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Abgesang auf den italienischen Kommunismus:Ciao Peppone!

Pavese, De Sica, Pasolini: Der Kommunismus hat über Jahrzehnte die italienische Kultur beeinflusst, nun wurde er abgewählt - ein Abgesang.

Gustav Seibt

Auch die angekündigten Tode greifen ans Herz. Da liegt jemand lange siech darnieder, es geht ihm miserabel, man rechnet mit seinem allfälligen Hinscheiden, aber wenn es dann vorbei ist, hält die Uhr doch für eine Sekunde und die verflossene Zeit rundet sich zur Epoche. So ein Fall ist jetzt in Italien eingetreten: der Tote ist der italienische Kommunismus.

Der alte Kommunismus war auch eine Tiefenströmung des Katholizismus. In etlichen Filmen stritt Priester Don Camillo dennoch gerne mit Bürgermeister Peppone.

(Foto: Foto: dpa)

Erst mit der jüngsten Wahl, die Silvio Berlusconi ein drittes Mal an die Regierung brachte, ist der letzte Nachfolger einer der großen kommunistischen Parteien endgültig aus beiden Kammern des italienischen Parlaments verschwunden. Politisch muss man dieses Ende nicht bedauern: Fausto Bertinottis "Rifondazione Communista" war längst zu einer der zänkischen Splittergruppen geworden, durch die alte Männer sich mit erpresserischen Mitteln einen Fetzen Einfluss im politischen System sichern.

Was sich in den jüngsten Wahlergebnissen abzuzeichnen scheint, die Vereinfachung und Klärung des italienischen Parteiensystems um zwei antagonistische Pole, kann dem Land nur gut tun. Denn dass in Italien Politik jahrzehntelang als Geschacher zwischen hartleibigen Interessengruppen in Hinterzimmern betrieben wurde, ist die wichtigste strukturelle Ursache für die verheerende Stagnation des Landes. Die langfristige Ursache dieses politischen Stils reicht tief in die Vergangenheit zurück: Italien lebte in zwei großen Epochen seiner Geschichte damit, dass das halbe Land vom politischen Leben ausgeschlossen war.

Zunächst zogen sich die Katholiken nach der Eroberung Roms durch das liberale Italien 1870 auf päpstliches Geheiß von der Politik zurück und gingen in die innere Opposition. Neben dem Italien von König, Hof, Parlament, Regierung und Presse, gab es das breit hingelagerte, stumme Land der gläubigen Mehrheit mit ihren Dorfpfarrern, Heiligenfesten, dem uralten Rhythmus des Kirchenjahres. So blieb es, bis der Faschismus Frieden mit dem Papst schloss, ohne aber christliche Parteien zuzulassen.

Bis der Faschismus Frieden mit dem Papst schloss

Nach dem Faschismus und dem Krieg drehte sich die Konstellation um. Die Republik wurde noch von den beiden Hauptparteien, die sich im Partisanenkampf vorübergehend nahegekommen waren, gegründet: von der Democrazia Cristiana, dem neu etablierten politischen Katholizismus, und von der Kommunistischen Partei, die schwerste Verfolgungen heroisch überstanden hatte. Beide fochten für das Ende der Monarchie, zusammen schrieben sie die Verfassung, in der es heißt, diese sei "gegründet auf der Arbeit". Doch dann begann der Kalte Krieg, und die Kommunisten hatten, nicht zuletzt auf Geheiß Amerikas, keine Chance mehr auf Regierungsbeteiligung. Vierzig Jahre war nun ein Drittel der italienischen Gesellschaft von der Machtteilhabe ausgeschlossen.

Im inneren Exil bildeten die italienischen Kommunisten eine reiche Gegenkultur aus, ja bald war die Partei von dieser kulturellen Eigenwelt gar nicht mehr zu unterscheiden. Zwischen den fünfziger und den späten siebziger Jahren hat der Kommunismus die Kultur Italiens insgesamt hegemonial bestimmt. Wobei mit dem Begriff der "kulturellen Hegemonie" schon eines der prägenden Konzepte dieser speziellen Landeskirche im Weltkommunismus benannt ist: eine Idee Antonio Gramscis, des im Faschismus zu Tode gefolterten Märtyrers und Schutzheiligen des italienischen Kommunismus. Er glaubte, dass eine nach marxistischen Kriterien zurückgebliebene Gesellschaft wie die italienische vom Überbau her umgewälzt werden könne, also auch von der Kultur.

Kommunistische Kultur

Denn das war der Kommunismus in Italien: eine ganze Kultur. Da waren die sommerlichen "Feste dell'Unità", wo nicht nur an langen Bänken im Freien gegessen, getrunken, gesungen und getanzt wurde; sondern wo es immer auch den Bücherstand mit Wälzern des Verlages Einaudi gab und wo irgendein Schriftsteller, Schauspieler oder Regisseur mit aufs Podium kam, um die Lage zu diskutieren. Fast alles, was Italien zur Nachkriegskultur auch international beigesteuert hat, stammte aus dieser kommunistischen Kultur, die in ihrem Ursprungsland eine Gegenwelt darstellte.

