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Abenteuerliteratur:Trickster

Liest eigentlich noch irgendjemand Karl May? Der Abenteuerschriftsteller gilt zumal bei der Jugend als abgemeldet. Aber die liest auch Goethe und Schiller nicht: Die Karl-May-Gesellschaft sieht ihren Helden im Aufwind.

Von Florian Welle

Auf abgrundtiefe Ausweglosigkeit folgt die spektakuläre Rettung: Karl May hätte diese Dramaturgie gefallen. Von Helmut Schmiedt, dem Autor einer lesenswerten May-Biografie, moderiert, konstatierten auf dem Kongress der Karl-May-Gesellschaft fünf Experten zunächst, der sächsische Fantast sei für die heutige Jugend mausetot. Dann kam die Wende. Denn zwar sind die Zeiten vorbei, in denen er der meistgelesene Autor Deutschlands war. Doch für welchen anderen Literaten würden mehr als zehn Festspiele veranstaltet? Welcher andere Schriftsteller könnte einen eigenen Verlag, wie den Karl-May-Verlag, finanziell tragen?

Das würden nicht einmal Goethe und Schiller schaffen - die übrigens Teenager und Studenten auch nicht mehr lesen. Und so beendete Claus Roxin, Ehrenvorsitzender der Karl-May-Gesellschaft, seinen aus dem Publikum heraus gehaltenen Stegreifvortrag mit dem Satz: "Karl May wird leben." Für die Literaturwissenschaft gilt das ohnehin, in der May nach Jahrzehnten der Missachtung längst etabliert ist. Aber auch bei jungen Menschen. Was sich verstärken könnte, wenn es, wie Bernhard Schmid, Geschäftsführer des Karl-May-Verlags andeutete, in absehbarer Zeit wieder einen Karl-May-Kinofilm geben sollte.

Alle zwei Jahre findet die Karl-May-Gesellschaft zu einer Tagung zusammen, diesmal in Bamberg. Noch immer fasziniert seine abenteuerliche Trickster-Biografie jeden, der sich mit ihr beschäftigt. Ich ist ein anderer, sagte Rimbaud. Auf Karl May und sein Werk gemünzt, meint das: Ich ist Old Shatterhand, ist Kara Ben Nemsi. Nicht von ungefähr ist der Ich-Erzähler die Schlüsselfigur in den "expansiven Fantasiewelten" der Romane Karl Mays. Der 2006 verstorbene ehemalige Vorsitzende der Gesellschaft, Reinhold Wolff, hat diese Formel geprägt, um das soghafte Eintauchen zu fassen, zu dem diese Romanwelt einlädt.

Zu ihr gehört die soziale Energie, die man in den Büchern Karl Mays in Hülle und Fülle antrifft. Der Mediziner Johannes Zeilinger, derzeit Vorsitzender der Gesellschaft, untersuchte in seinem klugen, von der Antike über das Mittelalter bis in die Gegenwart ausholenden Vortrag die vielen Scheintod- und Nahtoderfahrungen im Werk und deutete sie als "Reste einer kollektiven Phobie". Zugleich sind sie biografisch motiviert. Mays Großmutter hatte ein Scheintoderlebnis und erzählte immer wieder davon.

Auf dem Höhepunkt seiner Berühmtheit verstieg Karl May sich zu der Aussage, er beherrsche 40 Sprachen in Wort und Schrift: "Lappländisch will ich nicht mitzählen." Dass dabei Ideal und Realität weit auseinanderliegen, ahnte man schon immer. Wie weit genau, dröselte in einem pointenreichen Vortrag der Linguist Florian Schleburg auf. Karl May brachte sich die Sprachen anhand von Wörterbüchern selbst bei und ließ seine Protagonisten auf Englisch radebrechen: "He will to pay."

Schleburg stellte ihm einen anderen großen deutschen Sprachjongleur, den May in einer Art Hassliebe verbundenen Arno Schmidt, gegenüber. Auch Schmidt besaß nur angelesene Fremdsprachenkenntnisse, die ihn mit der Aura des überlegenen Intellektuellen umgeben sollten. Der bis heute andauernden Bewunderung für die beiden Autodidakten tut all das keinen Abbruch. Wie heißt es doch bei Karl May so schön: "Einen Alemano zermalmt man nicht so leicht."

© SZ vom 07.10.2015

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