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Abschiedstournee der EAV:Danke für 42 Jahre Missverständnis

Erste Allgemeine Verunsicherung

Ein Bild aus den lustigen Achtzigerjahren: Sänger Klaus Eberhartinger (Mitte), rechts hinter der Mauer Thomas Spitzer neben früheren Bandmitgliedern.

(Foto: DAVIDS/NikMa)

Die "Erste Allgemeine Verunsicherung" hat Lieder geschrieben, für die sie verklagt und zensiert wurde. Und "Ding Dong". Ein innerer Zwiespalt, der sich auch bei der letzten Tour kaum ertragen lässt.

Als das Konzert geschafft ist, sitzt Thomas Spitzer in der Garderobe des Deutschen Theaters und zieht sich, während er brav das Publikum lobt und sich gar versöhnlich zeigt mit der eigenen Show, die Hose aus. Ein Mann kommt herein und bittet ihn darum, nicht wieder zu rauchen, wegen des Feuermelders. Eine Frau kommt herein und holt die Hose ab, die muss sicher gleich gewaschen werden, nach dem Auftritt ist vor dem Auftritt.

Als sie wieder weg sind, steht Spitzer auf. Ein Riesenkerl, 65 Jahre alt, das lange Haar verschwitzt, die Augen müde. Obenrum trägt er ein Hemd und untenrum nur noch Ringelsocken sowie eine Unterhose mit Comicschrift drauf. Er öffnet das Fenster und zündet sich eine Zigarette an. "Ich rauche liebend gern", sagt er, und sein Lachen zeugt von dieser Liebe. Den Rauch bläst er hinaus in die Münchner Nacht. Jetzt sind es nur noch 72 Städte.

München ist die 21. Station der laufenden Tour der Ersten Allgemeinen Verunsicherung, in manchen Städten treten die Österreicher gleich mehrmals auf. Die meisten Konzerte sind ausverkauft, es läuft gut. Und Spitzer hat sich vorgenommen, diesmal bis zum Ende durchzuhalten. Nicht, wie bei früheren Tourneen mittendrin seine Koffer zu packen und sich in die Malerei oder nach Kenia zu flüchten. Er will die Sache gebührend beenden, weil es diesmal das Ende von allem sein soll, von Schmäh und Scham, von Fluch und Segen. "1000 Jahre EAV Abschiedstour" steht auf den Plakaten, das ist übertrieben, aber nur um 958 Jahre. Die Tour ist Spitzers Countdown bis zur Freiheit, passender wäre der Titel: Rente gut, alles gut. Ehrlicher wäre: Danke für 42 Jahre Missverständnis.

Tirili, tirilo, tirila: Das erwachsene Publikum bebt vor infantiler Begeisterung

Zweieindreiviertel Stunden ist die Band in München auf der Bühne gestanden, hat sozialkritische Zeilen gesungen wie "Jeder Wohlstand macht vermessen"; oder amerikakritische wie "Wir helfen der Demokratie zum Recht und am besten geht das mit dem Folterknecht"; auch EU-kritische wie "Das Gegenteil von gut ist gut gemeint, wenn man vorschnell zu viele Länder eint". Dafür kriegen sie Beifall.

Die Ovationen aber bekommen sie für "An der Copacabana" und "Fata Morgana". Das sind die Hits, die EAV zur Blödel-Band mit zehn Millionen verkauften Tonträgern gemacht haben, das sind die Lieder, für die das Gros des Publikums gekommen ist. Nervt Sie das? "Entsetzlich", sagt Spitzer, und es folgt eine selbstkritische Zeile: "Da muss ich mich selber an die Nase fassen."

Spitzer ist bei der EAV der Haupttexter, Illustrator, Gitarrist und Komponist. "Kompositionen will ich nicht sagen, eher Melodiechen", korrigiert er. Ihm ist in jeder Sekunde, bei jedem Zug an der Zigarette anzumerken, wie sehr das Dilemma an ihm zehrt: Der Künstler will für Tiefe und Ernst geliebt werden, doch das Publikum fordert das Flache und das Leichte ein. Der Unterschied zu den vielen anderen Rock 'n' Roll-Bands, die gerade mit ihren alten Ohrwürmern unterwegs sind, ist allerdings: Die meisten EAV-Fans kommen nicht, weil die Musik sie in die eigene wilde Jugend zurückversetzt - sondern weil sie bei den Konzerten an unschuldige Kindheitstage erinnert werden. Wenn Eberhartinger in "Küss die Hand, schöne Frau" über tirili, tirilo, tirila singt, dann bebt das erwachsene Publikum vor infantiler Begeisterung.

Die ersten Jahre seien die besten gewesen, sagt Spitzer, aber er meint nicht die eigene Kindheit in Graz, wo ihn sein Vater regelmäßig watschte. Er meint die Anfänge der Band. Gegründet 1977, machte die EAV zunächst Musikkabarett, die Band bestand aus anarchischen, progressiven Kreativen, die auf einem Bauernhof zusammenlebten. Das erste Album war zugleich die Abschlussarbeit des Kunststudenten Spitzer. Doch die erste Phase der EAV endete tragisch: 1981 nahm sich der Sänger der Band, Walter Hammerl, das Leben.

