Im Kino: "A Quiet Place Part II":Jenseits der Stille

A Quiet Place 2

Jeder Mucks kann tödlich sein: Millicent Simmonds, Emily Blunt und Noah Jupe (von links) in "A Quiet Place 2".

(Foto: Jonny Cournoyer/Paramount)

"A Quiet Place 2": Die Fortsetzung des Horrorhits ist eine bitterböse Parabel auf die Gegenwart.

Von Tobias Kniebe

Sie kommen aus dem Weltall, ihre Flugobjekte zeichnen flammende Spuren in den Himmel. Sie bewegen sich unheimlich schnell auf vier langen Insektenbeinen, die auch messerscharfe Waffen sind. Ihre Körper sind dünn und zäh, an ihren Panzern prallen Kugeln und Granaten ab. Ihre Bisse töten alles, was lebt, einen Großteil der Menschheit haben sie in kürzester Zeit ausgelöscht. Ihre Beute orten sie mit einem sehr feinen Gehör, aber sehen können sie nichts.

Diese Alienmonster, die der Film "A Quiet Place" vor vier Jahren zum ersten Mal auf die Welt losließ, sind für das Kino eine brillante Erfindung. Um nicht sofort von ihnen entdeckt und zerfetzt zu werden, müssen die letzten Überlebenden sehr, sehr leise sein. Und sie müssen sich mit visuellen Mitteln verständigen, perfekt für das Medium Film. Die Tonebene dagegen wird zur Zitterpartie, das gilt selbst für den Zuschauerraum. Selten hat man das Kinopublikum so mucksmäuschenstill gesehen, selten wurden Störenfriede, die dennoch mit ihrem Popcorn raschelten, so panisch von den Sitznachbarn zurechtgewiesen.

Jetzt kommt, pandemisch lange verzögert, "A Quiet Place 2" in die Kinos. Der Film hat seine eigenen Qualitäten, aber man sollte schon sagen, dass er stark auf dem Original aufbaut. Das zu kennen sich im Übrigen unbedingt lohnt: Wegen der glasklar reduzierten Konstellation, die der Regisseur John Krasinski damals entwickelt hat, mit der Familie als letzter Überlebenseinheit, und wegen seinem brillanten und nervenzerfetzenden Spiel mit Bild und Ton.

Ein Elternpaar in einem entlegenen Farmhaus, so ging es damals los, drei Kinder, ein viertes war unterwegs, andere Überlebende gab es kaum noch, auf Kurzwelle antwortete niemand mehr. Die siebzehnjährige Tochter war gehörlos, das machte sie zu einer auditiven Gefahrenquelle, es machte aber auch die Zeichensprache zum Mittel der Verständigung. Der vierjährige Sohn hatte einen Hang zu blinkendem und quäkendem Spielzeug. Bei der hochschwangeren Mutter konnten jeden Moment die Wehen einsetzen. Jeder weiß, wie laut eine Geburt werden kann, und dass Babys schreien müssen, um zu leben. Die haarsträubenden Situationen, die daraus erwuchsen, kann man ahnen: Luftanhalten für anderthalb Stunden.

Allein in der Apokalypse: Mitmenschen bedeuten Störgeräusche

John Krasinski selbst spielte den Vater, und Emily Blunt, seine Frau im wirklichen Leben, die Mutter der Familie Abbot. Im zweiten Teil führt er wieder Regie, ist als Schauspieler aber nur noch in Rückblenden dabei, schließlich musste er sich in Teil eins für das Überleben der Kinder opfern. Auch das Farmhaus als schallisolierte Trutzburg gibt es nicht mehr, zur Abwechslung geht es hinaus in die Welt. Die primäre Kriegerin ist jetzt Mutter Abbott, und die primäre Hoffnung ist, dass die Abbots eine Schwachstelle der Monster entdeckt haben: Das schmerzlich fiepende Geräusch aus der Rückkoppelung eines Hörgeräts setzt die Aliens kurzzeitig lahm, sodass ihre Panzer von Kugeln durchschlagen werden können.

In einer postapokalyptischen Wildnis, in der das leiseste Geräusch den Tod anlocken kann, räumt man dieser Familie dennoch keine allzu großen Chancen ein. Das Neugeborene zum Beispiel muss in einem dunklen, luftdichten und schallisolierten Körbchen weggepackt und über eine Sauerstoff-Flasche beatmet werden. Kann das gutgehen? Und wenn ja, ist dieses Baby dann nicht schon hoffnungslos traumatisiert?

Die gute Nachricht ist, dass es da draußen noch Menschen gibt, die bisher leise genug waren, nicht getötet zu werden. Welche Taktiken des Überlebens haben sie angewandt? Emmet (Cillian Murphy), ein loser Freund der Familie, der nicht weit entfernt lebt, ist nach dem Tod von Frau und Kindern zum hochgerüsteten, klandestinen Einsiedler geworden. Was allerdings bedeutet, dass er auch alle Empathie für seine Mitmenschen aufgegeben hat - sie erzeugen nur Störgeräusche und locken die Monster an. In die Bärenfalle, die er zur Abwehr aufgestellt hat, tappt der Abbot-Sohn dann auch gleich schmerzhaft hinein.

A Quiet Place 2

Metallwände halten die Monster-Aliens nicht auf: Millicent Simmonds in "A Quiet Place 2".

(Foto: Jonny Cournoyer/Paramount)

Dieser Eremit kann, auch durch den Anblick des Babys, noch einmal bekehrt werden, er wird zum Ersatzvater. Schlimmer sind die anderen Menschen, die wilde Rudel gebildet haben. Sie sind eine genauso tödliche Gefahr wie die Aliens, denn sie halten zusammen auf Kosten aller anderen. Ist das die einzige Gemeinschaft, die noch möglich ist? Oder gibt es noch andere, die sich irgendwie in Sicherheit gebracht haben und den letzten Verlorenen helfen wollen? Eine Radiostation sendet jedenfalls noch, pausenlos spielt sie das Lied "Beyond The Sea". Soll das ein Zeichen sein?

Darauf baut der Film seine Hoffnung für das Finale auf, aber die Logik zweifelt: Wer im Radio Lieder abspielen kann, könnte der nicht auch mal was ins Mikrofon sagen?

Klar ist aber, dass es jetzt darum geht, wie Gemeinschaften in Zeiten der Katastrophe überleben können. Und dass da eine Wahl zu treffen ist zwischen Kooperation und Überlebensgier, Einheit und Spaltung. Dieses Gefühl passte perfekt ins Wahljahr 2o2o, in dem mancher Amerikaner sich schon mitten im Bürgerkrieg wähnte, und in dem der Film ursprünglich hätte anlaufen sollen. Aber wenn er jetzt, nach einer gefühlt schon fast überstandenen Katastrophe, auf den veränderten Blick der Zuschauer trifft, die sich das Kino zurückerobern - dann ist das schon auch wieder spannend.

A Quiet Place Part II, USA 2020 - Regie und Buch: John Krasinski. Kamera: Polly Morgan. Musik: Marco Beltrami. Mit Emily Blunt, Cillian Murphy, Millicent Simmonds, Noah Jupe, John Krasinski. Paramount, 97 Minuten.

© SZ/kni/dbs
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