Napoleon-Biografie Zamoyskis Erzählerposition fehlt die Übersicht

Das Hauptproblem von Zamoyskis ganz auf Chronologie, Anschauung und Napoleons engere Lebensumstände gerichtete Perspektive ist die fehlende Übersicht. Seine Erzählerposition ist, um ein Gleichnis von Vladimir Nabokov zu bemühen, die einer fliegenden Untertasse, die im immer gleichen Höhenabstand über die Sanddünen der Information saust. Das Flugobjekt geht nie über eine bestimmte Mindesthöhe hinaus, längere Linien, Sachzusammenhänge, objektive Bedingungen kommen kaum in den Blick. Zur Sprache gebracht werden sie bestenfalls in der subjektiven Perspektive des Protagonisten.

Theodor Fontane rühmte an Herman Grimms biografischen Goethe-Vorlesungen als Hauptvorzug "Fülle, Überblick und infolge dieses Überblicks die Möglichkeit unängstlicher Dispositionen". Unängstliche Dispositionen hat Zamoyski gar nicht, sein Werk gleicht über lange Passagen einem mit weltmännischer Herablassung kommentierten Terminkalender. Auch diese Ironie kommt aus der Nahsicht, die oft kaum von der des berühmten Hegelschen Kammerdieners zu unterscheiden ist. Der große Mann ist oft eckig und ungeschickt, unbeherrscht und sprunghaft, in der Sicht einander permanent widersprechender Zeitgenossen mal unberatbar verstockt, man erstaunlich offen und zugewandt.

Abwägung von Bedingungen, gar systemische Zwänge tauchen nur in der Form eigener Reflexionen des Helden auf. Da dieser als Stratege auch ein überlegener politischer Analytiker war, ist das schon eine ganze Menge. Dass er sich anders als die legitimen Monarchen der alten Dynastien keine Niederlagen erlauben könne, dass er zu Erfolg und Ruhm verdammt sei, hat Napoleon vor allem gegen Ende seiner Herrschaftszeit immer wieder gesagt. Die Nachwelt spricht seit Langem von Bonapartismus, von charismatischer Herrschaft.

Die Biografie zeigt zu viel und erklärt zu wenig

Historische Wissenschaft müsste fragen, ob dieser Zwang zum Immmervorwärtsstürmen, der Napoleon vor allem im Winter 1812 beim verspäteten Rückzug aus Russland zu verheerenden Fehlern veranlasste, wirklich unvermeidlich war. War die Friedenssehnsucht im erschöpften Kontinent nicht längst größer? Unängstliche Dispositionen hätten auch zu allgemeineren Begriffen und grundsätzlicheren Fragen führen können, wie sie schon von klugen Zeitgenossen wie Gentz und Metternich gestellt wurden.

Die fehlende Übersicht führt gelegentlich in die bare Unverständlichkeit - wie Napoleon zum Entschluss kam, sich zum Herren Frankreichs zu machen, überhaupt die undurchsichtigen Vorgänge um den 18. Brumaire, das bleibt weitgehend dunkel. Zamoyski zeigt eifrig, wie Napoleons Selbstdarstellungen in seinen Bulletins eigentlich immer übertrieben und geradezu lügenhaft waren. Die Frage, die sich daran anschließt, warum sie doch wirkten und wie der Feldherr und Kaiser zu der gläubigen Verehrung bei seinen Soldaten kam, wird dadurch allerdings nur rätselhafter.

Die planvolle Erzeugung eines Mythos - etwa durch Parallelen zu Karl dem Großen - erscheint als Marotte eines durchdrehenden Gewaltherrschers. Dass der Kaiser seit seiner Verheiratung mit der Habsburgerin Marie-Louise von Ludwig XVI., dem König, den die Revolution geköpft hatte, als seinem "Onkel" sprach, ist nicht lächerlich, sondern die Antwort auf ein reales Problem, nämlich die Traditionslosigkeit einer postrevolutionären Herrschaft. So wird von diesem farbigen, leicht lesbaren, kostümfilmhaften Buch paradoxerweise derjenige am meisten haben, der einen deutlichen Begriff von Napoleon als welthistorischer Figur schon besitzt, der allgemeinere Fragen an diese Gestalt schon stellen kann. Für Anfänger ist es zu einfach, weil es zu viel zeigt und zu wenig erklärt.

Adam Zamoyski: Napoleon. Ein Leben. Aus dem Englischen von Ruth Keen und Erhard Stölting. Verlag C.H. Beck, München 2018. 863 Seiten, Abb., 29,95 Euro.

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