Richtig verstanden wurden sie immerhin von ihren Lieblingsfeinden

Zum Kollektiv gehörten damals auch Gert Steinbäcker, Günther Timischl und Schiffkowitz, die später als STS nicht nur erfolgreich, sondern eben auch angesehen sein sollten. Richtiger neuer EAV-Sänger aber wurde Klaus Eberhartinger, ein Freund Spitzers. Die Band wurde nun clownesker und kommerzieller, 1985 feierte sie ihren Durchbruch mit der Platte "Geld oder Leben!", und ein Jahr später kritisierte der Musikexpress bereits, dass die "politische Angriffslust früherer Programme einer leichter zugängigen ,Unterhaltung pur'-Mentalität weichen" habe müssen.

Die Musiker wurden zu gefeierten und feiernden Stars, mit allem, was dazu gehörte, auch mit "Antidepressiva aus Kolumbien", wie Spitzer sagt. Die Gaga-Texte brachten Geld, die Protest-Zeilen machten Ärger. 1983 erschien der "Balkan-Boogie", der so beginnt: "Wer riecht immer nur nach Schwitz, Knoblauch und Sliwowitz". Da applaudierten auf Konzerten auf einmal die Rechten. Fünf Jahre später weigerte sich Bayern 3, "Burli" zu spielen. Das Lied handelt von einem Kind, das durch den Atomunfall in Tschernobyl Missbildungen davonträgt, es hat "links und rechts drei Ohrli". Der Sender erkannte da eine Beleidigung behinderter Menschen.

Richtig verstanden wurden sie immerhin von ihren Lieblingsfeinden. Eberhartinger, aufgewachsen in Hitlers Heimat Braunau, nannte Jörg Haider einen "braunen Arsch" und wurde wegen übler Nachrede verurteilt. Und der einstige Wehrmachtsoffizier und spätere österreichische Bundespräsident Kurt Waldheim drohte 1988, gerichtlich gegen das Lied "Wenn man geh'n muss" vorzugehen (Auszug: "Jedoch im Ausland ist der Kurti nicht sehr populär, because er kann si net erinnern"). Aber die Haltung, die andere Bands zu linken Helden gemacht hätte, ging bei der breiten Masse unter. Sie war kaum zu sehen zwischen all den Kostümen und Kalauern, das Best-of-Album hieß dann auch: "Kann denn Schwachsinn Sünde sein ...?"

Abschiedstournee zum 40jährigen Bühnenjubiläum 2019 Erste Allgemeine Verunsicherung EAV ALLES IST

Eberhartinger und Kollegen bei der großen Abschiedstour 2019.

(Foto: imago/VIADATA)

Die Sünden zu begehen, also Refrains wie "Ma- Ma-Ma-Märchenprinz" oder "Ba-Ba-Banküberfall" zu schreiben, fiel Spitzer leicht. "Jetzt hatten wir Bababa und Schalala, dann machen wir halt noch Ding Dong." Gegen die Skrupel half der Blick auf das Konto: "Von so einer Tour bringt man ja nicht nur Geschlechtskrankheiten mit nach Hause." Spitzer konnte bestens von seinem Schaffen leben. Er musste aber auch mit ihm leben. Das macht er mittlerweile in der Ferne.

Eberhartinger, der schon immer ein Faible für Afrika hatte, hat Spitzer einmal dorthin mitgenommen. Dem gefiel der Kontinent, trotz der anderen weißen Touristen (denen er später die Zeilen widmete: "Am Nachmittag wird er zum Großwildjäger und ein Pavian zum Bettvorleger. In der Nacht träumt er von einer Voodoo-Mutti mit Riesentitti aus Djibouti"). Und heute wohnt Spitzer wie auch Eberhartinger in Kenia, die beiden trennen nur ein paar Kilometer. Das ist vielleicht der lustigste Witz von allen: Die Vorzeige-Österreicher und Alpen-Chronisten schauen sich die Heimat seit 30 Jahren von Afrika aus an.

Im Laufe dieser Zeit hat das Genre Blödel-Pop gelitten. Lustig gereimt wird heute vor allem im Hip-Hop. Den einen oder anderen witzelnden Sänger findet man vielleicht noch in den Partyhöllen Mallorcas, deren Ruf die EAV auch in ihren schwierigen Zeiten nie gefolgt ist. Vieles, was die Österreicher früher so zusammengereimt haben, wäre heute politisch unkorrekt. Missverständliches wird umgehend geahndet und geächtet. Die Liebe zur EAV ist auch eine Sehnsucht nach unkomplizierteren und weniger zimperlichen Jahren.

Thomas Spitzer raucht jetzt nur noch 30 Zigaretten am Tag, er ist gerade Vater geworden

München hat an diesem Abend eine Revue dieser Zeiten erleben dürfen. Das Publikum und die EAV näherten sich dabei gratwandernd: Die Besucher ließen der Band die Freude, hier und da bekehrend und ernst zu sein, solange die Setlist ihnen immer wieder den Spaß erlaubte, den sie hier gesucht hatten. Anspruch und Witzigkeit. Eberhartinger gab die ulkige Rampensau, er machte das gut und gerne, sang zwischen den politischen Liedern also auch die populären, er strippte sogar, ein Theater. Spitzer an der Gitarre ließ sich die Unterforderung nicht anmerken. Vielleicht genoss er den Abend ja sogar ein wenig.

Spitzer hat auch Lieder geschrieben, die nicht zur EAV passten. Für STS. Oder für Udo Jürgens, wenn auch nicht dessen Zeile, wonach mit 66 noch lang noch nicht Schluss sei. Am kommenden Samstag erreicht Spitzer dieses Alter. Er raucht weniger als früher, sagt er in München über das Fensterbrett gelehnt. Statt 60 Zigaretten am Tag nur noch 30. Der Ernst des Lebens winkt, mit reichlich zarten Händen. Gerade ist Spitzer noch mal Vater geworden.

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