Afghanistan Generation AK

Stephen Duponts Fotos aus 20 Jahren erzählen vom Krieg in Afghanistan. Konkreter als jedes Geschichtsbuch.

Von Andrian Kreye

Der Widerspruch zwischen zwei neuen Büchern über Afghanistan ist enorm. Stephen Duponts "Generation AK" ist eines jener epischen Foto-Essays in der Tradition von W. Eugene Smith und Robert Capa, die den Betrachter tief in eine fremde Welt führen können. Der Band erzählt mit einer grausamen Wucht über die Kriege am Hindukusch, die der Australier über zwei Jahrzehnte lang für große Magazine fotografiert hat. Er ist aber auch ein gewaltiges Dokument, das belegt, welche Macht der Blick eines einzelnen Fotografen über die Geschichte bekommen kann.

Duponts Afghanistan ist ein archaischer Ort, der so weit aus der Zeit gefallen ist, dass selbst die wenigen Spuren verschlissener Technik wie Fremdkörper wirken - die Autos, die Werkzeuge der Ärzte und vor allem die allgegenwärtigen AK 47-Sturmgewehre, die dem Band ihren Namen geben. Die Gesichter der afghanischen Menschen sind auf diesen Bildern selbst in friedlichen Momenten von Last und Leid gezeichnet, die auf das europäische Auge so exotisch wie bizarr wirken. Von Seite zu Seite wird deutlicher, wie sich Stammeskulturen wie ein Bollwerk gegen eine Moderne richten, die sie immer nur erobern wollte.

Bilder aus zwanzig Jahren Krieg: Kriegsgefangene Taliban werden nach der Tagesarbeit in ihre Zellen zurückgeführt in Yangi Xala in Nordafghanistan.

(Foto: aus dem Band "Generation AK" von Stephen Dupont)

Wie Außerirdische wirken da die Soldaten der westlichen Allianz, die später im Buch mit ihrem Krieg gegen den Terror in den Berg- und Felslandschaften landen und sich dort mit ihren Kunststoffrüstungen in den eingeflogenen Containern wie in Raumstationen einrichten. Dieser Bruch zwischen den Zeiten wirkt bei Dupont wie ein unüberwindbarer Graben im buchstäblich militärischen Sinne.

Verstärkt wird die Wirkung durch den Rhythmus des Layouts. Die bedrohliche Ruhe hinter der Front unterbrechen immer wieder kurze Ausbrüche des Kampfes. So zeichnet der Band die Linie aus Apathie und Gewalt bis zur Unerträglichkeit nach. Die Bilder von einem Selbstmordattentat in Kabul 2008 sind von einer Härte, die man in Zeitschriften und Zeitungen nicht zu sehen bekommt.

Fast unwirklich ist es, wenn man danach "Afghan Modern" des Historikers an der Stanford University, Robert D. Crews, liest. Ganz bewusst schreibt er gegen Bilder an, die bei Dupont einen so dramatischen Bruch erzeugen. "Die afghanischen Denker waren sehr viel mehr als bloß Kosmopoliten, die sich mit einer Moderne einrichteten, die von ihren fremden Gegenübern bestimmt wurde. Für viele waren die afghanischen Antworten auf globale Fragen keine provinziellen Anpassungen. Sie waren universal." So beschreibt Crews von biblischen Zeiten über die Frühzeiten des Koran bis zur Gegenwart ein Land, das sich niemals als Randzone der Geschichte verstand. Und dessen Bewohner sich nie mit einer Nebenrolle begnügten.

Britische Soldaten beim Training in der Forward Operating Base Delhi, Garmsir.

(Foto: aus dem Band "Generation AK" von Stephen Dupont)

Crews beginnt sein Buch mit dem Zitat eines afghanischen Flugreisenden: "Wir werden größer als Dubai sein." Wer Duponts Bilder sieht, kann nicht daran glauben. Wer Crews' Buch liest, kann die Hoffnung zumindest verstehen.

Stephen Dupont: Generation AK - The Afghanistan Wars 1993-2012. Steidl Verlag, Göttingen 2015. 328 Seiten, 78 Euro.Robert C. Crews: Afghan Modern (auf Englisch). Harvard University Press, Cambridge 2015. 330 Seiten, ca. 28 Euro.