Afrika Die rauchige Stimme der Straße

Hip-Hop gegen Kleptokraten: Der Sänger und Aktivist Smockey kämpft in Burkina Faso für Demokratie. Eben hat er einen Putsch überlebt.

Von Jonathan Fischer

Politischer Hip-Hop in Afrika und politischer Hip-Hop im Westen: Das sind zwei paar Schuhe. Dort, wo freie Meinungsäußerung selbstverständlich ist, klingt er schnell mal nach Gratis-Rebellion. Nach Radikalität als Pose. Selbst Public Enemy, die Paten des Polit-Hip-Hop aus den Achtzigern sind nicht dagegen gefeit. Ihr Logo - ein Gewehrschütze im Fadenkreuz - prangt längst auf Wanduhren und Designerjacken.

Der burkinabesische Hip-Hop-Star Smockey liebt Public Enemy, Kassetten der US-Band animierten ihn vor drei Jahrzehnten zu seiner Karriere als Rapper, und wenn er zuerst seine US-Vorbilder auf lautgemaltem Englisch imitierte, dann wechselte er später der Verständlichkeit halber zu Französisch und Mòoré, eine der zwei offiziellen Sprachen von Burkina Faso. "Ich habe diese Wut gespürt. Und dass Hip-Hop in der Lage war, Menschen für ein Anliegen zusammenzubringen".

So weit mag Afrika noch ähnlich wie Amerika funktionieren. Doch wenn es um das Gefühl geht, als tatsächlicher "public enemy" im Visier der Staatsmacht zu stehen, dann flirtet Smockey mit keinem Pop-Image. "Sie wollten mich umbringen. Mich und meine Familie", sagt der 43-jährige Polit-Aktivist nach dem jüngsten Staatsstreich in Burkina Faso. "Wir haben nur überlebt, weil wir rechtzeitig untergetaucht sind".

Serge Bambara, der sich seiner rauchigen Stimme wegen Smockey nennt, hat eine Mission: Er und seine Mitstreiter wollen die Jugendlichen Afrikas politisch bilden; ihnen die kapitalismuskritischen Ideen Thomas Sankaras, des 1987 bei einem Putsch ermordeten Präsidenten, beibringen; ihnen von dessen einst erfolgreichen Bemühungen um Autarkie, Bescheidenheit und Selbstorganisation erzählen, dem Bild einer Zukunft jenseits sich ewig ablösender Kleptokraten; und dass Burkina Faso nicht ohne Grund wörtlich "Land der Aufrechten" heiße - so hatte Sankara einst das ehemalige Obervolta getauft.

Natürlich, so Smockey, kritisiere er auch die Versäumnisse seiner Vorbilder. Aber die Geschichte afrikanischer Revolutionäre werde in den Schulen nicht gelehrt, weil dies den Machthabern zu gefährlich erscheine. Afrika ähnele einem kranken Mann, der vergessen habe, dass er die Medizin schon in sich trage. Seinen politischen Hip-Hop versteht er als Erinnerung daran, "dass wir selbst etwas Neues erschaffen können". Etwas Neues, wie etwa die von Smockey mitbegründete Bürgerrechtsbewegung Balai Citoyen.

Balai Citoyen, das heißt soviel wie "Bürgerbesen", und wenn die Menschen in Burkina Fasos Hauptstadt Ougadougou mit erhobenen Besen demonstrieren, dann versteht jeder: Es ist Zeit, endlich aufzuräumen, was jahrzehntelang unter den Teppich gekehrt wurde. Machtmissbrauch, Korruption, untätige Behörden.

2013 hatte der Rapper zusammen mit dem Reggaesänger Sams'K Le Jah die Balai Citoyen aus der Taufe gehoben. Im Oktober letzten Jahres mobilisierten sie die Jugend zu einer Welle von Straßenprotesten. Den Demonstranten gelang etwas in Afrika nie Dagewesenes: Sie jagten den korrupten, seit 28 Jahren herrschenden Präsidenten Blaise Compaore ins Exil. Den Soundtrack dazu lieferten Smockeys Raps wie "Putch a Ouaga" und "A Balles Réelles". Ein Traum schien wahr zu werden: Eine Übergangsregierung wurde eingesetzt, demokratische Wahlen geplant. Bürgerrechtsaktivisten in ganz Afrika hofften auf einen "afrikanischen Frühling".

"Unsere Stärke ist unsere Zahl", sagt Smockey. Demonstration der von ihm mitbegründeten Bürgerrechtsbewegung Balai Citoyen in Ouagadougou.

(Foto: Sophie Garcia)

Am 16. September aber muss Smockey untertauchen. Die dem alten Regime gegenüber loyale Präsidentengarde putscht, verhaftet die Übergangsregierung und schießt auf demonstrierende Bürger. Von wechselnden Handys aus - "ich werde überwacht" - erzählt der Rapper von Hausdurchsuchungen, erschossenen Demonstranten, täglich wechselnden Verstecken. Und seinem zerbombten Lebenswerk.

