealismus noch Fatalismus etwas. Ihre Konsequenz daraus, so sah es ein Freund und intimer Kenner ihres Werks, der israelische Philosoph Yirmiyahu Yovel, habe Goethe im "West-östlichen Divan" formuliert: "Volk und Knecht und Überwinder/Sie gestehen zu jeder Zeit:/Höchstes Glück der Erdenkinder/Sei nur die Persönlichkeit".

Die Philosophin Ágnes Heller: Georg Lukács: Ästhetik, Marxismus, Ontologie. Ausgewählte Texte. Hrsg. und mit einer Einleitung versehen von Rüdiger Dannemann und Axel Honneth. Suhrkamp, Berlin 2021. 572 Seiten, 28 Euro.

Georg Lukács: Ästhetik, Marxismus, Ontologie. Ausgewählte Texte. Hrsg. und mit einer Einleitung versehen von Rüdiger Dannemann und Axel Honneth. Suhrkamp, Berlin 2021. 572 Seiten, 28 Euro.

Eine Folge dieser Überlegungen waren Studien, die das Feld der Philosophie neu vermaßen. Wenn die Kontingenz unser Schicksal ist, das uns auf die Persönlichkeit zurückwirft, ist es dann nicht die Literatur, die die Philosophie über diese Einsicht belehren könnte? In ihrem wichtigsten Buch dieser Periode, eine streng hegelianische Deutung ausgewählter Shakespeare-Stücke, suchte sie die Kämpfe der Figuren auf, die sich gegen die Zu- und Wechselfälle des Lebens wehrten, ihnen Einsichten abgewinnen konnten, die Heller wiederum als philosophische Erkenntnisse verstand.

Liest man vor diesem Hintergrund Hellers jüngstes, zwar abgeschlossenes, aber keiner Endredaktion mehr unterzogenes Buch "Vom Ende der Geschichte", dann lässt sich zumindest erahnen, wie ihre Denkreise weitergegangen wäre. Doch zunächst muss man den allzu gefälligen Titel vergessen, vielmehr ist der Untertitel "Die parallele Geschichte von Tragödie und Philosophie", wie im englischen Original und in der italienischen Übersetzung, maßgeblich. Der sperrige Titel zeigt an, worum es Heller zuletzt ging. Um "Manifestationen des Zeitgeistes" war es ihr zu tun, um die letztlich zwar immer und immer wieder in Erinnerung zu rufenden großen Werke von Philosophie und Literatur, aber eben jenseits aller Stabilisierungsversprechen fürs Leben.

Natürlich waren und sind die von ihr untersuchten Texte "Goldgruben", und Heller gibt in ihrer Studie immer wieder beeindruckende Beispiele dafür, wie sehr das Schürfen und das Ans-Tageslicht-Bringen des Gefundenen lohnt. Doch, darin zeigt sich die philosophische und lebensgeschichtlich beglaubigte Härte von Hellers Denken: Sie sind nicht einfach "da", diese mühsam zu findenden Einsichten. Sie verschwinden, wenn die Leser fehlen, die sie auf ihr Leben beziehen könnten. "Ohne Rezeption keine Realität", schreibt Heller und verwirft damit jedwede Leichtigkeit, als garantiere der Griff zu Sophokles oder Sarah Kanes "Gier" schon per se, etwas über sich zu erfahren.

Philosophie und Literatur "parallel" zu betrachten, das ließe sich auch als Bezug auf eine Debatte der Achtzigerjahre rückbeziehen, als es um die Frage ging, wie sehr deren angeblich in Frankreich vorgenommene Vermengung beide Seiten schwäche. Heller ist auch hierin souverän. Man muss beide Seiten kennen, beide Einspruchsinstanzen gegen die Kontingenz ernst nehmen, dann und nur dann wird man sich gegen das auflehnen können, was die Zeit an Zumutungen bereithält. "Die schwierigsten Zeiten liegen noch vor uns", lautet der letzte Satz des Buches. Von wem, wenn nicht von Heller, sollte dieser Satz besser beglaubigt werden können? Ein Satz, der bei jedem Lesen mitschwingen sollte.

© SZ/crab
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