Süddeutsche Zeitung

Academy Awards:Warum der Oscar der beliebteste Mann Hollywoods ist

Er behält die Hände bei sich, sagt nie ein unverschämtes Wort und vor allem fehlt ihm ein entscheidendes Detail: Moderator Jimmy Kimmel meistert einen schwierigen Abend zwischen Systemkritik und seichten Späßen.

Die Oscars 2018 beginnen, wie die Oscars 2017 endeten: mit einem symbolischen Fauxpas. Zumindest für die deutschen Zuschauer. Beim Oscar-Zulieferer Pro Sieben läuft die Show vor der Show, Red-Carpet-Rumgeschreie mit Steven Gätjen. Whoopi Goldberg nähert sich dem Moderator und seinem vermeintlichen Hollywood-Insider. Gätjen fragt Goldberg, was sie heute Abend hierher führe. Die Schauspielerin erklärt mit hochgezogener Augenbraue: Sie sitze im "Board of Governors", dem Verwaltungsrat der Academy. Man hofft in diesem Moment inständig, dass es der eigentliche Moderator der Show, Jimmy Kimmel, später besser machen wird.

Vor einem Jahr wurde es für Kimmel nur ein paar Minuten lang unangenehm. Er musste die vielleicht größte Panne der Oscar-Geschichte wegmoderieren, die missglückte Verkündung in der Kategorie "Bester Film". Kimmel wurstelte sich irgendwie durch. In diesem Jahr, in dem der jahrzehntelange, systematische sexuelle Missbrauch in Hollywood öffentlich wurde, war klar: Es würde für Moderator Kimmel bei der 90. Verleihung der Oscars möglicherweise ein stundenlanges Durchwursteln werden.

Auf der einen Seite die Erwartung, dass er jene Themen, die nicht nur Hollywood bewegen, anspricht. Dass er Stellung bezieht in den laufenden Debatten: "Oscars so white", Harvey Weinstein, "Me too". Aber natürlich gibt es auch ein sehr viel älteres Credo in Hollywood, das da lautet: "The show must go on."

"Von dieser Art Mann brauchen wir mehr in dieser Stadt"

Von Kimmel wurde also nicht weniger erwartet als der Spagat zwischen Systemkritik und humoriger Selbstbespiegelung. Und was tut der Moderator? Reißt zum Aufwärmen ein Witzchen über den Fauxpas des vergangenen Jahres: "Wenn Sie hören, dass Ihr Name aufgerufen wird, kommen Sie bitte nicht sofort auf die Bühne. Geben Sie uns eine Minute, wir wollen nicht noch mal so eine Sache." Und wirft sich dann direkt in die Grätsche.

Der Oscar sei in diesen Tagen der beliebteste und meist geachtete Mann in Hollywood. Dafür gebe es gute Gründe, sagt Kimmel und weist auf die goldene Statue: Hände, wo man sie sehen könne, er sage nie auch nur ein unverschämtes Wort, und vor allem: "kein Penis". "Von dieser Art Mann brauchen wir mehr in dieser Stadt", sagt Kimmel. "Ich gebe Ihnen ein Beispiel dafür, wie wenig Ahnung Hollywood von Frauen hat. Wir haben einen Film namens 'Was Frauen wollen' gedreht und der Star des Films war Mel Gibson."

Kimmel kann aber auch ganz ernst werden, ganz ohne Augenzwinkern: "Wir können falsches Verhalten nicht länger durchgehen lassen", appelliert er. "Die ganze Welt beobachtet uns. Wir müssen mit gutem Beispiel vorangehen. Wenn wir zusammenarbeiten, um sexuelle Belästigung am Arbeitsplatz zu stoppen, dann müssen Frauen Belästigung nur noch überall sonst ertragen." Der Saal lacht, Kimmel nicht.

Bloß nicht den Erzfeind beim Namen nennen

Nun könnte man meinen, dass es für Männer in Hollywood selbstverständlich sein sollte, "Me too" und "Time's Up" zu ihren Themen zu machen. Tatsächlich erschienen zu den Golden Globes Anfang des Jahres auch viele Männer in Schwarz und mit einem Anstecker der Initiative am Revers. Nur: Darüber reden wollte dann keiner. Insofern gebührt Kimmel schon dafür Anerkennung, den Namen "Harvey Weinstein" offen auf der wichtigsten Bühne der Branche ausgesprochen zu haben. Bei den Globes dagegen kam man sich zeitweise vor wie bei "Harry Potter": Den Erzfeind bloß nicht beim Namen nennen, sonst manifestiert er sich noch an Ort und Stelle.

