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"After Midnight" im Kino:Paartherapie mit Monster

Kino: Szene aus dem Film "After Midnight"

Hank (Jeremy Gardner) und Abby (Brea Grant) haben Probleme mit der Zukunftsplanung - und einem ominösen Wesen aus dem Unterholz.

(Foto: Drop Out Cinema)

Seit Hank Liebeskummer hat, taucht ein Monster in seinem alten Haus in Florida auf. "After Midnight" ist ein minimalistisch realisierter, romantischer Horrorfilm. Und ja, das ist möglich.

Von Nicolas Freund

Nachts, wenn Hank allein ist, in dem alten Haus in Florida, dann kommt das Monster.

Es kratzt und rüttelt an der Tür, in der schon ein Loch ist, seit Hank mit der Flinte draufgehalten hat. Getroffen hat er das Monster nicht, gesehen auch nicht. Der Sheriff meint, es sei sicher nur ein Schwarzbär gewesen. Hank glaubt das nicht, das Katzenfutter auf der Veranda ist ja noch da. Im Flur steht das Sofa, wo er bewaffnet mit Bier und Gewehr jeden Abend auf den unheimlichen Besuch wartet. So geht das, seit Abby weg ist.

Der Philosoph Slavoj Žižek hat mal gesagt: "Liebe ist für mich ein extrem gewalttätiger Akt." Denn man wähle immer etwas aus, das man gegenüber etwas anderem bevorzuge und erzeuge so ein Ungleichgewicht. "Formal gesehen, ist Liebe böse." Wem es schwerfällt, sich darunter etwas Konkretes vorzustellen, dem können Hank und sein Monster vielleicht helfen.

Denn das taucht ausgerechnet auf, seit Hank Liebeskummer hat, und im Horrorfilm läuft es ja oft darauf hinaus, dass die Monster eine Manifestation psychischer Probleme sind. Liebe kann schrecklich sein und auch Hank mutiert als Junggeselle schnell zum gruseligen Zauselbartträger, der auf vorbeifahrende Autos und volle Weinflaschen schießt, die er eigentlich mit seiner Abby zusammen leeren wollte. Warum sie weggegangen ist, wird nicht ganz klar. Einmal beklagt sie sich, mit 33 Jahren weder verheiratet zu sein, noch Kinder zu haben. Vielleicht, weil Hank lieber wie ein Frontier-Pionier in der Wildnis abhängt, als mit ihr eine Familie zu gründen. Abbys Bruder, der Sheriff, meint, die beiden seien ja jetzt auch schon zehn Jahre ein Paar. Das alte Millennialsproblem: Es läuft gut in der Beziehung, aber man will sich doch irgendwie alle Optionen offenhalten, und die gruseligste Vorstellung ist echtes Commitment.

"After Midnight" ist der Hipster unter den Monsterfilmen. Zu ernst nehmen sollte man hier nichts. Romantische Horrorstreifen oder gruselige Liebesfilme sind als Genre im Kinokanon eigentlich auch nicht vorgesehen. Wer im Horrorfilm Sex hat, stirbt klassischerweise als Erster oder Erste. Unglücklich verliebt ist normalerweise höchstens das Monster. Und Gruseliges im Liebesfilm ist von den Filmemachern in der Regel nicht intendiert. Die beiden Genres zusammenzuführen ist also ziemliches Neuland, wie das Monster, das den armen Hank terrorisiert.

Der Kumpel trinkt gern die Alkoholreste aus der Abtropfmatte am Tresen ihrer Stammbar

Das Team um Jeremy Gardner, der Hank spielt, das Drehbuch schrieb und sich die Regie mit Christian Stella teilt, der sich wiederum auch um die Kamera kümmert, hat den Film mit minimalen Mitteln realisiert: Schauplätze sind nur das einsame Haus und eine Bar, Charaktere gibt es gerade mal ein halbes Dutzend. Die Kamera ist statisch, nur bei den Rückblenden mit Abby (Brea Grant) wird ein wenige Nouvelle Vague zitiert, aber das ist so vorhersehbar für eine halbwegs anspruchsvolle Lovestory, dass es nur ironisch gemeint sein kann. Genauso wie Hanks "Bewältigungsstrategien" in der Liebeskrise.

Neben den schon erwähnten Schießübungen und Nachtwachen sind das natürlich Alkohol und Jagd, also Monsterjagd. Mit seinem Kumpel Wade, der dafür bekannt ist, die Alkoholreste aus der Abtropfmatte auf dem Bartresen zu trinken, will er das Monster stellen. Mit Axt und Flinte streifen sie bierernst, wie zwei Vollidioten, durchs Unterholz.

Wade vermutet, es handele sich bei dem Monster um einen fleischfressenden Außerirdischen oder eine mutierte Hauskatze. Als es den beiden dann doch etwas zu gruslig wird, kommt es zu einem kurzen, nicht zu emotionalen Verbrüderungsmoment. Dann gehen sie sich besaufen. Selten wurde die Lächerlichkeit von Ritualen zum Beweis der eigenen Männlichkeit so schön in die Ernsthaftigkeit eines Horrorfilms geschmuggelt.

In der schönsten Szene - Abby hat sich im Gegensatz zu Hank ein Herz gefasst und ist wieder da - sitzt das Pärchen in der offenen Verandatür und wartet gemeinsam auf das Monster. Sie feiern in Abbys Geburtstag rein. Es gibt Bier und Wein, zur Feier des Tages mal nicht aus Einmachgläsern. Wo war Abby denn nun? War alles nicht so schlimm? Abby will nicht an das Monster glauben, für sie ist das gemeinsame Warten die längst überfällige Paartherapie. Nur: Hank hat das Viech inzwischen mit eigenen Augen gesehen. Wie die Filmemacher diese beiden Handlungsstränge zusammenbekommen wollen? Die Liebe kann manchmal ziemlich brutal werden.

After Midnight, USA 2019. Regie: Jeremy Gardner, Christian Stella. Buch: Jeremy Gardner. Kamera: Christian Stella. Mit: Jeremy Gardner, Brea Grant, Henry Zebrowski. Drop Out Cinema, 83 Minuten.

© SZ vom 21.07.2020/tmh
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