Abschied vom Röhrenfernseher:Geflimmert und geröhrt

Mondlandung, "Knight Rider", "Derrick" - der Fernseher der alten Art vereinte Familien und trennte sie im Streit. Nun weicht er dem essgestört wirkenden Flachbildschirm. SZ-Autoren erinnern sich.

11 Bilder

-

Quelle: SZ

1 / 11

In diesem Jahr verschwindet ein Apparat vom Markt, mit dem ganze Generationen aufgewachsen sind. Der Fernseher der alten Art war ein raumgreifendes Möbelstück, das Familien vereinte und im Streit trennte. Nun hat der Röhrenfernseher ausgedient, die Elektronikgeschäfte streichen ihn aus ihrem Sortiment - nur noch 64.000 Geräte wurden im ersten Quartal 2009 verkauft. Stattdessen wird mit technisch immer anspruchsvolleren LCD- und Plasma-Geräten sehr viel Geld verdient. SZ-Autoren erinnern sich an die Ära vor dem Flachbildschirm, als der Fernseher noch eine Monopolstellung hatte und so richtig flimmerte.

Implosion bei Visconti - was für ein schöner Tod

Der Grundig-Röhren-Fernseher stand bei meiner Großmutter, er war eine Art Altar in der Parterre-Wohnung einer großen, alten Dame. Über ihm hing eine Alpenmalerei aus den dreißiger Jahren, und auf ihm fanden sich ein kleiner Dual-Plattenspieler, eine Schale, randvoll gefüllt mit Ricola-Kräuter-Bonbons, und eine aufziehbare Spieluhr.

Versuchen Sie doch mal all diese Gegenstände auf eines dieser modernen Flatscreen-Scheusale zu stellen! Geht nicht! Ganz abgesehen von der Weihnachtskrippe, die im Winter auf dem Gerät meiner Großmutter stand. Meist schmückte sie ihren Fernseher zusätzlich mit gestickten Stoffdeckchen oder stellte Vasen mit frischen Schnittblumen auf ihm ab. Das sorgte für Ärger mit ihrer Tochter, meiner Mutter. Schließlich hatte schon der Fernsehmechaniker Wünning bei der Anlieferung gesagt, dass ein Röhrenfernseher "hinten atmen" muss und dass Blumenwasser für elektronische Geräte ganz schlecht sei.

Weil in den achtziger Jahren selbst im Westerwald ständig neue Privatfernsehkanäle eingespeist wurden, bat mich meine Großmutter alle paar Tage, ihr diese Kanäle bitte einzustellen. Deshalb saß ich nach der Schule stundenlang vor ihrem Gerät und drehte mir meine Finger an winzigen Stellschrauben wund. Senderwahl nannte man das, eine Automatik gab es noch nicht.

Ab und zu tauchten im dichten Schneegestöber eines rauschenden Nichts tatsächlich neue bunte Programmwelten auf. Welten, da war ich mir mit meiner Großmutter einig, die uns beide nicht sonderlich interessierten. Zu laut, zu schrill, zu schnell. So quittierte der Röhrenfernseher später ganz öffentlich-rechtlich seinen Dienst: Während Luchino Viscontis "Ludwig II." in der ARD implodierte er. Unverhofft. Eigentlich ein schöner Tod.

Text: Martin Zips

SZ vom 16.07.2009/jeder/korc/rus

Foto: iStockphoto

-

Quelle: SZ

2 / 11

Der lange Weg zu "Derrick"

Wenn man von der "Tagesschau" zu "Derrick" umschalten wollte, entspann sich der immergleiche, immer ärgerliche Familiendialog. - "Du." - "Nee, du." - "Warum immer ich." - "Weil ich es sage." - "Immer ich!" - "Solang du hier bei uns wohnst ..." - "Ja aber warum..." - "Jetzt mach'!" 15 Jahre ging das so, dann krepierte das alte Ding innerlich, und wir bekamen einen Fernseher mit Fernbedienung. Wenn man genau hinsah, konnte man sich einbilden, dass wir auf den drei Metern, die das Sofa von der TV-Kommode trennten, einen kleinen Graben in den Teppich gelaufen hatten. Text: Tanja Rest

Fotos: dpa, ddp / Montage: sueddeutsche.de

-

Quelle: SZ

3 / 11

Hasselhoff und die Elektronen

Riesengroß stand der Fernseher im Wohnzimmer. Die Mattscheibe war zwar angemessen klein - "Lies lieber ein Buch", sagte die Mutter, von Beruf Lehrerin. Aber nach hinten war das Gerät außerordentlich dick. "Da sitzt eine Röhre drin", sagte der Vater, von Beruf Ingenieur. "Die kann zwar nicht ex- aber implodieren."

