Afropop Bis zum Hals im Niger

„Macht Mali wieder zu einem Hafen des Friedens“ prangt auf den T-Shirts. Politik ist allgegenwärtig vor und auf der Bühne am Ufer des Nigerstromes, der hier oben in Mali eigentlich noch ein Fluss ist.

(Foto: Jonathan Fischer)

Was Waffengewalt nicht kann, schafft die Musik. Das Festival "Sur le Niger" trotzt den Dschihadisten und lädt Bands, Rapper und Sängerinnen aus ganz Afrika ein.

Von Jonathan Fischer

Darf man zum Tanz aufrufen, wenn gerade Dutzende Tote zu beklagen sind? Ist Musik wirklich wichtiger als die Sicherheit der Bevölkerung? Und wer garantiert angesichts der Terror-Gefahr für die Besucher des größten jährlichen Musikereignisses Malis, des Festival sur le Niger in Ségou? So fragte vor einigen Wochen ein Kommentator der malischen Nachrichtenseite Maliactu.net . Und forderte die Absage des traditionsreichen Festival sur le Niger in Ségou, einer Provinzhauptstadt, 235 Kilometer flussabwärts von der Hauptstadt Bamako. Nur eine Woche vor Beginn hatten Dschihadisten nicht weit vom Festivalort bei Überfällen auf Armeelager mehr als 40 Soldaten und Zivilisten ermordet.

Tatsache ist, dass der malischen Armee die Kontrolle über weite Teile des Landes entglitten ist, dass ein Netzwerk miteinander verflochtener Dschihadisten und Drogenkartelle darüber bestimmt, welche Schule in Zentralmali noch operieren kann und welches Dorf es noch wagen kann, Hochzeiten abzuhalten. Aber sollen die Malier deswegen auch noch auf ihr größtes und international renommiertestes Musikfestival verzichten?

"Wir dürfen uns," konterte Mamadou Daffé, der Direktor des Festival sur le Niger, "von den Terroristen nicht unser Leben vorschreiben lassen. Nichts ist wertvoller als unsere Kultur." Daffé erklärte die Tanztheater, Konzerte, Ausstellungen und traditionellen Zeremonien in Ségou kurzerhand zum "Akt des Widerstands". Auch deswegen hatte man das zuletzt in die besser zu schützende Innenstadt verlegte Festival ans Niger-Ufer zurückgebracht.

Ségou mit seiner alten sudanesischen Lehmarchitektur und den breiten ungeteerten Alleen macht trotz einiger Schützenpanzer nicht den Eindruck eines Kriegsgebietes. Ambulante Händlerinnen balancieren Kochbananen und Fisch auf dem Kopf, Motorpirogen und Eselsgespanne tauschen am Ufer ihre Fracht aus. Seit Jahrhunderten waren die verschiedenen großen Ethnien Malis von den Bambara im Süden bis zu den arabisch geprägten Tuareg ganz im Norden entlang des Niger durch den Handel miteinander verbunden. Man tauschte nicht nur Waren aus, sondern auch Songs. "Musik", hat der malische Griot Bassekou Kouyaté erklärt, "diente uns immer als Kitt."

Musik ist auch der Grund, warum Mali, eines der ärmsten Länder der Welt, als kulturelle Größe gilt. So hatten die Veranstalter des Festival sur le Niger bei der Premiere 2005 noch Tausende Touristen angelockt. Malische Musiker wie Ali Farka Touré wirkten als Publikums-Magnete. Und das Festival au Desert in den Sanddünen vor Timbuktu ließ gar Promis wie Bono mit dem Hubschrauber einfliegen.

Vierzehn Jahre später ist das alles Geschichte. Die weißen Festivalbesucher in Ségou kann man an zwei Händen abzählen. Und die hinter den Taschenkontrollen lagernden Händler aus Gao, Mopti und Timbuktu können einem leidtun, wenn sie klagen, dass keine Kundschaft mehr für ihre Indigo-Decken und Kamelledertaschen komme. Seit sechs Jahren hoffen sie vergeblich. Nach der Besetzung des Nordens durch Dschihadisten im Jahre 2012 und einem darauffolgenden Putsch hatte zwar Frankreich militärisch interveniert. Der von einer großen Uno-Truppenpräsenz begleitete Friedensprozess jedoch stockt.

Die Rapperinnen sind deutlich: "Nein zum Terrorismus. Nein zur Korruption."

Regiert werden bestenfalls noch ein paar größere Städte. Denn de facto haben viele Politiker, wie auch gewisse Religionsführer, Drogenbosse und ihre wirtschaftlichen Profiteure kein Interesse an einem funktionierenden Staat.

