Academy Awards Warum "Hidden Figures" den Oscar verdient hat

Von wegen Mathematikmäuschen: Taraji P. Henson als Katherine Goble (später Johnson) in "Hidden Figures".

(Foto: dpa)

Theodore Melfis erzählt von drei Frauen, die in den 60er Jahren bei der Nasa arbeiten. Der Job steht im Vordergrund, Familie kommt nur am Rande vor. Das ist in Filmen immer noch ungewöhnlich.

Von Carolin Gasteiger

"Hidden Figures" hat den Oscar verdient. Und zwar nicht, weil Regisseur Theodore Melfi ausgefeilte filmische Kniffe verwendet oder eine besonders kreative Erzählform wählt. Sondern, weil der Film die Geschichte von drei Frauen erzählt, die vor sechzig Jahren spielt. Und trotzdem kaum aktueller sein könnte.

"Hidden Figures" zeigt Frauen als Protagonistinnen und thematisiert nicht deren Familien- oder Liebesleben, sondern vorrangig deren Joballtag. Familie als Sidekick - eine Konstellation, die bei männlichen Hauptfiguren gar nicht auffallen würde.

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Katherine Goble (später Johnson), Dorothy Vaughan und Mary Jackson arbeiteten in den sechziger Jahren als Mathematikerinnen bei der US-Weltraumbehörde Nasa und sorgten unter anderem dafür, dass der Astronaut John Glenn ins All fliegen konnte. Dafür lösen sie komplizierte mathematische Formeln im Kopf. Sie sind also blitzgescheit - und werden dennoch von Kollegen fälschlicherweise für die Putzfrau gehalten. Sie müssen sich in der Männerdomäne Nasa behaupten.

Und das auf doppelte Weise: Johnson, Vaughan und Jackson sind nicht nur Frauen, sie sind auch Afroamerikanerinnen. Und das in einer Zeit, in der Farbige in den USA gesellschaftlich noch lange nicht akzeptiert wurden. Sie arbeiten in separierten Farbigen-Büros, müssen eigene Farbigen-Toiletten benutzen, und wenn sie sich einen Kaffee zapfen wollen, reagieren die weißen Kollegen pikiert und stellen ihnen einen eigenen Wasserkocher mit dem Etikett "Farbig" auf den Tisch.

"Hidden Figures" ist eine wahre Geschichte und basiert auf dem gleichnamigen Buch von Margot Lee Shatterly, das im vergangenen Jahr erschienen ist. Melfis Protagonistinnen sind keine verhuschten Mathematikmäuschen, die in sich gekehrt nur über ihren Zahlen brüten. Sie sind selbstbewusst und stehen für ihre Sache auch vor ihren Chefs ein. Und sie sind mutig bis visionär: Vaughan erkennt früh, wie wichtig es ist, sich und ihre "Mädels" in einer neuen Programmiersprache fortzubilden, Jackson erkämpft sich vor Gericht ein Ingenieursstudium. Sie kämpfen damit nicht nur für sich persönlich, sondern für ein höheres Ziel: Gleichberechtigung. An einer Stelle im Film sagt Vaughan sinngemäß zu Jackson, als diese sich ungerecht behandelt fühlt, sie solle aufhören zu jammern und anfangen zu kämpfen.

Unterstützt werden sie dabei von Kindern und Ehemännern: Nicht nur die drei Hauptfiguren stehen für ein größeres Ziel ein, sondern auch ihre Familien. Johnson, Vaughan und Jackson erfüllten damit vor sechzig Jahren schon Ideale, für die es inzwischen regaleweise Ratgeberliteratur gibt. Kind und Karriere zu vereinbaren gehört immer noch zu den großen Herausforderungen unserer Gesellschaft.

Denn das, wofür Johnson, Vaughan und Jackson vor fünfzig Jahren gekämpft haben, ist noch immer nicht erreicht. Als die drei Frauen für ihr Recht auf Bildung eintraten, hieß der US-Präsident John F. Kennedy. Inzwischen heißt er Donald Trump, Frauen und Minderheiten werden noch immer diskriminiert und es wird über neue Mauern diskutiert.

Auf all das weist "Hidden Figures" nicht mit erhobenem Zeigefinger hin. Regisseur Melfi stellt den Job seiner Protagonistinnen selbstverständlich in den Vordergrund, zeigt sie aber gleichzeitig als Frauen, Mütter, Freundinnen. Auf diese Vielschichtigkeit weist auch der Titel hin. "Hidden Figures" bedeutet eben nicht nur die "versteckten Zahlen", mit denen die drei Frauen arbeiten. Auch sie selbst sind "hidden figures", "unerkannte Heldinnen", wie der deutsche Untertitel sagt.

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"Hidden Figures" ist "eine Geschichte über Brillanz, aber nicht über das Ego" heißt es im Atlantic. Der Film stelle nicht die Persönlichkeit der Protagonistinnen in den Vordergrund, sondern binde sie in ein soziales Netz ein aus Freunden und Familie. Er zeigt sie sonntags in der Kirche und abends vor dem Fernseher. Wenn eine der drei, die jeden Morgen gemeinsam mit dem Auto zum Nasa-Gelände fahren, länger arbeiten muss, warten die anderen beiden auf dem Parkplatz. Auch, wenn das Stunden dauert. Zu Hause machen ihr die Kinder keine Vorwürfe, sondern haben stattdessen das Abendessen vorbereitet.

In unserer Welt voller Individualisten ist so eine Form bedingungsloser Solidarität selten geworden. Wo nicht jeder für sich, sondern jeder für jeden einsteht. "Hidden Figures" stellt die drei Einzelschicksale in einen größeren Zusammenhang und schafft es, den vermeintlich schon ausgefochteten Kampf um Gleichberechtigung zu einem modernen Thema zu machen. Wenn das keinen Oscar wert ist.