Adaption des Bestsellers von Yuval Noah Harari:Fragen Sie Doctor Fiction

Die Macht des Mythos in der Evolution: Der israelische Historiker Yuval Noah Harari erzählt seine Menschheitsgeschichte nun auch im Comic.

Von Thomas von Steinaecker

Das war klar. Als Anspielung auf das Thema des vorliegenden Buches könnte man sogar sagen: Es liegt in der Logik der medialen Evolution, dass aus dem Weltbestseller "Eine kurze Geschichte der Menschheit" von 2011 nun ein Comic geworden ist. Übersetzungen in über 60 Sprachen und 16 Millionen verkaufte Exemplare fordern ihren Tribut. Noch dazu ist der Autor, Yuval Noah Harari, mittlerweile zum intellektuellen Celebrity und zur globalen Stimme der Vernunft avanciert, die man immer dann befragt, wenn es eine neue Krise auf unserem Planeten gibt. Also in letzter Zeit ziemlich oft. Und der für einen Professor immer noch recht junge Harari hat ja mit seiner Glatze und seinem asketischen Äußeren durchaus die Aura eines Weisen: Als überzeugter Veganer lebt er fernab der Metropolen mit seinem Mann in einem israelischen Moschav, einer genossenschaftlich organisierten Siedlung.

Band "Sapiens" (Harari)

Ein Elefant und ein Nilpferd auf dem Mond? Warum es anders gekommen ist, erklärt Harari in seinem Buch.

(Foto: Daniel Casanave, David Vandermeulen / C.H.Beck)

Hararis phänomenaler Erfolg verdankt sich nicht nur dem aktuellen Trend zum populärwissenschaftlichen Wurf, der das große Ganze für den interessierten Leser mit wenig Zeit allgemein verständlich eindampft. Was diese Menschheitsmonografie herausragend machte, war, dass Harari sein Thema durch eine sehr heutige Brille betrachtete und dabei die evolutionäre Bedeutung von so vermeintlich Nebensächlichem wie etwa Tratsch und Lügen aufdeckte. So stärken Gerüchte den sozialen Zusammenhalt in kleineren Gruppen; aber erst Mythen bringen den Menschen dazu, in der Masse für eine Idee zu kämpfen. Als Untergrund der Erfolgsgeschichte des Sapiens wurde damit ebenso überraschend wie einleuchtend die Fiktion erkennbar. Eine These, die Harari nicht erfunden hat; die er jedoch derart prägnant darlegte, wie dies nur wenige andere vermögen.

Einen kleinen, aber nicht geringen Anteil am Gelingen von Hararis Bestseller hatte auch sein effektvoller Einsatz von Illustrationen. Natürlich waren da die üblichen Infografiken, etwa zur Veranschaulichung von Migrationsströmen, andererseits kontrastierte er auch schon mal Unerwartetes, wenn er etwa anhand zweier Bilder von Ludwig XIV. und Barack Obama die Veränderungen im Kodex des Männlichen ausführte. Angesichts dieser Affinität fürs Visuelle lag eine Comic-Adaption geradezu auf der Hand, noch dazu, da Bilder historische Begebenheiten wesentlich besser als Wörter erfahrbar machen können. Dennoch, die Fallhöhe dieses Projekts ist groß, angefangen bei dem Problem, wie man eine visuelle Geschichte erzählen soll, deren Hauptfigur ein die meiste Zeit der ungefähr zweieinhalb Millionen Jahre umfassenden Handlung kognitiv unterbelichtetes Wesen ist. Dass so etwas nicht unmöglich ist, hat der Berliner Zeichner Jens Harder vorgemacht. 2009 erschien seine Graphic Novel "Alpha", die auch deshalb schnell zum Klassiker avancierte, weil sie die Evolutions- mit einer Ikonografie-Geschichte kurzschloss. Ging es beispielsweise um den Mond, wurden sämtliche Bilder des kollektiven Gedächtnisses aufgerufen, von Jules Vernes Stahlstichen über Méliès' "Reise zum Mond" bis zu Neal Armstrong. "Alpha" war ein faszinierendes, aber auch eher kühl-intellektuelles Vergnügen.

Adaption des Bestsellers von Yuval Noah Harari: Yuval Noah Harari / Daniel Casanave / David Vandermeulen: Sapiens. Der Aufstieg. Graphic Novel. C.H. Beck Verlag, München 2020. 248 Seiten, 25 Euro.

Yuval Noah Harari / Daniel Casanave / David Vandermeulen: Sapiens. Der Aufstieg. Graphic Novel. C.H. Beck Verlag, München 2020. 248 Seiten, 25 Euro.

