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Afropopkolumne:Ein warmer Regen aus Optimismus

Hätten Fela Kuti und Harry Belafonte in einem ghanaischen Fischerdorf eine Ode an die Menschheit aufgenommen - sie hätte geklungen wie das neue Album der jungen Band "Santrofi".

Von Jonathan Fischer

Oft werden musikalische Traditionen erst richtig wertgeschätzt, wenn man sie schon verloren glaubt. So verhielt es sich etwa mit Ethio-Jazz oder Afrobeat aus den 70ern, die beide in den Nullerjahren von hippen westlichen Musikern wiederentdeckt wurden. Warum jetzt nicht auch der ghanaische Highlife? Bisher assoziierte man diesen Stil vor allem mit Veteranen wie Ebo Taylor oder Pat Thomas, während viele der jungen Westafrikaner kaum noch eine Vorstellung von der Popmusik hatten, zu der einst ihre Eltern beziehungsweise Großeltern tanzten. Da kommt eine junge Band wie Santrofi umso überraschender. Eine Truppe die auf ihrem Debutalbum "Alewa" (Outhere Records) mit melodiösen Gitarrenriffs, leichtfüßiger Percussion und Harmoniegesängen einerseits so klingt, als hätte sie bereits in den 60er Jahren die Highlife-Clubs animiert, zu denen damals Stars aus ganz Afrika wie Fela Kuti, Orlando Julius oder Hugh Masekela pilgerten. Und die dabei andererseits eine ganz und gar zeitgenössische Energie versprüht. Santrofi - der Name bezeichnet in der lokalen Akan-Mythologie einen bunten, viergeflügelten Vogel, der so selten ist, dass man ihn nicht jagen darf - versammelt acht der versiertesten Highlife-Musiker einer jungen Generation. Wie der Bassist, Produzent und Bandgründer Emmanuel Ofori haben sie ihre Lehrjahre bei den Veteranen des Genres abgeleistet. Lange tönte Highlife, diese sonnigere Schwester des Afrobeat, nicht mehr so frisch: Da ist das von lässig schaukelnden Gitarren untermalte "Kokrokoo", der karibische Swing von "Odo Maba", die quirligen Funk-Rhythmen von "Adwuma". Hätten Fela Kuti und Harry Belafonte in einem ghanaischen Fischerdorf zusammen eine Ode an die Menschheit aufgenommen - das Ergebnis hätte ähnlich geklungen. Ein warmer Regen aus Optimismus und Groove.

Wen dieser Sound angefixt hat, der wird sich rückwärts durch die Geschichte wühlen: Ein Glücksfall, dass das britische Label BBE gerade zwei historische Afrobeat-Alben wiederveröffentlicht, die selbst Kenner des Gesamtwerks von Fela Kuti und Tony Allen mit ein paar unerhört tighten wie ungewöhnlichen Arrangements überraschen dürfte: "The Tabansi Studio Band Vol. 3" (BBE) vereint zwei ursprünglich in den späten 70er und frühen 80ern erschienene Aufnahmen. Viele Jahre galten die beiden Alben "Wakar Alhazai Kano" und "Mus'en Sofoa" als unauffindbar. Jetzt fügen sie dem Afrobeat noch mal ein paar neue Geschmacksrichtungen hinzu. Der legendäre Sänger Prof. Goddy Ezike deklamiert seine Chants mal auf Igbo, mal auf Hausa. Funk, Jazz und Soul-Einflüsse dominieren die Igbo-Stücke. Der pure Voodoo aber sind diese psychedelischen viertelstündigen Jams, die in den 6/8- Rhythmen der modalen Hausa-Tradition an Tuareg-Rock erinnnern. Und an James Brown in Moll.

Explizit auf den Club-Kontext zielt das ugandische Elektronik-Percussion-Projekt Nihiloxica. Das Ensemble junger Trommler entstand als Aushängeschild einer Initiative, die unterprivilegierten Jugendlichen in Kampala musikalische, spirituelle und handwerkliche Praktiken vermittelt. Anfangs dienten sie nur als Begleitung: Unter dem Namen Nilotika Cultural Ensemble untermalten sie lange Clubnächte, brachten archaische Buganda-Trommel-Traditionen in die blühende elektronische DJ-Szene der ugandischen Hauptstadt. Bis 2019 zwei Briten auf den Plan traten: Der Jazztrommler und Produzent Spooky J und sein Soundtüftler-Kollege pq zogen für einen Auftritt auf dem elektronischen Festival Nyege Nyege die heimischen Trommler hinzu. Aus den Proben resultierte die auf Nyege Nyege Tapes veröffentlichte und von der internationalen Kritikerschaft hochgelobte EP "Nihiloxica". Es war der Anfang einer langen Konversation auf Augenhöhe. Nun folgt das erste Album: "Kaloli" (Crammed Discs). Kaloli bezeichnet den Marabu-Storch, der die Müllplätze ostafrikanischer Großstädte bevölkert. Bei aller Hässlichkeit ist der Vogel ein eleganter Flieger. Das passt zur dunklen Intensität der Nihiloxica-Musik: Da fließen analoge und elektronische Polyrhythmen in einen gewaltigen, hypnotischen Mahlstrom, bedrohlich brummende Synthie-Drones ziehen wie düstere Wolken durch einen perkussiven Hagelsturm - bis es vollkommen egal ist, ob nun ugandische Folkrhythmen oder Minimal Techno Pate standen. Gerade das Rohe und Brutale an dieser Musik überzeugt. "Die beste Band auf Erden" jubelte das amerikanische Popzine Quietus. Live ist Nihiloxica sicherlich eine halluzinogene Erfahrung. Bis das Ensemble wieder auf Festivals und Clubs die Zukunft der neuen afrikanische Elektronik predigt, sollte man sich diese Aufnahmen laut und mit Kopfhörern in die Synapsen schießen.

© SZ vom 19.05.2020
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