Im Kathodenstrahlröhrenbildschirm, erfuhren wir als Kinder, rast ein Elektronenstrahl von links nach rechts und von oben nach unten. Dabei würden die rasterartig angeordneten Bildpunkte immer wieder neu eingefärbt und ihr Helligkeitsgrad verändert. Je schneller die Elektronen durch die Röhre sausten, umso weniger flimmerte das Bild. Wir Kinder fragten uns, warum die Elektronen im eigenen Fernseher so langsam waren und die bei den Nachbarn so schnell.

Außer der Röhre waren in der dicken Kiste noch mehr interessante Dinge: David Hasselhoff fuhr darin in einem sprechenden Auto herum und Frauen rannten andauernd in roten Badeanzügen den Strand von Malibu entlang. Knight Rider schien aus der Zukunft zu sein, die Frauen aus einem weit entfernten Universum, der Fernseher aber war, so wie er im Wohnzimmer stand, schon immer ein Relikt der Vergangenheit.

Im Turm der Stereoanlage hatte das CD-Laufwerk den Plattenspieler ersetzt, der MiniDisc-Player schob den Walkman beseite und das analoge Telefon mit der runden Wählscheibe war auch schon lange schnurlos und federleicht geworden. Die ganze Kindheit - ein einziges, digitales Versprechen. Zwanzig Jahre später suchen die Söhne ein Weihnachtsgeschenk für ihre Mutter. So kommt der erste Flachbildschirm-Fernseher ins Haus der Eltern. "Guck auch mal fern", sagen die Kinder.

Text: Johannes Boie

Fotos: AP, dpa / Montage: sueddeutsche.de

Fernseher

Quelle: SZ

4 / 11

Ein Altgerät, das man sich schenken kann

Unser Dinosaurier heißt KV 32 FX. Es wurde uns liebevoll aufgedrängt, weil ja jetzt alle anderen neue Flachbildfernseher besitzen und ohne die richtigen Leuchtdioden gar nicht mehr leben können. Selbst Menschen, die früher stolz auf ihre Bücherwände waren, sind inzwischen ausgewiesene Plasma-Experten, zitieren die neuesten Testergebnisse und veranstalten Heimkino-Abende.

Der Dinosaurier vom Typ KV 32 steht jetzt bei uns, weil ihn ein guter Freund nicht mehr haben wollte - er brachte es einfach nicht übers Herz, so ein gutes Stück auf den Wertstoffhof zu bringen. Das Ding ist so schwer, dass es nur von vier Personen angehoben werden kann, dafür liefert es gestochen scharfe Bilder.

Der mausgraue Dinosaurier der Marke Sony sollte wohl kurz vor dem Ende einer untergehenden Epoche noch einmal alle Vorzüge der veralteten Röhrentechnik demonstrieren. Er steht jetzt auf einem rustikalen Fernsehtisch, damit man ihn wegrollen kann. Am liebsten würde man ihn nach der unvermeidlichen Ärzteserie in irgendeine finstere Nische schieben. Geht aber nicht, denn hinter dem Mega-Bildschirm wölbt sich der eigentliche TV-Bauch, eine mit Löchern versehene Ausbuchtung, in der wahrscheinlich ein ganzes Röhrenlager Platz hätte. KV 32 ist wirklich von abstoßender Hässlichkeit, zugleich aber auch so anziehend, dass man nicht mehr von ihm loskommt. Insofern passt er gut zum Fernsehprogramm.

Text: Christian Mayer

Screenshot: sueddeutsche.de

-

Quelle: SZ

5 / 11

In Schwarz-Weiß sah sogar "Wetten, dass ...?" aus wie Kunst

Das Fernsehereignis des Jahres 1984 war "Heimat", der erste Teil der großen Trilogie über ein Hunsrück-Dorf von Edgar Reitz. Besonderer Kunstgriff des Regisseurs war, dass die beliebten Geschichten rund um "es Hermännsche" zwischen Schwarzweiß und Farbe hin- und herwechselten. Das Problem dabei: Unser damaliger Röhrenfarbfernseher, den wir furchtbar lange behielten, hatte zuvor schon ganz von selbst die Angewohnheit entwickelt, willkürlich zwischen Farbe und Schwarzweiß umzuspringen. Wir konnten also nur raten, wo jetzt eigentlich gerade Edgar Reitz und wo der Apparat selbst Regie führte, wenn die Farbe wegblieb. Ob "Wetten, dass ...?" oder "Falcon Crest", bei uns war immer "Heimat", was jenen Sendungen einen ganz ungeahnten Anspruch verlieh. Draufhauen auf die Kiste half übrigens nicht, im Gegenteil, die Farbverweigerung schien sich dadurch eher störrisch zu verfestigen.

