Süddeutsche Zeitung

Action:Es schadet nicht, jung  und reich zu sein

Selbstbewusste Frauen verdreschen selbstzufriedene Männer: Die Action-Neuauflage "3 Engel für Charlie" von Elizabeth Banks.

Elizabeth Banks' "3 Engel für Charlie" ist die Neuauflage der Neuauflage einer Fernsehserie aus den Siebzigerjahren. Die Existenz des Films verweist auf die Zögerlichkeit der großen Hollywoodstudios, in der Ära der Franchises mit ihren ewigen Fortsetzungen die Finanzierung von Originalstoffen zu riskieren. Jegliches Archivmaterial eines Studios, sofern es irgendwann einmal auch nur ansatzweise erfolgreich war, wird wiederverwertet. Dass die grundsätzliche Vertrautheit des Publikums mit einer Marke aber trotzdem keinen kommerziellen Erfolg garantiert, beweisen immer wieder scheiternde Projekte. Jüngstes Beispiel: die Neuauflage der Neuauflage der Fernsehserie "3 Engel für Charlie".

Mit einem Budget von knapp fünfzig Millionen Dollar ist Elizabeth Banks' Film nicht einmal besonders teuer gewesen für aktuelle Hollywoodverhältnisse, wo Blockbuster auch mal 300 Millionen kosten. Der Misserfolg an den amerikanischen Kinokassen war aber so groß, dass selbst dieses moderate Budget nicht eingespielt wurde.

Dabei hat Banks' Film sogar einige Qualitäten. In erster Linie hat er Charakter. Viele Regisseure großer Produktionen sind weniger kreative Köpfe als logistische Verwalter, angestellt, um die Vorstellung eines im Dienste von Aktionären agierenden Produzenten umzusetzen. Banks' Handschrift hingegen ist in jeder Szene erkennbar.

Der erste Satz des Films ist sein Leitgedanke: "Ich glaube, dass Frauen alles können." Kristen Stewart sagt den Satz in Blondinen-Perücke und Abendkleid. Schüchtern schaut sie nach unten, wickelt ihr männliches Gegenüber um den Finger. "Dass Frauen alles können, heißt ja nicht, dass sie auch alles tun sollten", entgegnet darauf der Mann, ein weltmännischer Krimineller, nicht ahnend, dass er in ihre Falle getappt ist.

Sie streift einen Schuh ab, führt ihren Fuß zwischen seine Beine. Gefällt ihm. "Männer brauchen sieben Sekunden länger dafür, eine Frau als Bedrohung zu erkennen", sagt sie kokett. Er grinst. Er braucht noch sieben Sekunden. Stewart schlägt zu, seine Lakaien eilen zu Hilfe, werden aber von ihrer in die Szenerie springenden Kollegin, gespielt von Ella Balinska, in Grund und Boden geprügelt.

Schläge, Tritte, schnelle Schnitte, die beiden Frauen triumphieren, natürlich, sie gehören zu Charlies Engeln, bestens ausgebildeten Spioninnen, die sich für einen geheimen Auftraggeber mit den Bösewichtern aus aller Welt anlegen. Die Eröffnungssequenz leitet über zu einer Vorspann-Montage, die Frauen, irgendwelche Frauen, zeigt, wie sie Winter- oder Kampfsport treiben oder ihre Körper in Extremsituationen bringen. Es sind Beweisbilder für Stewarts Eingangsthese. Dass sie den Satz von den Frauen, die alles können, in der Rolle der naiven Blondine gesagt hat, könnte man als Hinweis der Regisseurin deuten, dass sie selbst es sich nicht ganz so leicht machen wird. Tut sie dann aber schon.

Die explizite Botschaft des Films: Ihr müsst nur an euch glauben, Frauen, dann könnt ihr alles schaffen! (Die implizite: Es schadet nicht, dafür jung, schlank und reich zu sein!) Wie es sich für einen Spionagefilm gehört, springt die Handlung im Zehnminutentakt von Land zu Land. Man findet sich in Hamburg wieder, in der Elbphilharmonie, im Film die Zentrale eines Unternehmens, das eine alternative Energiequelle entwickelt hat, die, wie eine junge Wissenschaftlerin des Konzerns (Naomi Scott) weiß, ärgerlicherweise auch als tödliche Waffe benutzt werden kann.

Ihre Warnungen werden in den Wind geschlagen, natürlich von Männern, also teilt sie ihr Wissen mit Charlies Engeln. Der Stoff wird gestohlen, die Expertin schließt sich den Spioninnen an und wird der dritte Engel. Zwar verzichtet Banks weitgehend auf computergenerierte Bilder und umgeht so die Anämie digitaler Materialschlachten; allerdings zieht sie Wackelkamera und Stakkatoschnitt aufregenden Choreografien vor, weshalb ihre Actionsequenzen eher langweilig bleiben. Eine Autoverfolgungsjagd durch Speicherstadt und Hafencity nimmt kein Tempo auf.

Das erste Revival der Serie war Anfang der Nullerjahre mit Cameron Diaz, Drew Barrymore und Lucy Liu prominent besetzt. Vom neuen Trio ist nur Kristen Stewart bekannt, der frühere "Twilight"-Star, sie hat seit dem Ende der Teenie-Reihe vor allem in Arthouse-Produktionen gespielt. Und sie verleiht ihrer Rolle, auf eigenen Wunsch lesbisch angelegt, kühles Charisma. Es lässt ihre Kolleginnen verblassen.

Die witzigen Momente geben dieser Version von "3 Engel für Charlie" einen besonderen Charakter. Szenen, die Männer zu Pointen machen, zu Stichwortgebern, zu Beiwerk. Männer nehmen bei Elizabeth Banks die undankbaren Rollen ein, zu denen im Hollywoodkino Frauen sonst häufig degradiert werden. Hier gibt es Männer, die nur existieren, um den Plot voranzutreiben. Diese Umkehrung ist aufregend, weil sie Geschlechterdynamiken offenlegt, wie sie selten im Mainstreamkino zu sehen sind: die des Mannes, der die Leistung von Frauen für sich beansprucht, zum Beispiel, oder die der kompetenten Frau, deren Expertise nicht ernst genommen wird. Dass Banks diese Dynamiken als Prämissen für komische Szenen nimmt, macht den Charme ihres Films aus und ist das überzeugendste Argument für diese Neuauflage einer Neuauflage.

Charlie's Angels, USA 2019 - Regie und Buch: Elizabeth Banks. Kamera: Bill Pope. S Mit: Kristen Stewart, Naomi Scott, Ella Balinska, Elizabeth Banks, Patrick Stewart. Sony, 118 Minuten.

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SZ vom 02.01.2020
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