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Adel im NS-Regime:Wir Stauffenbergs

Stauffenberg Assassination Attempt Against Hitler: 75th Anniversary Nears

Porträts der Widerstandskämpfer um Stauffenberg.

(Foto: Getty Images)
  • Ausgelöst durch Forderungen aus dem Hause Hohenzollern sind alte Fragen zum Verhältnis von konservativen Eliten und NS-Staat erweckt worden.
  • Eines steht mittlerweile fest: Der adelige Widerstand war wesentlich kleiner als allgemein angenommen.
  • Deutungen, nach denen die Hohenzollern der NS-Bewegung fernstanden, erscheinen nach aktuellem Forschungsstand abenteuerlich.

"Wer von Preußentum spricht, soll zunächst an stillen und unpersönlichen Dienst, aber erst zuletzt, am besten gar nicht, an Lohn und Anerkennung denken." Dieser Satz wurde in einer Rede am 17. Juni 1934 gegen die Usurpation preußischer Ideale durch ein Regime der Maßlosigkeit gerichtet - zehn Jahre vor Stauffenbergs Attentat auf Hitler.

Vorgetragen wurde die Rede an der Universität Marburg in Gestalt Franz von Papens durch den wohl wichtigsten Wegbereiter Hitlers, geschrieben und als Beginn eines Staatsstreichs geplant jedoch von einem kleinen Kreis konservativer Frondeure. Der Redenschreiber Edgar Julius Jung gehörte zu einer kleinen Gruppe scharfsinniger Anti-Demokraten, die das NS-Regime zunächst unterstützt, sich jedoch früh von ihm abgewendet hatten. Einige dieser Männer gehörten zu den ersten konservativen Opfern des NS-Regimes. Sie verlieren ihr Leben in den als "Nacht der langen Messer" bekannten Mordaktionen Ende Juni 1934.

Geschichte "Für Hitlers 'Inner Circle' war der Attentatsversuch ein Schock"
20. Juli 1944

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Die Historikerin Heike B. Görtemaker beschreibt, warum der Diktator nach dem missglückten Putsch Zuversicht schöpfte - und wie der Österreicher vor der Machtergreifung von reichen Gönnern systematisch aufgebaut wurde.   Interview von Oliver Das Gupta

Die Marburger Rede lässt sich als einer der seltenen öffentlichen Manifestationen konservativer Opposition gegen das NS-Regime lesen. Als Aufleuchten der Potenziale, die konservative Funktionseliten gegen das Regime hätten einsetzen können. Und nicht einsetzten.

Fünfundachtzig Jahre später und während der vergangenen Wochen entstand bei Beobachtern Zweifel, ob die im Zitat formulierten Leitlinien im ehemaligen preußischen Herrscherhaus noch erinnert werden. Ausgelöst durch Forderungen aus dem Hause Hohenzollern sind alte Fragen zum Verhältnis von konservativen Eliten und NS-Staat erweckt worden - und in diesen Sommer getreten wie ein Gespenst.

Im ersten Kabinett Hitler sitzen drei Nationalsozialisten, der Rest sind Konservative oder Parteilose.

Dabei haben sich diese Forderungen und der 75. Jahrestag des Hitler-Attentats zeitlich überlagert. Erstere sind mit der Geschichte des Dritten Reichs deshalb verbunden, weil das maßgebliche Gesetz aus dem Jahre 1994 Entschädigung ausschließt, wenn der Begünstigte dem NS-Regime "erheblichen Vorschub geleistet hat". Lange Zeit vertraulich geführte Verhandlungen werden nun öffentlich debattiert. Dabei bilden zwei Zeitschnitte, Januar 1933 und Juli 1944 - die Machtübergabe an die Nationalsozialisten und der scheiternde Staatsstreich des 20. Juli 1944 - Nadelöhre für die Interpretation deutscher Geschichte. Jeder Versuch, das Verhältnis konservativer Eliten zum NS-Staat zu analysieren, muss sie passieren. Und in starker Vereinfachung sind es zwei Fragen, die der Gesetzgeber 1994 in §1 Absatz 4 des Ausgleichsleistungsgesetzes versteckt hat: Wer hat das Dritte Reich gemacht und betrieben? Wer waren seine Gegner?

Die Machtübergabe des 30. Januar 1933 war bekanntlich ein Arrangement zwischen Konservativen und Nationalsozialisten. Im ersten Kabinett Hitler sitzen nicht mehr als drei Nationalsozialisten, alle anderen Minister sind konservative und parteilose Mitglieder der alten Eliten. Polizei, Gerichte, Universitäten, Ministerien, Auswärtiges Amt und vor allem das Offizierskorps werden zunächst nicht von "Nazis" geführt, sondern von Mitgliedern der Funktionseliten, ohne die weder das Dritte Reich noch später die Wehrmacht weit gekommen wären. Die Zerschlagung des Parlaments, der unabhängigen Presse, der demokratischen Parteien, der mächtigsten Gewerkschaften Europas, die Zerstörung der Demokratie, die im Ermächtigungsgesetz vom März 1933 einen ersten Höhepunkt fand, gehörten ebenso zu dieser gemeinsamen Geschäftsgrundlage wie die antisemitische Weltsicht.