Der Neorealismus in Film und Literatur, die tragischen Schwarzweiß-Epiphanien Rossellinis oder De Sicas, die nur formal amerikanische, stofflich bäuerliche Erzählkunst Paveses, die franziskanische Lyrik Pasolinis, die Hinwendung zum Dialekt und den lokalen Sprachtraditionen - all das wäre ohne den kommunistischen Ideenhintergrund nicht entstanden. Ebenso fruchtbar war diese gegen die alten, katholischen Machteliten gerichtete Kultur in den Wissenschaften, wo mit den enormen Großprojekten des Einaudi-Verlags zur italienischen Geschichte, Kunstgeschichte, Literaturgeschichte die gesamte Tradition des Landes neu gesichtet und vermessen wurde.

So schön, so unschuldig!

Für die Nachbarnationen am folgenreichsten wurde vielleicht der idealistische Versuch, die Kultur zu den arbeitenden Massen zu bringen, also mit Opern in Fabrikhallen die klassische Hochkultur aus dem bürgerlichen Klassenghetto zu befreien. In Wahrheit lag darin ein erster Vorschein der Deindustrialisierung, die bald überall in Europa den postmaterialistischen Mittelstand zu Festspielen in nutzlos gewordene Industriehallen lockte. Aber Maurizio Pollini und Claudio Abbado spielten bei Fiat ja noch vor ölverschmierten Arbeitern; selbst die opulenten Dekadenzschinken Luchino Viscontis setzten voraus, dass es mit dieser Welt von Adel und Untergang nun vorbei sei.

Die Ikone dieser Welt war das Eröffnungsbild von Bertoluccis Film "Novecento", das schönste stalinistische Monumentalgemälde der Kunstgeschichte: eine Front in die Zukunft marschierender Arbeiter und Bauern. Dazu Musik von Verdi. Nirgends klang die "Internationale" so schön, so unschuldig wie auf sommerlichen Stadtplätzen, wo vor ernsten Vergangenheitskulissen mit tausend roten Fahnen Wahlkampf gemacht wurde. Der Eurokommunismus konnte so zum vorerst letzten Anlass für eine gemeineuropäische Italien-Romantik werden, wo vor allem der Deutsche eine unwiderstehliche Mischung aus menschlicher Herzlichkeit, menschheitlichem Versprechen, Intellektualität und aktueller Dramatisierung im Tageskampf fand.

Denn weil der Kommunismus in Italien ausgesperrt blieb - trotz der Eroberung einiger norditalienischer Rathäuser -, konnte er sich auch nicht beflecken. Im Übrigen widerlegt sein Schicksal alle Theorien von kultureller Hegemonie als Motor des Klassenkampfes. Überzeugender war selten eine Hegemonie als die des italienischen Kommunismus; aber an den Machtverhältnissen hat das kein Jota verändert. Die Macht blieb bei den hartherzigen, kalten, habgierigen und skrupellosen italienischen Klein- und Stadtbürgern, die damals die Christdemokraten wählten und heute Berlusconi.

Polare Urgestalten

Der menschlich rührende Anblick, den die kommunistische Partei so lange bot, kam daher, dass die italienische Arbeiterklasse eigentlich aus entwurzelten, in die Städte verschlagenen Bauern bestand. Bäuerlich, dörflich waren ihre Gastfreundschaft, ihre Art des Essens und Teilens, ihr Familiensinn, ihre Begabung zum Feiern. Don Camillo und Peppone sind die polaren Urgestalten dieser unstädtischen, aus den Städten nur beherrschten italienischen Welt. Der alte Kommunismus war auch eine Tiefenströmung des Katholizismus, Erbe seiner franziskanischen Form, der Bettelorden-Opposition gegen die reiche Kirche. Das hat Pier Paolo Pasolini, dieser fromme, ländliche Ketzer, der Kritiker des Konsumismus und der scheinlibertären Gleichschaltung, verkörpert, als er nicht nur die "Bourgeoisie" angriff, sondern auch die "Nachtigall der katholischen Kirche" dichtete und Jesus-Filme drehte.

Alles lang vorbei. Der idealistische Schwung, den es in Italien seit dem Risorgimento immer gegeben hat, der Glaube, die Menschen seien neu zu erfinden in aktiver Teilnahme an Politik und Nation, hat schon lange keine Stimme mehr. Glaubenslosigkeit, Zynismus regieren vor den Kulissen von Müllbergen die Szene. Die Frage, die sich in Italien auch kulturell schon lange stellt, ist noch immer nicht beantwortet: Wird das Land zu einer modernen Bürgerlichkeit in einer individualisierten Gesellschaft finden? Dass die Kultur Italiens, verglichen mit ihrer glanzvollen kommunistischen Ära, heute wie tot aussieht, ist auch ein politisches Problem.

© SZ vom 17.4.2008/ehr
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