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Abenteuer:Kochen mit den Aborigines

Tempel der magischen Tiere

Carl von Siemens: Der Tempel der magischen Tiere. Drei Reisen. Malik Verlag, München 2018. 288 Seiten, 20 Euro. E-Book 17,99 Euro.

Carl von Siemens hat drei Reisen zu Naturvölkern unternommen und sich auf deren Alltag eingelassen. Das hat ihm einen Drogentrip beschert und diverse kulinarische Grenzerfahrungen. Aber er hat Blicke in eine Welt hinter dem Sichtbaren geworfen.

Wie bereitet man einen Emu zu, diesen straußenähnlichen Vogel, der jede Truthahn-Dimension sprengt? Nun, blöde Frage, würden sie in Australien jetzt wohl sagen. Wozu braucht es einen Backofen, wenn man so eine Natur hat? Einen Emu also legen die Aborigines auf ein Bett aus Eukalyptuszweigen, nachdem er zuvor mit Blättern gefüllt und mit einem Zweig wieder verschlossen wurde. Man gräbt ein Loch in den Sand, entzündet ein Feuer, wartet, bis es niedergebrannt ist, legt das tote Tier auf die Glut, bedeckt es mit Zweigen und Sand und wartet erneut. Eine Klaue ragt aus dem Erdofen. Klappt sie ein, ist der Emu gar.

So etwas lernt, wer Carl von Siemens' "Der Tempel der magischen Tiere" liest. Um Essen geht es dabei viel, vor allem die australischen Ureinwohner scheinen jede sich bietende Gelegenheit dazu zu nutzen - wobei das gemeinsame Essen ja immer nur ein Weg ist, Menschen nahe zu kommen. Und das ist dem Autor wichtig, es ist der Grund seiner Reisen. Nicht die Natur will er studieren, das karge Grasland im australischen Outback, das wehrhafte Riff vor Mangaia, einer der Cookinseln im Südpazifik, den Amazonas-Regenwald - die Natur ist Kulisse und bestenfalls, wie bei der dritten und letzten Erzählung im Buch, weckt sie dadurch sein Interesse, dass sie dem Menschen zu einer innigeren Verbindung mit sich selbst verhilft. Im Amazonas sucht und findet Carl von Siemens einen halluzinogenen Pflanzenextrakt. Er testet ihn im Selbstversuch.

"Der Tempel der magischen Tiere" ist nicht immer einfache Kost. Vor allem bei seinem Pflanzen-Experiment, das das In-Sich-Blicken erleichtern soll, offenbart der Autor viel von sich. Es geht um die Last von Generationen, den Siemens-Clan, die Hausgeschichte des Ur-Urenkels von Werner von Siemens, um einen dominanten Vater. Carl von Siemens war Unternehmensberater, bevor er sich dem Schreiben zuwandte und beschloss, die Welt hinter der sichtbaren zu erkunden. Es sind die Aussteiger und Außenseiter-Kulturen, die ihn faszinieren; dass er Schamanen in Peru und Indianer am Amazonas aufsucht, könnte zu kitschigen Reportagen führen. Tut es aber nicht. Manchmal fragt man sich jedoch schon, warum er sich das antut. Ihm scheint die Frage vertraut zu sein. "Es war in der Tat überaus befremdlich, bis ans andere Ende der Welt zu reisen, um sich gemeinsam mit Fremden zu erbrechen", schreibt Siemens über seine Erfahrungen mit dem Pflanzenextrakt. Eine Fastenkur wiederum hätte er einfacher daheim im Kloster bekommen. Doch spannender ist sie sicher in Peru. Nicht immer bekommt Siemens Antworten auf seine Fragen nach dem Woher und Wohin. Aber: Immerhin sucht da einer überhaupt.

Der Autor baut Erdöfen, kostet pflanzliche Drogen und tanzt den Emutanz

Einer Gruppe Aborigines, einem mob, wie sie sagen, ist Carl von Siemens besonders nahe gekommen. Er hat mit ihnen gefeiert, Tee für sie gekocht, sie bedient, ihre Kinder unterhalten, deren Dreck weggeräumt. Eine hart erarbeitete Akzeptanz. Wer etwas vom idyllischen Leben eines Urvolkes lesen möchte, dem sei abgeraten von Siemens' Buch. Es ist in der Schilderung des Alltags manchmal brutal schonungslos. Die Kinder töten jede Echse, die ihnen über den Weg läuft, beschmieren sich mit Känguru-Blut, die Erwachsenen jagen, was ihnen vor die Flinte kommt, lassen Plastikmüll an allen erdenklichen Stellen zurück. Man erfährt von Eifersüchteleien und Fehden zwischen den Clans. Dann ist da aber die andere Seite der Menschen, die Siemens kennenlernt. Ihr Glaube an Magie, eine Vorstellung von Übersinnlichkeit, der sich Menschen wie wir, denen Aufklärung und Entmystifizierung der Natur in die Wiege gelegt wurden, nur schwer annähern können.

Siemens ergründet, wie es funktioniert, weil: "Sie wissen so viel von dem, was uns verloren gegangen ist ...": das Sich-in-Trance-Begeben, das Eintreten in Träume anderer Menschen. Er beschreibt, was er sieht und erzählt bekommt. Er ringt um Verständnis, baut Erdöfen und tanzt den Emutanz. Letztlich aber muss er sich eingestehen: Er ist Besucher geblieben. Macht aber nichts: Einen Emu mit Eukalyptusfüllung gekostet zu haben, entschädigt sicher für viele Stunden im Unternehmensberater-Büro.