Sollte es die pädagogische Absicht der Eltern gewesen sein, das Fernsehen durch Nichtersetzen des changierenden Monsters unattraktiver zu machen, so ging das nach hinten los: Ich entwickelte nämlich die nie zweifelsfrei bewiesene Theorie, der Fernseher müsse immer eine halbe Stunde vor der Sendung "warmlaufen", um dann bunt zu bleiben. Der Schaden war nachhaltig: Ich kann bis heute nicht mit Sicherheit sagen, welche Teile meiner Kindheit in Farbe abliefen und welche in Schwarzweiß. Dafür bleibt mir angesichts des TV-Programms bis heute der grandiose Spruch meiner Großmutter lebhaft in Erinnerung, die, als sie mitteilen wollte, dass ohnehin nichts Interessantes im Fernsehen laufe, sagte: "Heute ist sowieso kein Wupptich im Telefon."

Text: Johan Schloemann

Fotos: iStock / Montage: sueddeutsche.de

-

Quelle: SZ

6 / 11

Kiste, Kasten, Mattscheibe: Der Fernseher als Sprachbild

Dass "der Fernseher" die Welt gewaltig verändert hat, kann man wohl sagen. Umso erstaunlicher seine Spuren in der Sprache. Sie bieten kaum Eigenständiges - wenn nicht alles täuscht, haben wir es mit einem Fall von kulturellem Schmarotzertum zu tun. Betrachten wir die Kiste. Schon vor der TV-Ära hatte sie ein paar schöne Nebenbedeutungen: eine verfahrene Kiste (Angelegenheit), geht die Kiste nicht schneller (Auto), die steigt ja mit jedem in die Kiste (Bett), der liegt längst in der Kiste (Sarg). Da ist für mich auch noch Platz, hat sich der Fernseher gesagt und sich die Kiste als Synonym zugelegt: Ist heute was Schönes in der Kiste? Und weil er schon bei den Behältnissen war, hat er auch gleich auf den Kasten zugegriffen: Im Kasten kommt neuerdings nur Mist! Von der Mattscheibe glauben viele, sie sei ein originärer Spitzname für den Bildschirm; sie war jedoch lange vor ihm da, als Einstellscheibe in der Fotografie. Noch weiter verbreitet ist die Vermutung, in die Röhre gucken sei eine Eigenleistung des Fernsehens. In Wahrheit wurde damit immer schon gesagt, dass jemand das Nachsehen hat, und mit der Röhre war nicht die Braunsche Röhre gemeint, sondern das Ofenrohr, mit dem man ins Gebirge schaut, respektive die Klosettröhre, in die zu schauen ähnlich frustrierend ist. Die Glotzen im Sinn von großen, starren Augen gab es ebenfalls schon, doch waren sie in den Keller der Sprache abgesunken. Sie reaktiviert zu haben, ist das Verdienst der Glotze - ein freilich eher dubioses Verdienst.

Text: Hermann Unterstöger

Foto: Getty

-

Quelle: SZ

7 / 11

Die Mondnacht, als der Fernseher beinahe in die Luft flog

Es war Mitte Juli und entsprechend heiß, so dass man nur unruhig schlief. Aber in dieser Nacht wurde nicht lang geschlafen: 21. Juli 1969, 3 Uhr 56, der erste Mensch betritt den Mond. Fernsehen war sonst böse, Fernsehen war für die Häuslerkinder und die anderen Arbeiter, aber diese Nacht war anders. Nein, es wurde nicht hell, es blieb alles im Schatten. Niemand hatte Farbe damals, und auch sonst gab das Gerät nicht viel mehr her als Nuancen von Grieselgrau. Das Bild flackerte und bebte, und als Neil Armstrong den Fuß von der letzten Sprosse hinab auf den Boden, hinein in den Mondstaub setzen wollte, konnte ich vor Angst fast nicht hinschauen. Die Angst war so groß, weil sich dieser Staub im Moment der Berührung entzünden, der Mond explodieren und der Fernseher, der diesmal sogar mitten in der Nacht laufen durfte, in die Luft fliegen und für immer weg sein könnte. Konnte es nicht sein, dass die Russen heimlich vorher gelandet waren und um die Ecke kommen und alle erschießen würden, auch uns, die halblegalen Zuschauer? Es knarzte und rauschte aus dem Fernseher, der Fuß Armstrongs senkte sich und berührte den Mond - und nichts geschah. Der Mond, die Erde war gerettet, und der Fernseher blieb am Leben.

