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Abel Ferraras Kinofilm "Siberia":Genieß dein Leben, versau es - und tanze

Willem Dafoe unterwegs durch Eis, Wüsten und eine bildmächtige Zwischenwelt.

Von Philipp Stadelmaier

Gezähmte Obsessionen in abgeschiedener Hütte: Willem Dafoe als Clint in seiner sechsten Zusammenarbeit mit Abel Ferrara.

(Foto: Verleih)

Als Kind, erzählt der Mann, nahm ihn sein Vater mit auf Touren in die Wälder Kanadas. Vor allem erinnert er sich an die Hunde, die sie bei ihren Ausflügen dabei hatten. Wenn er nachts auf die Toilette musste, rannten sie hinter ihm her, schnappten nach ihm, bissen ihn.

Mittlerweile scheint sich der Mann freiwillig in den hohen Norden zurückgezogen zu haben. Er wohnt in einer abgeschiedenen Hütte im Gebirge, inmitten von Schnee, Eis und Kälte. Draußen pfeift der Wind, der Himmel ist blaugrau. Ab und an kommen Leute vorbei, deren Sprache er mal versteht und mal nicht; er gibt ihnen Drinks aus, lässt sie an einem Spielautomaten spielen, hat Sex mit ihnen. Hunde gibt es auch, aber sie fallen ihn nicht mehr an: Er geht in ihren Zwinger, gibt ihnen zu essen. Sie sind seine wahren Begleiter geworden, und sie bleiben es auf der Reise, die er bald unternehmen wird.

Der Mann heißt Clint und wird gespielt von Willem Dafoe, der hier zum sechsten Mal in einem Film von Abel Ferrara auftaucht. Die vorherige Zusammenarbeit hieß "Tommaso" und war schon Anfang des Jahres im Kino zu sehen. Ihr neues gemeinsames Werk, "Siberia" lief im Wettbewerb der diesjährigen Berlinale und sollte im März in die Kinos kommen. Nach der Quarantäne-Zeit kann es aber erst jetzt starten.

Die Odyssee führt durch Eis, Wüste, Waldlandschaften - die Übergänge sind fließend

Willem Dafoe verwandelt sich erneut in ein körperliches Medium, durch das Ferrara sich ausdrückt, seine Gefühlswelt und seine Vorstellung von Kino auf die Leinwand bannt. Anfangs scheinen Clints Ängste und Obsessionen ebenso gezähmt zu sein wie die einstmals bissigen Hunde, gelähmt von der Kälte.

Doch es dauert nicht lange, bis sie sich erneut regen und ihn jagen. Ein Mann am Spielautomaten fragt, warum Clint nicht spiele. Daraufhin antwortet er: "Ich will nicht gewinnen, und ich will nicht verlieren." Dann, als eine Zahl zwischen zwei Positionen hängt, die zwischen Gewinn und Verlust entscheiden, brechen auf einmal andere Bilder ein: Clint wird von den Hunden angefallen.

In diesem Zwischen- und Schwebemoment beginnt Clints Odyssee. Er durchwandert wechselnde Landschaften: das Eis, die Wüste, eine Waldlandschaft. Es sind ebenso äußere, konkrete Orte in der Natur wie innere Orte in seiner Vorstellung. So entfaltet Ferrara eine Zwischenwelt, die nicht aus scharfen Kanten besteht, sondern aus fließenden Übergängen. Durch einen Schwenk der Kamera oder eine einfache Bildüberlagerung wechseln Licht und Dunkelheit, wird die Gegenwart zur Bühne der Erinnerung, auf der sich verschiedene Figuren abwechseln: Clint trifft auf seinen Vater, eine Ex-Frau, eine Gruppe von Krüppeln und spielende Kinder. Als seine Ex-Frau ihn auffordert, sich zu ihrem gemeinsamen Sohn umzudrehen, sitzt da ein Kind, das auch ein Mädchen sein kann: Auch Geschlechter sind hier im Fluss. So befinden wir uns in einer Welt reiner Bilder. Clints Vater ist ein Ebenbild des Sohnes - auch er wird von Dafoe verkörpert. Zum ersten Mal treten sie sich gegenüber, als sich Clint in einer Wasseroberfläche betrachtet: Das Bild des Vaters entsteht aus einer Spiegelung. Doch da der Vater tatsächlich in Dafoes Körper Gestalt annimmt, muss man sagen: Bilder sind bei Ferrara nicht einfach Trugbilder, sondern real, materiell, körperlich.

Der Vater wirft ihm Egoismus und Lieblosigkeit vor, die Ex-Frau beschuldigt ihn, ihr Leben zerstört zu haben: Die Reise, die Clint unternimmt, ist der Versuch, die eigene Seele zu retten. Doch bei Ferrara gibt es keine Rettung. "Ich bin Filmemacher, kein Journalist", hatte er in seinem Dokumentarfilm "Piazza Vittorio" zu afrikanischen Migranten gesagt, die ihn dazu bringen wollten, ihre Kämpfe und Lebensbedingungen zu filmen.

Mit Hinblick auf "Siberia" kann man ergänzen: Ferrara ist Filmemacher, kein Priester. Im Gegenteil: Das Kino ist eher die "Schwarze Kunst", nach der Clint sucht. Am Ende trifft er einen Magier, der einer ihrer Vertreter sein könnte, und einen einfachen Rat für ihn hat: "Genieß dein Leben, versau es, beweg deinen Arsch - und tanze."

Siberia, Italien / Deutschland / Mexiko / Griechenland, 2020. Regie: Abel Ferrara. Buch: Ferrara, Christ Zois. Kamera: Stefano Falivene. Mit Willem Dafoe, Dounia Sichov, Simon McBurney. Port au Prince Pictures, 92 Min.

© SZ vom 06.07.2020

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