bedeckt München
vgwortpixel

Afropopkolumne:Majestätisch

Diesmal mit dem Sampler "Congo Revolution" und der gefeierten Sängerin Aziza Brahim - sowie der Antwort auf die Frage, was aus Highlife-König Pat Thomas wurde.

Das Archiv-Fieber hat mit einiger Verspätung den afrikanischen Kontinent erfasst. Was für ein Glück! Mangelt es doch immer noch an kuratierter, politisch informierter Pop-Aufarbeitung. Da wirkt der Sampler "Congo Revolution - Revolutionary And Evolutionary Sounds From The Two Congos 1955-62" (Soul Jazz) wie ein Leuchtturm. Hatte der kongolesische Rumba nicht einst auf ganz Afrika abgestrahlt? Der Zeitraum dieser Kompilation ist gut gewählt: Kurz vor und nach der Unabhängigkeit der beiden einst von Belgien respektive Frankreich kolonialisierten Kongos, kochten sich Politik und Popkultur gegenseitig hoch - und schufen dabei großartige musikalische Hybride. Man hört den Aufnahmen von Pionieren wie O.K. Jazz, Brazzos, Rock-A-Mambo, African Jazz oder The Beguen Band deutlich den Einfluss der Plattenimporte von der anderen Seite des Atlantiks an: Kubanischer Son, Rumba, Mambo und Beguine mischen sich mit kongolesischem Folk und schmutzig-jazzigen Bläsern. Man stelle sich Dizzy Gillespie oder Ray Baretto mit einer etwas verstimmten Horn Section vor. Viele der Sänger versuchen sich, den karibischen Vorbildern nacheifernd, auf spanisch. Die Euphorie aber ist hausgemacht. Wer konnte damals schon ahnen, dass der Unabhängigkeitsheld solch herrlich swingender Rumba-Nummern wie "Patrice Lumumba" schon kurze Zeit später mit Hilfe belgischer Militärs und des CIA ermordet werden, der Kongo unter Diktatoren wie Mobutu zur korrupten Staats-Persiflage verkommen würde? Fast märchenhaft wirken da die Porträts des kongolesischen Fotografen Jean Depara im 50-seitigen Booklet: Man sieht Musiker und Tänzer in flamboyanten Mod-Anzügen, die sich voller Zuversicht zwischen Motorroller und Verstärker-Boxen inszenieren. Auch visuell ist das ganz großer Pop!

In Westafrika köchelte zur selben Zeit eine ganz ähnliche Fusion: Highlife. Die aus lokalen Akan-Traditionen und Big-Band-Jazz zusammengebraute Tanzmusik machte schon in den Zwanzigern - daher ihr Name - in den Kreisen der ghanaischen Oberschicht Furore. Der aus Kumasi stammende Pat Thomas spielte ihn in den Sechzigern mit Ebo Taylor, dem anderen Giganten des Highlife, in mehreren lokalen Bands. Seit den Achtzigern aber schien der akustische Highlife der Vergangenheit anzugehören: Ein Militär-Coup und Ausgangssperren hatten die lokale Musikszene veröden lassen. Und nun dieses unerwartete Comeback: Wie schon Ebo Taylor ist Pat Thomas, die "goldene Stimme" des Highlife, wieder mit seiner Kwashibu Area Band ins Studio gegangen. "Obiaa!" (Strut) zielt dabei vor allem auf eine verjüngte Fanbase im Westen. Das Album leistet für den Highlife, was zuletzt etwa Sharon Jones & The Dap-Kings für den Soul geleistet haben, es katapultiert ein historisches Genre in Hipster-Territorium, atmet ihm - ganz ohne Samples oder digitale Effekte - den Funk der urbanen Gegenwart ein. Tatsächlich hat Thomas nichts von seiner Dynamik verloren. Seine gesungenen Lebensweisheiten strahlen immer noch honigsüße Nonchalance aus. Die um Nachwuchsmusiker aufgerüstete Band ergänzt sie mit funkelnden Gitarrenläufen und mehrstimmigen Chants. Und dann diese kontrapunktischen, mal stechenden, mal majestätisch dahintreibenden Bläserriffs!

Ein junges schwarzes Mädchen in Ballettschuhen und weißem Tutu. Das Coverbild von Aziza Brahims neuem Album "Sahari" (Glitterbeat) verstört erst mal, wenn man es im Kontrast zu den Baracken des Flüchtlingslagers im Hintergrund betrachtet. Die Wüsten-Szene aber symbolisiert für Brahim Heimat und Hoffnung. Die Sängerin wuchs selbst wie Tausende ihrer Sahawari-Landsleute in einem Camp in der algerischen Wüste auf, wohin ihre schwangere Mutter 1976 vor der marokkanischen Besatzung der West-Sahara geflüchtet war. Dass ihr Schicksal und ihr Kampf um Rückkehr nicht vergessen ist, das liegt auch an Brahim. Als junges Mädchen war sie mit einem Stipendium nach Kuba gegangen und später nach Algerien zurückgekehrt. Heute lebt sie in Barcelona. Dieses Kosmopolitentum hört man ihrer Musik an: Wie auf ihren letzten Alben lässt sich Brahim von mediterranen Flamenco-Gitarren begleiten, mäandert ihr nasaler Gesang über den lässig schaukelnden Wüsten-Rhythmen der für die Sahrawi-Tradition unabkömmlichen Tabal-Trommel. Nur dass sie diesmal die spanische Produzentin Amparo Sanchez mit dabei hat. Sie hat "Sahari" eine moderne Kante verpasst. Sind es doch gerade die subtilen elektronischen Beats und Effekte, die Brahims Musik über die bloße Folklore hinausheben, ihren Sehnsuchtsliedern und Flüchtlings-Balladen eine universale Note verleihen. Rebel Music einer der gefeierten Sängerinnen Nordafrikas!