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Afrikabild im Westen:Safari und Massai-Romantik

Besonders prägend aber für das europäische Afrika-Bild wurde die Zeit der imperialen Expansion im 19. Jahrhundert. Sie hat auch zu Romanen inspiriert, den berühmtesten hat Joseph Conrad geschrieben, "Herz der Finsternis". Kann es ein bedrohlicheres Dickicht geben als den Kongo, der dort beschrieben wird? Das Bild hat sich eingegraben im kollektiven Gedächtnis.

Das Grauen! Das Grauen!

Natürlich könnte man auch fragen: Gibt es eine leichtere, fröhlichere Musik als die im Herz der Finsternis? Schließlich hat der kongolesische Sound die Welt erobert. Doch damit würde man an lieb gewonnenen Gewissheiten rütteln. Denn der Kongo muss herhalten als Inbegriff der Düsternis auf Erden. So wie der wahnsinnig gewordene Elfenbeinhändler Mr. Kurtz bei Conrad sein Leben mit den Worten aushaucht: "Das Grauen! Das Grauen!"

Ironischerweise verfehlt die populäre Deutung Conrads die Komplexität des Romans. Denn dieses Werk unternimmt, genauer betrachtet, eine Expedition ins Innere des Menschen, zum barbarischen Kern eines jeden, wenn man so will. Insofern ist der Blick nicht auf Afrika verengt, sondern universell. Aber das ändert nichts daran, dass das Herz der Finsternis mit Afrika assoziiert wird, Und so geistert es noch immer als pars pro toto für den Kontinent umher.

Zwar dürfte das rassistische, von imperialistischen und sozialdarwinistischen Ideen getränkte Bild Afrikas, das sich im 19. Jahrhundert verfestigt hat, heute vielfach zertrümmert sein. Aber doch nicht ganz. Die Vorliebe für die Finsternis legt nahe, dass Fragmente kolonialer Bilder überdauert haben - trotz der Erfahrungen im Dritten Reich und der Zäsur, die Europa 1945 erlebte. Der kenianische Schriftsteller Binyavanga Waynaina hat die Klischees und Vorurteile unnachahmlich satirisch auf den Punkt gebracht, indem er eine Schreibanleitung dafür lieferte, was in einem guten Buch über Afrika keinesfalls fehlen dürfe: "Behandele Afrika, als wäre es ein Land. Es ist heiß und staubig, mit großen Viehherden und großen, dürren Leuten, die hungern. Oder es ist heiß und dampfend feucht, mit sehr kleinen Menschen, die Primaten essen." So geht es weiter, ein Bild nach dem anderen spießt er auf. Humorvoll, aber mit Biss.

Weil eigene Erfahrungen den Europäern oft fehlen, bleiben historisch überlieferte Bilder von Afrika mächtig. Aber sie überlagern sich mit neueren Berichten, wie sie zum Beispiel die Medien liefern. Es liegt in der journalistischen Verantwortung, Klischees und Zerrbilder Afrikas nicht weiter zu bedienen, sondern sie zu korrigieren. Es wäre falsch, daraus zu folgern, dass man künftig weniger über die Gewalt in Afrika berichten sollte. Wer schwere Verbrechen totschweigt, hilft nur den Tätern. Wahr ist aber auch: Es gibt noch ein ganz anderes Afrika, das in Europa recht wenig zur Geltung kommt.

Die Afrikaner bleiben draußen

Nicht selten ist es so, dass Besucher, die von einer Afrika-Reise nach Europa zurückkehren, überrascht erzählen, es sei ganz anders gewesen, als sie erwartet hätten. Vorausgesetzt, sie haben neben Sandstrand und Safari auch noch ein paar Menschen auf diesem Kontinent getroffen. Auf die Mehrheit der Touristen trifft das vermutlich nicht zu. Das gängige Urlaubsverhalten findet seine Entsprechung eher in den Kitschfilmen, die für das Abendprogramm im Fernsehen produziert werden. Europäische Liebesgeschichten, in denen die Afrikaner wieder nur Teil der Kulisse sind - genau wie in "Black Hawk Down". Hier finden europäische Schnulze und US-Action zueinander. Die Afrikaner bleiben draußen.

Und noch etwas fällt auf: In den schwülstigen Romanzen ist die Tierwelt weit wichtiger als einheimische Menschen. Elefanten und Löwen verweisen auf romantische Vorstellungen von der unberührten Wildnis, die als Sehnsuchtsorte ihren Platz in der bürgerlichen Befindlichkeit Europas beanspruchen. Sofern "der Afrikaner" dort als Verkörperung vermeintlicher Ursprünglichkeit hineinpasst, wird er - etwa in Gestalt eines fröhlichen Massai - gerne aufgenommen. Am besten mit Schirmakazie und Kilimandscharo im Hintergrund.

Wer noch etwas mehr erleben will als Safari und Massai-Romantik, dem steht Afrika indes weit offen. Nirgendwo kann man leichter reisen und Menschen kennenlernen als auf diesem Kontinent, solange man die Krisenherde umschifft. Um mit einem gängigen Afrika-Klischee zu schließen: Das Herz der Finsternis wartet noch darauf, entdeckt zu werden.

Unicef-Foto des Jahres 2009

Schwarz und Weiß

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