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Brexit-Serie "Affentheater":Meghan und Harry wollen arbeiten? Unmöglich!

Sie haben sich vom Königshaus losgesagt und damit eine Welle der Empörung losgetreten. Kein Einzelfall in einem empörungswütigen Land.

(Foto: AFP)

Das würde ja Großbritanniens vordemokratischen Status quo gefährden, mit dessen Hilfe der Brexit erst durchgesetzt wurde. Die schottische Autorin A. L. Kennedy berichtet wöchentlich aus dem Seelenleben des Brexit.

In dieser Woche ist ein königliches Paar aus dem Rampenlicht getreten und hat damit die gnadenlos feindselige Presse empört, die vom selben Paar wegen ihrer gnadenlos feindseligen - und angeblich fiktiven - Berichterstattung verklagt wird.

Meghan Markle ist in sehr geringem Maße nicht ganz weiß. Sie ist ein Fernsehstar, schön, eloquent, attraktiv und mit königlichem Nachwuchs verbunden - aber für das britische Establishment zählt nur, weiß zu sein. Harrys Mutter wurde von der gleichen Presse zu Tode gehetzt, die jetzt seine Frau verleumdet und seinen Sohn mit einem Äffchen vergleicht. Seine "ranghohe" Rolle im Königshaus verpflichtete ihn, genau diesen Publikationen Zugang zu gewähren. Jetzt nicht mehr. Jetzt kann dieses sagenhaft reiche Paar mit seiner sagenhaft reichen Verwandtschaft daran arbeiten, finanziell unabhängig zu werden.

Richtige Menschen arbeiten nicht - sie leben vom Erbe sagenhaft reicher Toter

Für die Gedankenwelt des reicheren Englands ist das schockierend. Richtige Menschen arbeiten nicht - sie leben vom Land, vom Besitz und vom Erbe sagenhaft reicher Toter. Das Internet rast, Petitionen werden geteilt, die fordern, dem Paar seinen bedeutungslosen Titelzierrat zu entziehen. Wenn die Königlichen nicht mehr königlich sind, gefährdet das genau den vordemokratischen Status quo, mit dessen Hilfe Theresa May nie annullierte Befugnisse aus der Regentschaft Heinrichs VIII. ausnutzen konnte, um uns ohne Parlamentsabstimmung in einen ungeplanten Brexit zu jagen.

Das Konzept, für seinen Lebensunterhalt zu arbeiten, setzt voraus, dass arbeitende - und damit nicht ganz menschliche - Menschen für ihre Arbeit bezahlt werden. Vor Jahren versprachen die Torys einen Mindestlohn von 15 Pfund pro Stunde. Der ist immer noch nicht umgesetzt. Beschäftigte von Zeitarbeitsfirmen, die oft die unverzeihliche Sünde begehen, sich um Ältere und Kranke zu kümmern, sind längst gewohnt, ihre Löhne verspätet zu bekommen. Niedere Angestellte bei der BBC sind ebenfalls zu spät bezahlt worden und haben jahrelang unbezahlte Überstunden geleistet. Die Mitarbeiter der großen Sportswear-Kette JD Sports haben zu Weihnachten von fehlenden oder unzureichenden Lohnzahlungen berichtet. Auch dagegen kursiert eine Petition - das Vereinigte Königreich wird von Petitionen zerrissen. Bald werden unsere Beschäftigungsverhältnisse von keinen gesetzlichen Regeln mehr geschützt sein, und genau in dem Moment soll auch unser Streikrecht weiter eingeschränkt werden.

A L Kennedy, writer of novels, short stories and non-fiction, appearing at the Edinburgh International Book Festival 2014. Edinburgh, UK. Thursday 14th Aug, 2014

A. L. Kennedy wurde 1965 in Dundee geboren. Zuletzt erschien ihr Roman "Süßer Ernst", übersetzt von Ingo Herzke und Susanne Höbel (Hanser, München 2018. 400 S., 25 Euro).