Text: Willi Winkler

Foto: AP

-

Quelle: SZ

8 / 11

Die Zimmerantenne und der Bildmeister

Ein Fernseher, sagte die Mutter, kommt uns nicht ins Haus. Einen Fernseher brauchen wir nicht. Fernsehen macht dumm. Lest lieber Bücher. Oder geht ins Theater. Oder ins Kino. Also hatten wir, als fast alle Deutschen schon einen Fernseher hatten, noch immer keinen.

Das war kein Problem. Nur bei den großen Sportereignissen wurde es eines. Dann mussten wir zu den Nachbarn gehen, um der Verzweiflung der Ausgeschlossenen zu entkommen. Bei Olympia und bei den Fußballweltmeisterschaften waren wir häufiger in der Nachbarswohnung als in der eigenen.

Dann starb die Großmutter. Die Großmutter hatte schon lange einen Fernseher, wahrscheinlich war sie eine der ersten Deutschen mit Fernseher gewesen. Die Großmutter hinterließ uns ihren uralten Fernseher. Der Apparat war selber so etwas wie ein Todeskandidat. Schwarzweiß natürlich, schlechter Ton, noch schlechteres Bild. Einen Antennenanschluss hatten wir nicht. Also mussten wir diese seltsam gebogene, altertümliche Zimmerantenne zum Einsatz bringen. Viel geholfen hat das nicht.

Man sah auf dem Bildschirm immer zwei Bilder zugleich, jeder Mensch hatte einen Schattenmenschen, jeder Fußball und jeder Tennisball flog zweimal durchs Bild. Mit verbissenem Fleiß lernte ich, die Zimmerantenne nahezu virtuos zu bedienen. Die Familie war begeistert. Man nannte mich den Bildmeister. Da wusste ich, wie wichtig es doch ist, es im Leben zur Meisterschaft zu bringen. Und dass Fernsehen nicht dumm macht, sondern ganz im Gegenteil.

Text: Benjamin Henrichs

Foto: AP

-

Quelle: SZ

9 / 11

Warum die Linken immer nur heimlich glotzten

Der Bruder meiner Mutter hatte Schneider gelernt, machte sich nach dem Krieg selbständig und brachte es - gemessen an damaligen Verhältnissen - schnell zu Geld. Er fuhr mit seinem Opel Olympia über die Dörfer, verkaufte Stoffe, Knöpfe und Reißverschlüsse. Am Ende besaß er in bester Innenstadtlage ein Einzelhandelsgeschäft und zu Hause, im Wohnzimmer, eine Musiktruhe mit eingebautem Fernseher. Das war zu jener Zeit der Ausweis von Wohlstand, Eiche rustikal, oben drauf die Häkeldeckchen mit den Familienfotos. Die wohlige deutsche Spießigkeit hielt sich lange in den Wohnzimmern, auch dann noch, als die aufbegehrenden jüngeren Familienmitglieder in ihren Zimmern Poster von Che Guevara und Malcom X auf die Raufasertapete klebten. Die Lust am Laster und der Spaß, die bürgerlichen Spießer zu verhöhnen, gehörte zum Alltag der Linken, deren politische Gesinnung es nicht mehr zuließ, daheim die einst geschätzten Vorlieben auszuleben. Da wurde zwar noch kirchlich geheiratet, aber Fernseher waren als Inbegriff der Spießigkeit verpönt. Die Juso-Vorsitzende wohnte, obwohl der Mann mitverdiente, im sozialen Wohnungsbau, drei Zimmer Küche, Bad. Auf dem Tisch die Schriften von Herbert Marcuse und Ernest Mandel, der Fernseher hinter einem rot-weiß karierten Vorhang versteckt. Nur die gerüschte Überdecke lag noch lange auf dem Doppelbett.

Text: Hans Werner Kilz

Foto: dpa

-

Quelle: SZ

10 / 11

Ein Möbelstück für Millionen: Am Anfang war die Truhe

Das Gerät, der Apparat, die Kiste, der Kasten und die Truhe: Sie sind die Nachfahren von Archaeopteryx und Tyrannosaurus Rex. In diesen Tagen wird das letzte voluminöse Röhrengerät, der letzte klobige TV-Apparat und wohl auch die allerletzte dickleibige Fernsehtruhe zusammengeschraubt, um den ultraflachen, wie essgestört aussehenden Plasmabildschirmen zu weichen.

