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Afrika-Roman:Im Hotel des Lebens

Der französische Schriftsteller Olivier Rolin huldigt der nubischen Königsstadt Meroe. In seinem gleichnamigen Roman bringt er den Helden im Sudan mit einem Archäologen zusammen und lässt ihn eine Inventur des Scheiterns schreiben.

Von Cornelius Wüllenkemper

Als er nach Jahren des freiwilligen Exils nach Frankreich zurückkehrte, so berichtet der namenlose Ich-Erzähler in Olivier Rolins Roman "Meroe", habe er verstanden, dass man dort nur noch Zyniker und Gewinner zu schätzen weiß. Verlierer waren ihm schon immer lieber als Gewinner, ein Grund mehr also, schleunigst den Rückweg anzutreten in sein schäbiges Zimmer im Hôtel des Solitaires im sudanesischen Khartum. An diesem "ungeheuer großen Nicht-Ort zwischen Leben und Tod" versucht er sich mithilfe einer Enzyklopädie des zwanzigsten Jahrhunderts einen Reim zu machen auf "das, was man die Welt nennt" und seinen eigenen Lebenserinnerungen auf die Sprünge zu helfen.

Aber einerseits gibt es zu viele Dinge, die "wahrscheinlich nur als Wörter existieren", und andererseits vermag er es nicht, die "intensive Klarheit des Lebens", geschweige denn die Erinnerung daran in Worte und Sätze zu bannen. Eine missliche Ausgangslage für jemanden, der eine Geschichte erzählen will, und zugleich der perfekte Startpunkt für einen Roman über das Scheitern.

Im selbstgewählten Exil trifft der Liebeskranke auf einen schillernden Archäologen

Olivier Rolin, dieser großartige Erzähler von Geschichte und Geschichten, huldigt in diesem vor 15 Jahren erstmals auf Deutsch erschienenen, nun neu aufgelegten Roman "Meroe" über die nubische Königsstadt im heutigen Sudan erneut der Melancholie des Verlusts, des Zuspätkommens und der Schönheit der Niederlage. Rolins Helden stößt ihr eigenes Leben eher zu, als dass sie es gestalten, und zugleich sind sie besessen davon, Sinn in die Geschichten zu bringen, die sie sich über sich selbst erzählen. In seinem autobiografischen Roman "Die Papiertiger von Paris" rechnete der Autor mit seiner eigenen Verirrung als Mitglied einer radikal-maoistischen Untergrundgruppe in den 1960er-Jahren ab. In "Der Meteorologe" erzählte er vom Schicksal eines von Stalins Schergen Deportierten, der bis zum Moment seiner Exekution davon überzeugt ist, die Partei werde das offenkundige Versehen bemerken und ihn, einen treuen Sowjetbürger, begnadigen.

Auch in "Meroe" geht es um die Vergänglichkeit, um vergebliche Hoffnungen und um die Unmöglichkeit, das Chaos der Welt in eine lineare Geschichte zu verwandeln. Aber Eckpunkte sind festzuhalten. Als Französischlehrer ließ sich der Erzähler nach Khartum versetzen, um dort ein "radikal Fremder" zu werden, nachdem er in Paris seine Geliebte Alfa verlassen hatte - oder hat sie ihn verlassen? Im selbstgewählten Exil im Hôtel des Solitaires trifft der Liebeskranke auf den schillernden Archäologen Doktor Vollender, der in der alten Königsstadt Meroe obsessiv nach Relikten der christlichen Vergangenheit Nubiens gräbt. Bereits Vollenders Tochter starb als seine Grabungshelferin eines unbekannten Todes, und auch die neue Assistentin, die aus Berlin geschickt wird, überlebt seinen archäologischen Furor nicht. Will er seinen Karriereknick als ehemaliger DDR-Archäologe aufholen, oder muss er seine Vergangenheit als Ex-Spion verschleiern?

Bis zum Ende des Romans bleibt der Held eher Beobachter als Gestalter des Geschehens

Diese Fragen sind nur weitere Rätsel, denen Rolins Ich-Erzähler in Khartum, dieser "schimärischen Stadt aus Sand, Gebeten und Wahnsinn", auf der Spur ist. Während er die "schwatzhafte Beschäftigungslosigkeit" der Sudanesen mit großer Sympathie beobachtet, vertreibt er sich die Zeit mit Gesprächen über Früh- und Kolonialgeschichte und studiert bei unzähligen Zigaretten die Tagebücher von Charles George Gordon, einst britischer Generalgouverneur der ägyptischen Provinz Sudan. Gordon wurde im Jahre 1885 nach 322 Tagen der Belagerung Khartums von mahdistischen Widerstandkämpfern überwältigt und enthauptet. Auch Gordon ist einer von Rolins schön Gescheiterten, denn die nur zwei Tage später eintreffenden britischen Hilfstruppen konnten ihn nicht mehr retten.

Im Durchgang durch die vielschichtig verwobenen Zeitebenen führt der Erzähler mit unlarmoyanter Melancholie die Schönheit der Niederlage vor. Das strikte Alkoholverbot unter der islamistischen Diktatur im Sudan zur Zeit der Aufzeichnungen bewahrt ihn vor weinerlichem Leidensrausch. Er springt durch die Zeiten und die Zeitalter, bis er alles in einem Strudel der verlorenen Vergangenheit und rätselhaften Gegenwart mit sich reißt, seine Jugend in Frankreich, die Flucht aus Paris nach Karthum, die paar "verglühten Steine", die als einzige Überreste auf das christliche Meroe verweisen, die mysteriösen Todesfälle am Grabungsfeld und die obsessive Suche nach seiner verlorenen Geliebten, oder doch wenigstens nach einer authentischen Erinnerung an sie.

Die Ausgrabungen des zwielichtigen Archäologen Vollender spiegelt Rolin in den besessenen Versuchen des Ich-Erzählers, in den Verschüttungen der Zeitgeschichte wie in seiner eigenen Lebensgeschichte irgendeine Orientierung zu finden. Bis zum Ende des Romans bleibt er mehr Beobachter denn Gestalter des Geschehens, zieht gewagte Verbindungen und stellt kühne Vermutungen auf, saugt Eindrücke, Erinnerungen und Ideen auf wie ein gut gelaunter Gast im labyrinthischen Hotel des eigenen Lebens. Die Polizei, die ihn wegen des ungeklärten Todes der Assistentin des Archäologen befragen wird, erwartet er gelassen in seinem Zimmer im Hotel der Verlassenen in Khartum. Schließlich weiß er, dass es zwar nur eine Realität, aber unendlich viele Erzählungen gibt.

Olivier Rolin: Meroe. Roman. Aus dem Französischen von Jürgen Ritte. Liebeskind Verlag, München 2017. 302 Seiten, 22 Euro.

© SZ vom 25.09.2017

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