Action Alle Träume in Trümmern

Vor zwanzig Jahren verpasste Roland Emmerich dem amerikanischen Blockbuster-Kino mit "Independence Day" einen Vitalitätsschub - jetzt versucht er sich an einer Fortsetzung.

Von Tobias Kniebe

Da wäre man gern mal dabei, wenn Roland Emmerich mit seinem Team den Weltuntergang plant. Man stellt sich diese Sitzungen ausgelassen vor, aber auch anstrengend. So viel haben diese Kinobastler ja doch schon gesprengt, zerbombt, verhackstückt in all den Jahren. Keine Metropole mehr unversehrt, kein Wahrzeichen unbeschädigt. Been there, blown that up.

Und also ist, verdammt noch mal, Kreativität gefragt. Was ginge noch, wo waren wir noch nicht? Wie könnte man alle noch einmal umhauen?

Okay, hier die Idee: Eine ganze Skyline wird pulverisiert, sagen wir Singapur, ach, sagen wir halb Asien. Aber die Trümmer fallen nicht nach unten, wie sonst immer, sondern Achtung: nach oben. Weil ein Alien-Riesensuperraumschiff gerade die Erde angreift und das Zeug gewissermaßen ansaugt. Isch klar, sagt Emmerich, gekauft. Aber reicht das?

Nein, natürlich nicht. Weitere Idee: Diese fliegenden Asientrümmer werden also, fragen wir jetzt mal nicht wie, einmal um das wirklich gigantomanische Alien-Riesensuperraumschiff herumgewirbelt und stürzen dann mit Karacho wieder herab, und zwar auf, Achtung: London. Also dieser nadelfeine Burj-Khalifa-Turm aus Dubai mit der Spitze voran mittenmang ins London Eye. Aua. Wie das geografisch möglich ist? Dieses Alien-Riesensuperraumschiff ist halt wirklich sehr, sehr groß. Auch gut. Aber reicht das jetzt?

Hmmmm, na ja. Wir könnten noch, um die Sache wirklich rund zu machen, unseren jungen arroganten Hotshot-Piloten (Liam Hemsworth) mit unserem alten sarkastischen Superbrain (Jeff Goldblum) in einen schnellen Raumgleiter stecken und dann über London durch die herabdonnernden Trümmer kurven lassen. Das wäre dann - hier jetzt quasireligiöse Ergriffenheit im Planungsteam - fast wie der unsterbliche Millenniumfalke im wildwirbelnden Asteroidenfeld von Hoth, das wäre eine Hommage an die Urväter von "Star Wars". Mann, das rockt. Jubel, Highfives, plötzlicher Schaffensdrang. Auf an die Rechner!

Die Pixel der Zerstörung flirren an den Augen vorbei, aber das Herz rast nicht mehr: eine Destruktionsorgie aus "Independence Day: Wiederkehr".

(Foto: 20th Century Fox)

So ungefähr stellt man sich die Entstehungsgeschichte jedenfalls vor, wenn diese Sequenz nun in "Independence Day: Wiederkehr" vorüberrauscht - und nur die Pointe am Ende ist leider etwas antiklimaktisch. Denn die Reaktion stimmt nicht mehr. Da rast nicht das Herz, da gehen nicht mehr die Augen über, da flirren halt Pixel vorbei, viel zu schnell im Grunde, und das war's. Einer muss den Master of Desaster ja machen, denkt man sich - aber der Job wird auch nicht gerade leichter. Es hat schon seinen Grund, warum Roland Emmerich auf seine älteren Tage gern mal ins elisabethanische England abtaucht, um wilde Theorien über Shakespeare zu verbreiten, oder - wie in "Stonewall" - kleine überschaubare Schwulenbefreiungs-Krawalle in New York inszeniert.

Dazu passt, dass diese Fortsetzung von "Independence Day", die zwanzig Jahre nach dem Original kommt und in vielen Ländern schon läuft, kein Erfolg ist. Die Ticketverkäufe sind nicht annähernd so gut wie damals beim ersten Teil, und eine weitere Fortsetzung, von der schon die Rede war, wird es wohl nicht mehr geben. Kurz gesagt war es so: Die Aliens sind halt noch mal wiedergekommen, diesmal hatten sie sogar eine furchterregende Alien-Queen dabei, aber die vereinigte Menschheit hat nach ersten bösen Verlusten die Biester wieder zurückgeschlagen - und das Publikum von den USA bis Russland hat dazu mit den Schultern gezuckt: Isch klar.