Leider bleibt Kimmel auch an diesem Abend der einzige Mann, der sich das traut. Die Veranstalter hatten offensichtlich so viel Zeit und Energie in das Bühnenbild gesteckt - eine Mischung aus Eishöhle und Swarovski-Erlebniswelt -, dass ihnen am Ende nur noch einfiel, die brennenden Themen der vergangenen Kino-Jahre in einem einzigen Einspieler zu bündeln. Die da wären: Sexismus und sexuelle Gewalt sowie die mangelnde Berücksichtigung von Schwarzen, Hispanics, Muslimen und Frauen in eigentlich allen relevanten Kino-Professionen. Dass der Beitrag darüber nicht vollkommen lächerlich wirkt, liegt an den starken Zitaten der Testimonials.

Starke Zitate der Laudatoren

Schauspieler Kumail Nanjiani, geboren in Pakistan, Studium in Iowa ("zwei Orte, die Amerikaner schwer verorten können"), sagt darin: "Einige meiner Lieblingsfilme sind Filme von heterosexuellen, weißen Typen über heterosexuelle, weiße Typen. Jetzt können heterosexuelle, weiße Typen Filme anschauen, in denen ich die Hauptrolle spiele. Jetzt ist es an euch, mich zu verstehen. Das ist nicht so schwierig - ich habe es mein ganzes Leben lang getan."

Mit einer Ausnahme (Frances McDormand, geehrt als beste Hauptdarstellerin) sind es die Laudatoren, nicht die Gewinner, die Botschaften mitgebracht haben und klare Statements setzen. Und das - im Gegensatz zu Kimmel - mutmaßlich ganz ohne hochbezahlte Gag-Schreiber und wochenlange Proben. So wie die hierzulande eher unbekannten Schauspielerinnen Tiffany Haddish ("Girls Trip") und Maya Rudolph ("Brautalarm"). Wer beim Anblick zweier afroamerikanischer Frauen auf der Bühne fürchte, die Oscars könnten allmählich zu schwarz sein, der sei an dieser Stelle beruhigt, erklärt das Duo. "Es kommen noch sehr viele weiße Leute."

Mitunter wirkt es fast ein bisschen so, als würde die Academy jene, die gerade um Gleichberechtigung und Anerkennung kämpfen, gegeneinander ausspielen. Am deutlichsten wird das in der Kategorie "Bestes Original-Drehbuch", in der vorab sowohl dem Afroamerikaner Jordan Peele als auch Greta Gerwig gute Chancen ausgerechnet wurden. Beide waren zwar auch in den Königskategorien "Beste Regie" und "Bester Film" nominiert - doch dort schien von vornherein klar: Ein, um es mit den Worten von Kumail Nanjiani zu sagen, "straight white dude" würde das Rennen machen.

So kommt es dann tatsächlich auch. Guillermo del Toro darf sich doppelt freuen. Nicht unverdient - "Shape of Water" ist ein anrührendes Plädoyer für Toleranz und Liebe. Aber darum geht es eben nicht allein, auch Peeles "Get Out" und Gerwigs "Lady Bird" wären würdige Gewinner gewesen. Peele hat nun zumindest einen Oscar für das "Beste Original-Drehbuch" im Schrank, Gerwig geht leer aus. Sie scheint sich ehrlich für ihre männlichen Konkurrenten zu freuen. Sie dürfte leider Übung darin haben.

Bestens informiert mit SZ Plus – 14 Tage kostenlos zur Probe lesen. Jetzt bestellen unter: www.sz.de/szplus-testen

URL:
www.sz.de/1.3889296
Copyright:
Süddeutsche Zeitung Digitale Medien GmbH / Süddeutsche Zeitung GmbH
Quelle:
SZ.de/luc/dit/rus
Jegliche Veröffentlichung und nicht-private Nutzung exklusiv über Süddeutsche Zeitung Content. Bitte senden Sie Ihre Nutzungsanfrage an syndication@sueddeutsche.de.