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Abgeschrieben: Buch als Plagiat entlarvt:Der schamesrote Buchstabe

Da staunten die Kritiker nicht schlecht: In einem neuen Buch über den Buchstaben "ß" fanden sie ihre eigenen Aufsätze wieder. Nun zieht der Eichborn-Verlag das Buch zähneknirschend zurück.

Am Montag sollte im Eichborn-Verlag ein Buch des Frankfurter Journalisten und Werbetexters Frank Müller erscheinen: "ß. Ein Buchstabe wird vermisst". Einige Tage zuvor hatte der Verlag Rezensionsexemplare verschickt, namentlich an von Müller genannte Experten für Schrift.

Als einige dieser um Kritik gebetenen Kenner der Materie das Buch zu lesen begannen, verblüffte sie nicht nur die Ansicht, der Buchstabe "ß "würde bald verschwinden, sondern waren sie auch erstaunt darüber, ihre eigene Arbeit in dem Buch wiederzufinden.

Der Eichborn-Autor hatte seitenweise aus mehreren Aufsätzen der Fachzeitschrift Signa abgeschrieben, Passagen aus Theodor Icklers Buch "Falsch ist richtig" übernommen, vom Deckel eines Buches von Judith Schalansky abgekupfert, sich aus der Wikipedia bedient und schließlich auch aus dieser Zeitung ein paar Absätze in sein Werk kopiert - nur ließ er mit dem "ß" auch die Anführungszeichen sterben.

Während die Opfer dieser umfangreichen Urheberrechtsverletzung in Blogs und Foren über den Umfang der Plagiate Klarheit erlangten, baten sie den Verlag um eine Stellungnahme.

Die Justitiarin des Eichborn-Verlages teilte auf dringlichere Nachfrage mit, dass die Auslieferung des Buches angehalten werden würde, kurz darauf ließ sie wissen, dass der Verlag "die Angelegenheit" bedaure und das Buch zurückziehe.

Unernste Zerknirschung

Die PR-Abteilung des Verlages dagegen testete zum Ärger der Betroffenen deren Belastbarkeit für das Eichbornsche Verständnis von Humor und witzelte in ihrem "Boulevard" im Internet, einstweilige Verfügungen garantierten zwar mediale Aufmerksamkeit, könnten aber teuer werden. Im Falle dieses Buches müsse der Verlag "jetzt die Notbremse ziehen" und nehme es "mit Billigung des Autors" vom Markt: "Einigermaßen zerknirscht, weil wir als Verlag natürlich im besonderen Maße verpflichtet sind, das Urheberrecht zu schützen."

Aber mit dieser unernsten Zerknirschung war Eichborn an die Falschen geraten. Einige der bestohlenen Autoren vermissten ein Wort des Bedauerns, den Versuch einer Erklärung anstelle lockerer Sprüche und hielten dem Verlag in einigen Internet-Foren die hässlichen Worte "Plagiat" und "Diebstahl geistigen Eigentums" vor. Sie richteten ihre zorngeschwellten Zeigefinger sogar auf den im Urheberrecht angedrohten Freiheitsentzug für gewerbliche Verwertung geschützter Werke.

Statt dem "Verlag mit der Fliege" zu danken, dass ihre Geistesfrüchte überhaupt der Vervielfältigung für wert gehalten wurden und eine so hübsche Collage mit derart einmalig interessanten Stilwechseln entstanden ist, die nicht von krümelartigen Anführungszeichen oder den Spuren oller Gänsefüße beeinträchtigt wird.

Und mal unter uns Betschwestern: Ist ein Quellenverzeichnis nicht recht unziersam? Hat nun also Eichborn ein paar Stubenfliegen vorsorglich in die Justizvollzugsanstalten zum Bußetun geschickt, dann begütigend seine Erklärung zurückgezogen und dafür eine dieser langweiligen ausgehängt, von wegen "entschuldigen sich ausdrücklich bei den Autoren der nicht kenntlich gemachten Quellen". Die sollen sehen, ob sie noch einmal einen Plagiator finden für eine so schöne Zusammenstellung!