Flimmerkiste und Glotzkasten müssen sich fühlen wie Dinosaurier kurz vor Einschlag des Kometen: irgendwie unwohl. Vielleicht ahnen sie, dass die Ära der dreidimensionalen Tele-Möbel zu Ende geht, um der schieren Zweidimensionalität Platz zu machen. Das Medium Fernsehen, von Enzensberger und anderen fernsehfreien Zonen einst zum "Nullmedium des 20. Jahrhunderts" degradiert: Es verflacht eigentlich erst jetzt in aller anschaulichen Radikalität.

Aus den späten fünfziger Jahren ist ein Werbeplakat bekannt. Es zeigt ein Ehepaar in vorbildlich feierlicher Abendgarderobe, das sich vor der Fernsehtruhe eingefunden hat wie in einer Theaterloge, um den Sensationen einer Fernsehballettaufführung beizuwohnen. Die beworbene Fernsehtruhe heißt "Rembrandt" (Eiche Furnier). Es gab allerdings auch das Modell "Rubens" (Nussbaum).

In jene Zeit fiel auch die Geburtsstunde der deutschen Schrankwand. Damals wurden nicht nur Truhen und Schrankwände, sondern auch Innenausstattungen und ganze Raumprogramme um das zunächst als exotisch beargwöhnte Technikabenteuer Fernsehen herumgebaut. Betrieben wurde eine Art Wohnzimmer-Camouflage, um aus dem TV-Technizismus ein Kulturgut zu machen. Damals ahnte man ja noch nicht, wozu Dieter Thomas Heck und Ilja Richter später in der Lage sein würden. Also wurde das Kulturgut auch gleich zum Altar weiterveredelt.

Der Fernsehaltar war die bodennahe Entsprechung zum Herrgottswinkel: drapiert mit Häkeldeckchen, Familienfotos im Silberrahmen und einem Sektglas voller Salzstangen. Dem täglichen Glotzendienst stand nichts im Weg. Transzendenz traute man dem Fernsehen damals noch zu. Vorbei. Der Fernseher der Gegenwart steht wie ein Bild auf dem Sideboard oder wird an die Wand geschraubt. Man betrachtet das Fernsehen wie ein Gemälde, stundenlang, um es zu begreifen. Umsonst.

Text: Gerhard Matzig

Foto: dpa

Schrott dpa

Quelle: SZ

11 / 11

Epilog: Der Friedhof der verlorenen Röhren

Ab in die Tonne mit der alten Glotze? Geht nicht. Ein TV-Gerät gehört wegen der Umweltgifte, die in dem Kasten stecken, nicht in den Hausmüll - mal abgesehen davon, dass der Mülleimer sowieso zu klein wäre. Derzeit gibt es nach Angaben des Unterhaltungselektronik-Verbandes GfU 50 bis 55 Millionen Fernsehgeräte in Deutschland, etwa zwei Drittel davon sind noch Röhrenfernseher. Wohin mit den Dingern? Die meisten Recyclinghöfe nehmen Altgeräte kostenlos an, Elektroschrottfirmen weiden die Kästen aus und verkaufen wertvolle Teile weiter. Viele Hersteller bieten Abwrackprämien an, beim Kauf eines Flachbildgeräts wird die alte Röhre in Zahlung genommen. Sie haben psychologische Probleme, sich vom alten Fernseher zu trennen? Benutzen Sie ihn doch als Aquarium. Wie das geht, erklärt die Internetseite aquahobby.com. Die Röhre wird fachgerecht entfernt, an deren Stelle kommt ein Wassertank; Pumpe und Lüftung stecken hinter den Programmknöpfen. Das Programm ist dann zwar etwas einseitig, die Handlung aber sehr flüssig und das Bild gestochen scharf.

Text: Titus Arnu

Foto: dpa

Zur SZ-Startseite

Lesen Sie mehr zum Thema

Süddeutsche Zeitung
  • Twitter-Seite der SZ
  • Facebook-Seite der SZ
  • Instagram-Seite der SZ
  • Mediadaten
  • Newsletter
  • Eilmeldungen
  • RSS
  • Apps
  • Jobs
  • Datenschutz
  • Kontakt und Impressum
  • AGB