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Abenteuer:Ellis Weg

Der Kampf ums Überleben in der Wildnis in den Rocky­moun­tains 1934 wird für die 12-jähr­ige Erzählerin zu einer Zeit der Abenteuer. Sie rettet ihren Vater durch unge­wöhn­liche Heilungs­maß­nahmen.

Von Siggi Seuss

Dass sich die Leser in diesem Roman mit der Erzählerin verbünden - keine Frage. Trotz des kargen Lebens am Rande der Wildnis ist Ellie neugierig, erfinderisch, naturliebend, leidenschaftlich, ja: auf eine wundersame Weise empathisch und hilfsbereit. So, wie man es vielleicht nur in ihrem Alter sein kann - in diesem Schwebezustand zwischen unendlichem Idealismus und beginnendem Pragmatismus. Ellie ist zwölf. Sie erzählt in "Echo Mountain. Ellie geht ihren eigenen Weg" der amerikanischen Schriftstellerin Lauren Wolk, was sich 1934 in einer Blockhütte in Maine ereignete, und die Geschichte erinnert an "Unsere kleine Farm" von Laura Ingalls Wilder, weil es hier ums Überleben einer Familie am Rande der Wildnis geht.

Ellies Eltern haben zur Zeit der Großen Depression schuldlos Haus und Arbeit in der Stadt verloren. So siedeln sie sich abseits der Zivilisation am Fuße eines Berges an und zimmern sich mühsam Blockhütte und Scheune zurecht. Die Not zwingt ihnen eine klare Arbeitsteilung auf. Mutter und die fünfzehnjährige Esther kümmern sich um den Haushalt, Ellie und ihr Vater sind für das Draußen zuständig für Jagd, Garten. Der pfiffige sechsjährige Samuel jongliert zwischen beiden Welten. Das alles geht mehr schlecht als recht, bis eines Tages ein schrecklicher Unfall passiert. Der Vater wird beim Holzfällen von einem umstürzenden Baum getroffen und liegt im Koma. Während Mutter und Esther ihn mit sanften Tönen wieder zum Leben erwecken wollen, wählt Ellie völlig unkonventionelle Mittel: Schreckensschreie, Bienenstiche oder einen Balsam aus Harz, Honig, Flusswasser, Essig, Zwiebeln, Ingwer - und natürlich: aus eigenen Tränen.

Die Erzählung entwickelt sich jetzt zu der ungewöhnlich komplexen Geschichte eines Mädchens, das mit allen Sinnen das Leben um sich herum erfahren, begreifen, verstehen und verändern möchte. Die Welt der Gefühle und Gedanken wird mit großer Liebe fürs Detail beschrieben. Die Autorin wählt dazu eine stilsichere Sprache mit sehr poetischen Sprachbildern. Dadurch erscheint der schwere Weg Ellies zu größerer Klarheit über das Leben und zu mehr Vertrauen zu sich selbst geradezu in einem naturphilosophischen Licht. Übersetzerin Birgitt Kollmann überträgt diese traurigschöne Melodie aus Naturbeschreibung, gesprochener Sprache und den Selbstreflexionen der jungen Erzählerin nahtlos ins Deutsche. Das liest sich erst einmal ganz zauberhaft. Und trotzdem lugt hinter der komplexen Geschichte immer wieder ein allumfassendes Bedürfnis nach Harmonie und Happy End hervor. Was ist an diesem Naturkind Ellie denn tatsächlich so natürlich, dass man ständig rufen möchte: "Ja, so soll es sein!" So nachvollziehbar die einzelnen Gedanken und Erfahrungen des Kindes sind, so künstlich wirken sie, wenn sie, auf einem Faden wie Perlen höchst unterschiedlicher Provenienz aufgereiht sind. Ellies Erkenntnisse sind in dieser Fülle keine, die man einer gerade mal Zwölfjährigen zuschreiben könnte. Hier wird ein idealtypisches Geschöpf an der unsichtbaren Hand der Autorin auf einen holprigen Pfad der Erleuchtung geführt, dessen Ränder mit fugendichtem Edelkitsch gesichert sind, um lebensgefährliche Abstürze zu verhindern. Und das mindert leider die unbestreitbaren literarischen Qualitäten des Romans. (ab 12 Jahre)

Lauren Wolk: Echo Mountain. Ellie geht ihren eigenen Weg. Aus dem Englischen von Birgitt Kollmann. Hanser, München 2021. 384 Seiten, 17 Euro.

© SZ vom 12.03.2021
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