(Foto: mauritius images)

Statt aber vor Verzweiflung in Streichholzschachteln zu schreien und diese grob Richtung Holland ins Meer zu schmeißen, schriebe ich lieber Ihnen. Ich hoffe, eines klarmachen zu können: Wenn Sie die britische Presse lesen oder unsere Fernsehsendungen anschauen, bekommen Sie womöglich nicht die ganze, wahrheitsgemäße Story. Und Deutschland hat so oft freundliches - und in letzter Zeit bestürztes - Interesse an uns gezeigt, dass ich finde, ich sollte in Kontakt bleiben. In unseren eigenen Medien wird es immer schwieriger, die britische Lebenswirklichkeit zu kommentieren, darum ist mir eine Zeitung vom Kontinent am liebsten. Außerdem muss ich an meine Sicherheit denken.

Stellen Sie sich vor: Ich lebe jetzt in einem Land, wo der öffentliche Diskurs durch Zensur eingeschränkt und durch Fehlinformationen verzerrt wird. Und ich muss mir überlegen, welche Reaktion meine Texte hervorrufen könnten. Werde ich auf Twitter verspottet werden? Wird ein mächtiger Promiflüsterer mich in einem Leitartikel zerstören und seine Follower auffordern, meine Bücher zu boykottieren? (Das könnte mich 20 oder 30 Buchverkäufe kosten.) Oder wird meine Privatadresse veröffentlicht werden? Werden Leute an meiner Haustür klingeln?

Ende letzten Jahres wurde die Adresse von Jolyon Maugham, einem prominenten Aktivisten für rechtmäßige Regierungsarbeit und parlamentarische Kontrolle, von der rechtspopulistischen Talkradio-Moderatorin Julia Hartley-Brewer auf Twitter veröffentlicht. Er hatte Todesdrohungen erhalten und musste sich mit seiner Familie verstecken. Hartley-Brewer wurde darauf mit einem Podiumsplatz in der wichtigsten Polit-Talkshow der BBC belohnt.

Brexit Popo, der Todesclown
Brexit-Kolumne: "Affentheater"

Popo, der Todesclown

Über einen Premierminister mit fragwürdigen Stärken, ein Weltbild aus dem 18. Jahrhundert und KGB-Propagandatechniken: Die schottische Autorin A.L. Kennedy berichtet ab sofort wöchentlich aus dem Seelenleben des Brexit.   Kolumne von A. L. Kennedy

Der verurteilte Gewaltverbrecher und rechtsradikale Agitator Tommy Robinson hat die Hausbelagerung angeblicher Widersacher in Mode gebracht. Mike Stuchbery, ein Amateurhistoriker, hatte ursprünglich obskure und amüsante Facetten der Geschichte auf Twitter erklärt, war dann aber dazu übergegangen, die unsinnige Pseudogeschichte zu entlarven, die rechtsextreme Rassisten verbreiten. Die Folge: Drohungen, Hausbesuche, Belästigungen. Man sollte meinen, die Unterstützer des Brexits sind nicht für rechtmäßige Regierungen, parlamentarische Kontrolle oder korrekte Geschichtsschreibung.

Mein eigenes Haus ist mit mehreren Schlössern gesichert. Vor langer Zeit, als der Brexit noch frisch, vielleicht sogar vermeidbar war, bekam ich zum ersten Mal anonyme Briefe; nicht sonderlich schlüssig, aber eindeutig nicht meiner Meinung. Klar wurde: Wer sie schrieb, kannte mein Haus von außen. Dann kamen ab und zu Gegenstände, handgekritzelte Zettel und die Tüte mit Hundescheiße.

Fünf Minuten entfernt von mir, in einer idyllischen Straße mit elisabethanischer und georgianischer Architektur, wurde ein nettes deutsches Paar mit kleinen Kindern ebenso behandelt - noch dazu steckte man ihnen Nägel in die Autoreifen. Wie so viele Freunde und Bekannte sind sie zurück auf den Kontinent gezogen. Ich sitze hier und tippe hinter Lichtern mit Bewegungsmeldern, Sicherheitsglas und Überwachungskameras. Ich warte darauf, dass etwas Unvorhersehbares passiert.

Aus dem Englischen von Ingo Herzke.

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