Ségou wirkt da wie ein Lichtblick. Hier erlebt der panafrikanische Gedanke ein Comeback. Oliver Mutukudzi aus Harare, Zimbabwe, das Orchester K Musica aus der kongolesischen Hafenstadt Pointe Noire und mehrere mauretanische Rapper aus Nouakchott spielen auf der großen Festivalbühne im Niger. Auffällig auch, wie viele junge weibliche Rapperinnen und Sängerinnen dieses Jahr auf dem Programm stehen. Da tanzt Kareyce Fotso aus Kamerun in Jeans und mit umgehängter Gitarre zu energischen Afrobeats über die Bühne, um zwischendurch ziemlich launig die Zwangsehe zu verurteilen. "Wir lassen uns nicht vorschreiben, mit welchem Mann wir zusammenleben. Wir sind stark, wir sind klug, wir sind schön - und wir entscheiden selbst." Jubel unter den zigtausend überwiegend jungen Frauen, die sich mit Hidschab, Turban oder Hip-Hop-Käppis vor der Bühne drängen und mit ihren Smartphones in die Nacht leuchten.

"Nein zum Terrorismus. Nein zur Korruption. Nein zu Politikern, die nur ihre Taschen füllen", wettert wenig später das malisch-senegalesisch-mauretanisch-marokkanische Frauen-Hip-Hop-Quartett Jokko Cam. Die Politik ist allgegenwärtig. Nicht nur an den Infoständen von Initiativen zur Aids-Aufklärung, zur Beschulung von Mädchen oder Frauenkooperativen. Auf dem großen Festival-Bazar, zwischen Parfüm- und Kleiderhändlern, fallen immer wieder Trupps von jungen, westlich gekleideten Studentinnen auf: "Macht Mali wieder zu einem Hafen des Friedens" prangt auf ihren weißen T-Shirts.

"Unsere Initiative", sagt Rahabel Nantoume, die junge malische Koordinatorin der Initiative "Peace is Possible", "zielt darauf ab, die Jugendlichen in die politische Diskussion einzubeziehen." Besonders in den Krisenstädten wie Timbuktu, Gao oder Mopti halte man regelmäßige Workshops ab. Politische Bildung sei das eine. Das andere die Einrichtung von Werkstätten und Landwirtschaftsbetrieben für die einst im Lohn von Dschihadisten und Drogengangs stehenden Jugendlichen. "Ich habe erlebt, dass hier einstige Todfeinde friedlich zusammenarbeiten", sagt sie. "Unsere Spaltung ist nicht naturgegeben. Aber es gibt Leute, die davon profitieren."

Fast heimlich fand dann auch das Festival in Timbuktu wieder statt, nur eben ohne Weltstars

Man kann dieses Festival ansonsten sicher nicht mit westlichen Maßstäben messen. Manches scheint schlecht organisiert. Doch wer wissen wollte, warum westliche Musiker und Produzenten wie Damon Albarn und Doctor L die Reisewarnungen ihrer Botschaften für Mali immer wieder in den Wind schlagen, der musste nur etwa die Off-Konzerte im Innenhof des Hambe Hôtel besuchen, wo die pentatonischen Grooves lokaler Balafon-Orchester eine Brücke vom Niger zum Mississippi schlugen, und die nasalen Gesänge malischer Divas mit dem dreckigen Blues der Ngoni-Laute um die Wette klagten.

"Der Himmel möge", flehte der malische Popstar Abdoulaye Diabaté von der Bühne, "unserem Land in dieser schwierigen Übergangsphase helfen." Am Ende war es Hilfe zur Selbsthilfe. Denn nur eine Woche später hielt das legendäre Festival au Desert Wiedereinzug in Timbuktu, zum ersten Mal seit sechs Jahren und fast unbemerkt von der Öffentlichkeit. Aus Sicherheitsgründen hatte Organisator Mani Ansar das Event so gut wie nicht beworben. Trotzdem oder gerade deswegen funktionierte es. Ein halbes Dutzend Bands, darunter Ali Farka Tourés Sohn Vieux Farka Touré, ließen sich für das Vorhaben gewinnen, die Bühnenanlage kam auf dem Niger eingeschifft und das Personal mit der UNO-Mission aus Bamako eingeflogen. "Der Enthusiasmus der Bewohner von Timbuktu", erzählte der Tuareg-Veranstalter anschließend, "war mit Händen zu greifen." Malis Kultur wird nicht kampflos untergehen - so viel verrät der Mut seiner Musiker.