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Bildung:"Erklär mal Habitus"

Als "Prof. Dr." hat Aladin El-Mafaalani selbstverständlich Abitur - und wie Twitter-Nutzer ihn wissen ließen, gehören seine Texte nun auch zum Abi-Kanon.

(Foto: Michael Pizarra/mauritius images)

Autoren, deren Texte in Prüfungsaufgaben vorkommen, kriegen zunehmend Post von verzweifelten Abiturienten.

Von Moritz Baumstieger

Welche Bedeutung das Abitur für die Chancen eines Menschen und selbst die von dessen Nachkommen haben kann, weiß Aladin El-Mafaalani nur zu gut: Der 42-Jährige beschäftigt sich mit Themen wie Bildung und Chancengleichheit, früher ganz praktisch als Lehrer und Abteilungsleiter in einem Ministerium, derzeit eher theoretisch, als Wissenschaftler und Autor. Zuletzt veröffentlichte der Soziologe das Buch "Mythos Bildung", in dem es auch um die vielen Hürden geht, die Kinder aus sozial schwächeren Schichten in ihrer Bildungskarriere überwinden müssen.

Am Dienstag nun wurde El-Mafaalani selbst zur Hürde, die vor möglichen akademischen Karrieren steht - zumindest in Nordrhein-Westfalen. Schüler des Leistungskurses Pädagogik fanden einen Auszug von "Mythos Bildung" auf dem Prüfungsbogen - und waren nicht durch die Bank begeistert. "Schon kurz nach zwölf Uhr Mittag habe ich ein, zwei E-Mails bekommen, die ich nicht ganz verstanden habe", erzählt El-Mafaalani der SZ, dann wurden es immer mehr. Auf Instagram und Facebook fand er Dutzende weitere Nachrichten und Kommentare vor, "und das hört bis jetzt nicht auf".

Nach und nach puzzelte sich der 42-Jährige zusammen, dass er nun zum deutschen Bildungskanon gehört. Viele Schüler wollten vor allem den Prüfungsstoff noch mal nachlesen und baten den Autor, die entsprechenden Seiten aus dem Buch zu posten - doch welche das sind, wusste er gar nicht. Andere fragten, ob sie El-Mafaalanis Ausführungen zu Pierre Bourdieus Ungleichheitstheorie richtig verstanden haben - "und ich muss sagen: Was mir vor allem Schülerinnen in langen Direktnachrichten geschrieben haben, klingt ziemlich gut". Andere fassten sich kürzer: "Erklär mal Habitus, nach 5 Stunden lesen immer noch kein Plan."

"Du schuldest uns ein Abi Bruder"

Alle Zuschriften wird El-Mafaalani nicht beantworten können, nun hat er auf Instagram eine Selbsthilfegruppe gegründet. Und schlägt eher im Scherz vor: "Vielleicht sollten nur noch tote Autoren im Abi drankommen." Die zumindest könnten von Prüflingen nicht in den sozialen Medien behelligt werden, denn El-Mafaalani ist nicht der einzige zeitgenössische Autor, der sich im Netz unfreiwilligen Lesern stellen muss. Neben dem deutschen Soziologen Oliver Nachtwey wundert sich auch der US-Journalist Farhad Manjoo über Zuschriften: "Schüler in Deutschland (nach dem, was ich verstehe, alle Schüler in Deutschland??) mussten anscheinend eine Kolumne von mir in einem großen Examen analysieren", schrieb er auf Twitter. Manche würden sich bedanken, andere würden schreiben, "dass ich ihr Leben ruiniert habe".

Schüler in ganz Deutschland waren es nicht, sondern ebenfalls nur welche aus dem Staat North Rhine-Westphalia, in dem schon mit dem Abitur begonnen wurde. Im Februar 2020 hatte Manjoo in einer Kolumne für die New York Times einen ähnlichen Gedanken formuliert wie Anton Hofreiter in diesem Februar: nämlich den, dass der anhaltende Bau von Einfamilienhäusern nicht die nachhaltigste aller Bauformen ist. Und weil Manjoo den Gedanken etwas eleganter formulierte als der Grünen-Fraktionschef, bekamen die Englisch-Abiturienten die Aufgabe, seine Sprache und seine Kommunikationsstrategie zu analysieren. Nicht alle waren von Konstruktionen wie "habitable charms" oder "urban sprawl" so begeistert wie die Pädagogen, die den Text ausgewählt hatten. "Junge, benutz doch Wörter, die es im Wörterbuch gibt, du H0nd!", schrieb einer.

Thomas Bernhard wäre wohl nicht so geduldig gewesen

Popkulturelle Referenzen wie die Zeile "little boxes made of ticky-tacky" - entlehnt aus einem Song von Malvina Reynolds über die Konformität der Vorstädte - standen erst recht nicht im Oxford Advanced Learner's Dictionary. "Dein Artikel hat meine Abschlussprüfung gefickt, danke für nichts", ließ eine Twitter-Nutzerin den Kolumnisten auf Englisch wissen, "Du schuldest uns ein Abi Bruder", schrieb ein anderer auf Deutsch. Trotz dieser eher rüden Ansprache reagierte Manjoo auf den ungesuchten Leserkontakt so geduldig, wie man es sich von Autoren klassischerer Prüfungstexte wie Thomas Bernhard oder Goethe wohl nicht hätte vorstellen können, hätten die über soziale Medien verfügt. Manjoo erklärte etwa einer Schülerin, was genau er mit dem Adjektiv "ritziest" gemeint habe.

Schriftsteller Sasa Stanisic

13 Punkte in der Prüfungsaufgabe zum eigenen Roman will Saša Stanišić 2019 erreicht haben.

(Foto: Christian Charisius/dpa)

In die Twitter-Konversation eingebunden war bald der Autor Saša Stanišić, der sich schon 2019 über eine Kanonisierung zu Lebzeiten freuen durfte: Im Hamburger Deutsch-Abi stand eine Aufgabe zu seinem Roman "Vor dem Fest" zur Wahl, an der sich der Autor damals selbst versuchte. Nach eigenen Angaben schrieb er die Prüfung unter dem Pseudonym "Elisabeth von Bruck", die korrigierende Lehrerin gab ihm 13 Punkte - immerhin einen Punkt mehr, als Stanišić 1997 bei seinem Abitur zu Goethes "Novelle" erreichte.

Einen Hinweis, warum selbst dem Autor bei der Analyse des eigenen Werks nicht immer die volle Punktzahl gelingt, lieferte Manjoo: Sie frage sich, ob Autoren ihre Metaphern tatsächlich bewusst setzen, um das Interesse der Leser heraufzubeschwören, fragte eine Schülerin - oder ob sie nicht vielmehr einfach so schreiben würden, dass es schön klingt. "Ohaha", antwortete Manjoo, "yeah pretty much."

© SZ
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