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Abbas Khider:Kurz gerettet

Abbas Khider

Der Schriftsteller Abbas Khider.

(Foto: Jens Kalaene/dpa)

Von Fluchtursachen nicht schweigen: Am Beispiel eines Jungen aus den Slums von Bagdad erzählt Abbas Khider in seinem Roman "Palast der Miserablen" über das Schicksal der Unter- und Mittelschichten im Irak.

Manchmal begegnen einem Romanfiguren, die sich zwar miteinander unterhalten, in Wahrheit aber die Lesenden ansprechen. Zu dieser Kategorie gehört auch Hisham, ein Buchhändler aus Abbas Khiders neuem Roman "Palast der Miserablen". "Glaubst du ernsthaft, dass sich irgendwer da draußen für unsere Probleme interessiert?", fragt er Kamal, den Gastgeber einer konspirativen Gruppe von Intellektuellen, deren Name auch den Titel des Buchs liefert. "Wir sind doch nur eine schnelle Schlagzeile. Die seltsamen Eingeborenen dieses fernen Unruhe-Staates, den man Irak nennt. Die Leute hören seit Jahrzehnten nur von Krieg und Problemen. Das ist für die ganz normal und wie Hintergrundrauschen."

Wie recht er hat, zeigt die Zahl von aktuell mindestens 550 Toten, die eine wenig beachtete Revolution seit Oktober 2019 im Irak gefordert hat. Es ist eine furchtbare Zahl, die trotzdem kaum zu berühren vermag angesichts der Geschichte eines Landes, von dem seit Jahrzehnten hauptsächlich Opferzahlen berichtet werden. Um die Tragweite der Situation wirklich zu verstehen, brauchen wir beides, schreibt Trish Greenhalgh, Professorin an der University of Oxford, die sich mit Wissensvermittlung und narrativen Techniken in der Gesundheitsversorgung auseinandersetzt: Die Zahlen und die Geschichten.

Diese Geschichten, die verstehen helfen, dass hinter jeder Zahl ein konkretes Menschenleben mit Freundschaften, Lieblingsgerichten, Kindheitserinnerungen, Liebeskummer und anderen ganz alltäglichen Sorgen steckt, erzählt schon seit seinem ersten Roman "Der falsche Inder" (2008) immer wieder Abbas Khider. Seine Romane behandeln die humanitäre und politische Lage im Irak ebenso wie die strukturelle Gewalt des deutschen Asylsystems, sie beschreiben Folter, Gefängnis und Flucht. Fast alle diese Themen finden sich auch in "Palast der Miserablen", doch den Fokus legt Khider diesmal vor allem auf die Gründe für eine solche Flucht: Anhand der Geschichte von Shams Hussein, einem Jungen aus den Slums von Bagdad, zeichnet er die so gewaltvollen wie hoffnungslosen Umstände nach, die das Leben der irakischen Unter- und Mittelschicht prägen.

Um der Niederschlagung des Schiitenaufstands und dem sich daran anschließenden Genozid zu entkommen, flieht Shams' Familie 1991 aus dem Süden des Landes nach Bagdad. Zu diesem Zeitpunkt haben sie bereits die beiden Golfkriege mit zahlreichen Luftangriffen auf ihr Dorf überstehen müssen. In der Hauptstadt ziehen sie ins "Blechviertel", einen Slum ohne jegliche Infrastruktur in direkter Nachbarschaft zu einer Mülldeponie, die auch die Überlebensbasis für die vielen in Bagdad ankommenden Flüchtlinge darstellt: Sie sammeln noch Verwertbares aus dem Abfall, reparieren und reinigen ihre Funde und verkaufen sie schließlich an die kaum weniger armen Bewohner des angrenzenden Viertels Saddam City.

Die Stärke besteht darin, nicht die Sprache zu verlieren angesichts des Unsäglichen

Die folgenden Jahre bis zu Shams' Schulabschluss beschreibt Khider in einem Erzähltempo, dem man teilweise kaum folgen kann: Immer wieder gelingen der Familie kleine Aufstiege, aber jeder Anlass zur Hoffnung auf ein halbwegs sicheres Leben wird wenige Seiten später von noch schlimmerer Armut, noch erbarmungsloserer Gewalt zunichte gemacht. Immer wieder werden einzelne Figuren, etwa Shams' als willensstark und klug porträtierte Schwester Quamer, kurz gerettet, nur, um gleich im selben Kapitel in ein noch schrecklicheres Elend zurückzufallen.

Das Gefühl der Ausweglosigkeit stellt sich nicht zuletzt durch die Erzählperspektive ein, denn Shams' Bericht von seiner Vergangenheit als Schüler, Buchhändlergehilfe und Mitglied im Palast der Miserablen wird von kurzen Präsens-Einschüben unterbrochen, in denen deutlich wird, wo seine Geschichte endet: Gefoltert und halb totgehungert im Gefängnis. Es ist die Geschichte eines Lebens, das, wie Abdullah Încekan in der Wochenzeitung Freitag treffend über die vergleichbare Situation in nordirakischen Flüchtlingslagern schrieb, absehbar ohne Zukunft bleibt.

All das macht Khiders Roman zu einer schwer erträglichen Lektüre; umso mehr, als er zwar den von Kriegen, Aufständen, Armut und Willkürherrschaft gezeichneten Irak der späten 80er- und 90er-Jahre beschreibt, aber viele Szenen mit bedrückend minimalen Veränderungen auch die Situation im Jahr 2020 schildern könnten. Genau hierin liegt die Stärke dieses Buches: Es bietet keine Versöhnung, keinen Ausweg an. In einem Interview mit dem Goethe-Institut hat Abbas Khider einmal erklärt, er habe unter anderem deswegen angefangen, auf Deutsch zu schreiben, weil er vom Irak sprechen wollte, das auf Arabisch aber nicht konnte. So schmerzhaft nah er dem Unerträglichen in seinen Romanen kommt, so sehr kann man sich vorstellen, dass eine Distanzierung qua Sprachwechsel notwendig war, um überhaupt von ihm sprechen zu können.

Im Englischen nennt man diese Art des Umgangs mit dem schwer Erträglichen "to sit with discomfort". Diese Wendung meint mehr als das Aushalten des Unangenehmen, nämlich: Es erst einmal anzunehmen und aufmerksam zu beobachten, auch, um diejenigen anzuerkennen, zu deren Geschichte es gehört. Die vielleicht größte Stärke der Kunstform Literatur, das zeigt Abbas Khider, liegt nicht darin, Handlungsempfehlungen zu geben, sondern zu erinnern, nicht locker zu lassen, die Sprache nicht zu verlieren angesichts des Unsäglichen, sondern es auch dann zu begleiten, wenn es in absehbarer Zeit nicht verschwinden wird, und damit diejenigen zu würdigen, die ihm ausgesetzt sind.

Abbas Khider: Palast der Miserablen. Roman. Hanser, München 2020. 320 Seiten, 23 Euro.

© SZ vom 07.03.2020
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