Was dann doch schade ist, denn der alte "Independence Day" war zwar genau auf dieselbe Überbietung und Überwältigung und Zerstörungslust aus wie der neue, und mit der Handlungslogik und dem Dialogwitz durfte man es schon damals nicht so genau nehmen. Aber erstens war das Emmerich-Destruktionsprinzip im Jahr 1996 noch neu und aufregend, und zweitens war "ID4", wie er liebevoll abgekürzt wurde, im Blick zurück doch mehr als nur ein beliebiger Blockbuster. Der Autor dieser Rezension etwa, damals noch ein Novize der Filmkritik, erlebte den Filmstart in den USA, im ehrwürdigen, rotsamtenen, tausend ausgelassene New Yorker fassenden Ziegfeld Theatre in der 54. Straße. Es war eine einzige Fourth-of-July-Party mit großem Hurrah (ein Alien kriegt die Faust von Will Smith auf die schleimigen Tentakeln), ebenso großem Bohei (das Weiße Haus fliegt in die Luft) und schließlich begeistertem Tohuwabohu (Präsident Bill Pullman ruft zum finalen Gegenangriff: "Today, we celebrate our Independence Day!")

Der erste Teil funktionierte so gut, weil die Charaktere all ihre Ideologien und Neurosen ablegten

So militärisch und martialisch die Geschichte äußerlich war, so wenig spielte dieser Aspekt für das amerikanische Publikum damals eine Rolle. Es bejubelte die flamboyant schwule Performance des Lokalmatadors Harvey Fierstein genauso wie die flamboyant jüdische Performance von Judd Hirsch, der den Vater des Weltenretters Jeff Goldblum spielt, und natürlich auch die flamboyant schwarze Sonnyboy-Performance von Will Smith - der im neuen Film nicht mehr dabei ist, ein wirklich schwerer Verlust. Es war, als habe ausgerechnet der Schwabe Roland Emmerich allen eine Lizenz zum fröhlichen Overacting erteilt und dabei Amerika in seiner ganzen Diversität entfesselt. Der Zusammenhalt der Menschheit, der dabei eingefordert wurde, dieser Optimismus, die größten Herausforderungen tatsächlich nur über alle Grenzen hinweg gemeinsam zu bewältigen, war am Ende tatsächlich mit Händen zu greifen und übertrug sich genau so auf das Publikum.

Seither ist viel im Kino passiert, und in der Welt noch mehr. Erst entwich beinah aller Optimismus aus dem Blockbuster- und Superheldengeschäft, das in der Summe immer dunkler, fieser, zynischer und neurotischer wurde. Anschließend entwich der Optimismus auch aus Amerika - und aktuell erscheint die Vorstellung, alle Rassenunruhen und ideologischen Kämpfe des Planeten mal ruhen zu lassen, um gemeinsam den Aliens eins auf die Mütze zu geben, beinah absurd. Einem Präsidenten Trump würde man eher zutrauen, einen heimlichen Deal mit den Invasoren abzuschließen - solange sie ihm sein Vermögen nicht wegnehmen und den Trump-Tower stehen lassen. Was aber bleibt, sind die alten, grau gewordenen Kämpfer von damals: Jeff Goldblum, Brent Spiner und Bill Pullman. Man betrachtet ihre Rückkehr mit Nostalgie. Spiner, der exzentrische Alienforscher, wird in einer liebenden schwulen Beziehung gezeigt, da lebt noch der alte Spirit, Roland Emmerich als Optimist. Bill Pullman aber ist nach seinem Sieg über die Aliens mental zerstört. Und das will dann schon was heißen, den strahlenden Gewinner des ersten Teils so schwer beschädigt zu sehen.

Das fühlt sich nicht mehr nach dem fröhlichen Geist von "Independence Day" an, da ist jede Leichtigkeit verloren gegangen - aber folgerichtig ist es natürlich trotzdem. Zwanzig Jahre sind eine lange Zeit, da hat sogar Roland Emmerich erkennen müssen, dass gewaltige Explosionen auch gewaltige Opfer fordern. Die Party von damals ist endgültig vorbei.

Independence Day: Resurgence - USA 2016. Regie: Roland Emmerich. Buch: Emmerich, Dean Devlin, u.a. Kamera: Markus Förderer. Mit Liam Hemsworth, Jeff Goldblum, Judd Hirsch, Bill Pullman, Brent Spiner. Fox, 121 Minuten.