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A. R. Penck-Ausstellung:Wüstenzeit

Das Dresdner Albertinum zeigt die Kunst der frühen Jahre des A. R. Penck. Bis zu seiner Ausreise 1980 galt der junge Künstler, der eine Vielfalt an Medien ausprobierte, als heimlicher Star der Szene. Dissident war er eher wider Willen - dafür bald Pate der Malerei der Neuen Wilden.

Von Kito Nedo

Vor 50 Jahren schenkte sich Dresden einen Kulturpalast. Pünktlich zum zwanzigjährigen Bestehen der DDR und ein Jahr nach der Niederwerfung des Prager Frühlings durch sowjetische Panzer wurde 1969 am zentral gelegenen Altmarkt das "Haus der sozialistischen Kultur" feierlich eingeweiht. Seither schmückt ein 30 Meter langes und elf Meter hohes Mosaikwandbild die Westseite des modernistischen Gebäudes. Das sozialistische Propagandastück "Der Weg der Roten Fahne" kündet bis heute von der ehemaligen Siegesgewissheit des historischen Realsozialismus. Ironie der Geschichte: Die staatlichen Auftraggeber hatten sich seinerzeit die "Veränderbarkeit der Welt" als Grundthema gewünscht.

Unter denjenigen, die Mitte der Sechziger im Rahmen des Kunst-am-Bau-Wettbewerbs Entwürfe für die Wand eingereicht hatten, war auch ein junger Künstler mit dem Namen Ralf Winkler, geboren 1939 in Dresden. Ab 1968 verpasste sich der Autodidakt in Anlehnung an den Geografen, Geologen und Eiszeitforscher Albrecht Penck das Pseudonym A. R. Penck. Gemeinsam mit dem Bildhauerfreund Peter Makolies hatte Winkler ein Relief vorgeschlagen, das anhand von reduzierten menschlichen Figuren und Symbolzeichen die Entwicklung von der vormodernen Agrargesellschaft bis ins Industriezeitalter darstellte. In seiner Feierlichkeit erinnert der frühe Entwurf auch an jene "Pioneer-Plaketten", die die NASA später in den Siebzigern an Raumsonden in der Hoffnung befestigte, mit außerirdischen Existenzen in Kontakt zu treten. Dieser Satellitenblick auf das Gesellschaftliche, aber auch das Nachverfolgen von Kunst und Wissenschaft mit der angemessenen Fröhlichkeit zieht sich - das zeigt die Dresdner Ausstellung anlässlich des 80. Geburtstages von Penck - schließlich wie ein roter Faden durch das Werk.

Winkler alias Penck, der 2017 in Zürich mit 77 Jahren starb, entwickelte in seiner Dresdner Zeit über die Beschäftigung mit Informationstheorie und Kybernetik ein System von piktogrammartigen Symbolen und Figuren, die sein Markenzeichen werden sollten. Als er 1980 auf Druck der DDR-Behörden im Alter von vierzig Jahren zur Ausreise in den Westen gezwungen wurde, galt er wegen der höhlenbilderartigen Figuren bereits als der Pate der Malerei der Neuen Wilden.

Harald Szeemann zeigte ihn auf der Documenta 1972 und machte ihn zum Weltstar in der Provinz

Solange er in Dresden lebte, existierte der Künstler gezwungenermaßen in einer zwiespältigen Situation: Im Osten durfte er offiziell nicht an Ausstellungen teilnehmen und auch nicht Mitglied im Verband Bildender Künstler der DDR werden. Im Westen hingegen war er ein gefeiertes Phantom, da er selbst nicht zu seinen Ausstellungseröffnungen reisen durfte. Harald Szeemann zeigte ihn auf der Documenta 1972 und machte ihn in Abwesenheit de facto zu einem Weltstar in der Provinz. Pencks Galerist Michael Werner schmuggelte die Bilder jahrelang über die Grenze. Dass sich der Freund und Wegbegleiter aufgrund von Differenzen schließlich aus den Vorbereitungen der Dresdener Schau zurückzog und auch keine Leihgaben an die Elbe gab, wirkt wie ein blinder Fleck in der Ausstellung nach. Denn es ist schwer vorstellbar, den Erfolg von Penck überhaupt zu erfassen, ohne über die Rolle von Michael Werner zu sprechen, der seinerzeit neben Penck eben auch Baselitz, Lüpertz, Immendorff und Polke um sich scharrte und bis heute als graue Kunstmarkt-Eminenz weiterhin kräftig im Hintergrund wirkt.