Smockey sagt, er habe die Zeit im Untergrund vor allem mit einem Propaganda-Krieg verbracht. Auf Facebook schrieb er gegen eine Kampagne an, die ihn und andere Leute von Balai Citoyen als reiche, dekadente "Parasiten" verunglimpfte.

Doch der Versuch, den Rapper zum Verstummen zu bringen und seinen Ruf zu ruinieren, ist gescheitert. Als die reguläre Armee nach einer Woche eingreift und die Auflösung der Präsidentengarde aushandelt, ist in der Stimme des Rappers Erleichterung zu hören. Aber auch enorme Wut. "Wir haben den Hass derjenigen gespürt, die allein um ihre Pfründe kämpfen. Doch unsere Entschlossenheit war größer."

Dass die Leute von Balai Citoyen keine Waffen tragen, sei kein Nachteil gewesen, glaubt Smockey und verweist auf das Motto der Bewegung: "Unsere Zahl ist unsere Stärke". Von 16 Millionen Einwohnern Burkina Fasos seien über zwei Millionen als "Besenbürger" aktiv. Man habe den Widerstand in der Hauptstadt bis zum Eintreffen der Armee aufrecht erhalten. Und dass sie eingreifen würde, daran habe er nie gezweifelt. Viele der Soldaten- und Offiziers-Familien seien selbst Mitglieder von Balai Citoyen und unterstützten deren "universelle, gerechte Ziele": Menschenrechte. Meinungsfreiheit. Mitbestimmung.

"Wir sind eine Art Pilotprojekt für Afrika. Wenn wir es schaffen, werden andere folgen."

Es gehe gar nicht nur ums Protestieren. Vielmehr habe man von Anfang an konstruktiv am Aufbau der Gesellschaft gearbeitet: Mit dem Einsatz für ein städtisches Krankenhaus, öffentlichen Debatten und einem Fonds für mittellose Mitbürger. "Wir sind hier eine Art Pilotprojekt für Afrika. Wenn wir Erfolg haben, dann werden sich die Bürger vieler afrikanischer Länder ein Beispiel an uns nehmen".

Tatsächlich hat der Aufstand in Burkina Fasos ein starkes panafrikanisches Moment. Neben den Black Panthers und Che Guevara, sagt Smockey, hätten ihn vor allem die senegalesischen Rapper-Kollegen inspiriert: Die von Hip-Hop-Stars und Journalisten gegründete Bürgerrechtsbewegung Y'en A Marre bot bereits 2012 dem damaligen senegalesischen Präsidenten Wade erfolgreich die Stirn.

Nach dem Erfolg der Jugendrevolte in Ougadougou flammten die Bürgerproteste dann auch an anderen Ecken Afrikas auf: in Burundi, im Kongo, in Gabun und Kamerun - wo immer auch Präsidenten die Verfassung für eine verlängerte Amtszeit aushebeln wollten. "Wir sind im ständigen Austausch über erfolgreiche Widerstandsstrategien", sagt Smockey.

Serge Bambara alias Smockey ist Mitgründer der Bewegung Balai Citoyen, die 2013 Burkina Fasos Präsidenten aus dem Amt jagte. Kürzlich unternahmen dessen Leute einen Putschversuch.

(Foto: privat)

Gleichzeitig stieg sein Abazon-Studio zu einem wichtigen Begegnungsort auf. Im März diesen Jahres trafen sich dort kritische Rapper aus neun afrikanischen Ländern, darunter der Senegalese Didier Awadi, Soum Bill von der Elfenbeinküste und Master Soumi aus Mali. Als Ambassadors for Creative Expression nahmen sie dort gemeinsam die Single "Right For Life" auf.

"Wir sind uns als Künstler einig gewesen, dass wir die Pflicht haben anzuklagen, wo der Staat den sozialen Vertrag bricht", sagt Smockey. Heute diskutierten die jungen Burkinabe die Zukunft Afrikas engagierter und geschichtskundiger als je zuvor. Und das gehe auch die Europäer an. In den kommenden Tagen gastiert der Rapper unter anderem in Deutschland - und stellt dort sein neues, auf dem Münchner Label Outhere Records veröffentlichtes Album "Pre'volution" vor.

Die Leadsingle "Le President, Ma Moto Et Moi" ist ein wunderbares Beispiel subversiven Geschichtenerzählens: Smockey stellt sich da vor, den einstigen Präsidenten Compaore auf seinem Motorrad durch Ougadougou zu chauffieren, ihm Armut, kaputte Schulen und frustrierte Jugendliche zu zeigen.

Bis einer der täglichen Stromausfälle zu einem Verkehrsunfall führt. Der Rapper muss den Präsidenten in das nach ihm benannte Krankenhaus einliefern, ein Hospital in desolatem Zustand, wo man dem Verletzten mangels Sauerstoffflaschen nicht helfen kann. Willkommen im neuen Burkina Faso!

Smockey. Konzert und Diskussion. Am heutigen Donnerstag in München, am 16.10. in Berlin.