In einer Steinzeit-Gameshow namens "Evolution" müssen Affen Aufgaben meistern

Sapiens" Harari

Yuval Noah Harari erklärt die Welt: Der mittlerweile berühmte Autor tritt in der Comic-Version seiner Menschheitsgeschichte selbst als Erzählerfigur auf.

(Foto: Daniel Casanave, David Vandermeulen / C.H.Beck)

"Sapiens, der Aufstieg", wie der erste Band der auf vier Teile angelegten Comic-Adaption nach der englischen Ausgabe heißt, geht von Anfang an in eine völlig andere Richtung. Man merkt dem Zeichner Daniel Casanave und dem Szenaristen David Vandermeulen, die zusammen mit Harari das Buch bearbeitet haben, ihre jahrzehntelange Erfahrung mit biografischen und Sach-Comics für Kinder an: Schon auf dem ersten Bild lassen sie den inzwischen berühmten Autor selbst als Erzählerfigur auftreten, zu dem sich diverse gewiefte Sidekicks gesellen, allen voran seine Nichte Zoe. Das riecht ein bisschen nach "Es war einmal der Mensch", ist aber ebenso simpel wie clever, da nun tatsächlich so etwas wie ein spannender Plot entsteht, wenn Zoe Onkel Harari Fragen zur Evolution stellen darf und der kurzerhand mit ihr um die Welt zu Experten ihres jeweiligen Faches reist, um sich (und uns) mehr über biologische, psychologische oder archäologische Hintergründe erklären zu lassen. Außerdem gibt Zoe dem Autorenteam die Gelegenheit, ein vergnügliches popkulturelles Feuerwerk abzufackeln. Denn die Kleine liest einen Comic im Comic, "Prehistorik Bill", der die Titelfigur zu einer Art Fred Feuerstein macht und damit genau das liefert, was eine klassische Geschichte braucht: einen Protagonisten. Doch damit nicht genug. Denn die erste Hälfte des Buches ist voller weiterer solcher witziger, ja saukomischer Binnenepisoden, die lustvoll mit den Möglichkeiten des Comics spielen, etwa wenn wir uns auf einmal in einer steinzeitlichen Gameshow namens "Evolution" befinden, in der Affen auf dem Weg zum Sapiens diverse Challenges meistern müssen; oder wenn sich die Sehnsucht des Menschen nach Geschichten in dem Superhelden "Doctor Fiction" personifiziert, der seinen magischen Einfluss auf die Welt im Lauf der Jahrtausende erklärt.

In einer Steinzeit-Gameshow namens "Evolution" müssen Affen Aufgaben meistern

Wie hier, wo eines von Hararis griffigsten Beispielen für die Macht des Mythos noch einmal auserzählt wird - die Entstehung der Marke Peugeot, deren Wert letztlich nur aus ihrem immateriellen Nimbus besteht - pickt sich "Sapiens" die Perlen aus dem Ursprungstext und reiht sie zu einer unterhaltsamen Revue aneinander. So verfolgt dieser erste Band der Tetralogie die Menschheitsgeschichte ungefähr bis zur landwirtschaftlichen Revolution, in Kapiteln mit so launigen Titeln wie "Sex, Lügen und Höhlenmalereien", und eigentlich hat man das Gefühl, endlich mal eine brillante Comic-Adaption, ja sogar Comic-Weltgeschichte gelesen zu haben. Käme da nicht recht unvermittelt ein letztes Kapitel mit dem Titel "Interkontinentale Serienmörder". Eine toughe US-Polizistin zerrt hier "Prehistorik Bill" vor Gericht wegen der Ausrottung zahlloser Pflanzen- und Tierarten. Die Verhandlung schließt mit einem dräuend-düsteren Urteil über unsere Spezies: "Wir sind alle verantwortlich, und wir werden alle für unser Tun Rechenschaft ablegen müssen." Sonnenuntergang. Ende. Auf einmal ist aus einem gelungenen Wissens-Comic, vielleicht auch angesichts der aktuellen katastrophalen Weltlage, ein plakatives Moral-Stück à la Ferdinand von Schirach geworden.

Allerdings war auch "Eine kurze Geschichte der Menschheit" nicht frei von ideologischen Vorbehalten des Autors, was besonders bei seiner negativen Darstellung von Religionen oder seiner Sympathie für prämoderne Lebensformen auffiel. Und vielleicht funktioniert ja die Weiterentwicklung eines Stoffes als Comic tatsächlich ein wenig wie die menschliche Evolution: Die Qualitäten der ursprünglichen Fassung werden noch stärker ausgeprägt, im Guten wie im Schlechten. Auf die weiteren Bände, die wohl auch die Verwandlung des Menschen in den "Homo Deus" behandeln werden, darf man jedenfalls gespannt sein.

"Sapiens" erscheint am 23. 10.

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