Insofern ist es schon bemerkenswert, wie die von Mathias Wagner kuratierte Schau mit dem Titel "Ich aber komme aus Dresden (check it out man, check it out)" es dennoch schafft, das Penck-Universum in seiner schillernden und verwirrenden Pracht in einem chronologisch geordneten Rundgang vor dem Publikum auszubreiten. Denn Penck war bereits in seiner Dresdner Zeit in eine große Fülle von künstlerischen Aktivitäten verwickelt, die in der Retrospektive gleich wichtig erscheinen. Er zeichnete und malte wie ein Besessener, aber er widmete sich auch der Bildhauerei, dem Schreiben von Texten und der Herstellung zahlreicher Künstlerbücher ebenso wie dem Drehen von Super-8- Filmen (gemeinsam mit Wolfgang Opitz) oder dem hingebungsvollen und ausdauernden Free-Jazz-Geklöppel in verschiedenen Konstellationen. All dies machte ihn in den Augen der SED-Kulturfunktionäre schon frühzeitig verdächtig, doch der mit Wolf Biermann befreundete Penck - das ist eine These der Dresdner Schau - war eher ein Dissident wider Willen. Für den von oben vorgegebenen "Sozialistischen Realismus" hatte er nie etwas übrig, aber als junger Mensch hing er zunächst doch noch der Überzeugung an, mit seiner Kunst "einen positiven Beitrag zum Sozialismus leisten zu können".

Selbst da, wo es nichts mehr zu lachen gab, verlor Penck nicht den Humor. Als er etwa im Rahmen einer "operativen Maßnahme" der Staatssicherheit Mitte der Siebziger zwangsweise zum sechsmonatigen Reservedienst in die Nationale Volksarmee eingezogen wird, erarbeitet er einen "Verbesserungsvorschlag Militärästhetik", der schließlich zur Produktion einer gleichnamigen Künstlermappe mit entsprechend umgestaltetem Spielzeugpanzer und Spielzeugsoldat führt. Der Künstler schlug einen Kuhfell-artigen Tarnanstrich für militärische Objekte, Panzer und Uniformen vor. So sollte ein "expressiver, stimulierender Effekt (freie Zufälligkeit der Fleckenexistenz)" erreicht werden.

Nach der Biermann-Ausbürgerung 1976 waren die Fronten geklärt. "Ende im Osten" heißt ein Penck-Bild aus den Jahren 1979/80. Nach der Ankunft im Westen richtet ihm Michael Werner im November 1980 eine Ausstellung in Köln aus. Penck nennt sie "Verwandlung eines DDR-Bürgers in einen BRD-Bürger". Es wirkt so, als fühlte er sich wie die Figur aus der berühmten Kafka-Erzählung.

Als Penck 1992 nach dem Fall der Mauer für seine erste Museumsausstellung in seine ehemalige Heimatstadt zurückkehrte, wollte er das weder als die Heimkehr eines verlorenen Sohnes verstanden wissen, noch als die Rückkehr eines triumphierenden Siegers. Solche simplifizierenden Sichtweisen empfand er als naiv. "Die Lage des Künstlers bleibt weiter problematisch, wenn er darauf verzichtet, Ideologien oder andere Interessen zu repräsentieren." Für Penck war der Osten wie die Wüste und der Westen wie der Dschungel. Beides sind klimatische Extremorte, die unterschiedliche Überlebensstrategien erforderten. Seine Kunst suchte er in Bewegung zu halten. "Aber ich bin ja vor allem Nomade. Was bleibt sind Zeichen meiner Existenz." Die großen Fragen zu Menschsein, Gesellschaft, Abstraktion, System oder Kunstentwicklung wollte er nicht getrennt voneinander behandeln. Kunst war für Penck ein Modus, den Weg der Erkenntnis zu ebnen, aber eben auch ein riesiger anarchistischer Spaß.

Ich aber komme aus Dresden (check it out man, check it out), Albertinum, Staatliche Kunstsammlungen Dresden. Bis 12. Dezember.

© SZ vom 06.11.2019

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