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"A Most Wanted Man" im Kino:Vielleicht kein legitimer Nachfolger Smileys, aber ein illegitimer

Nur heute sind es eben interessanterweise die Deutschen, denen le Carré solch ehrlich-unzeitgemäße Geheimdienstarbeit noch zutraut. Die Amerikaner, hier verkörpert von Robin Wright, verbindlich im Ton, aber am Ende völlig skrupellos, schweben in ihren Cybersphären und greifen am Ende nur rachsüchtig die Ergebnisse ab. Die Briten wiederum sind derart von den Amerikanern dominiert, dass sie es aus dem Roman gar nicht mehr in den Film geschafft haben.

Günther Bachmann dagegen würde man die spezielle Agentenfähigkeit noch zutrauen, die George Smiley immer ausgezeichnet hat - innerhalb von Sekunden in einer Menschenmenge zu verschwinden. Vielleicht ist er kein legitimer Nachfolger, aber ein illegitimer. Dazu passt, dass seine Einheit nicht mal einen Namen hat. "Wir existieren nicht", sagt Bachmann. Auch le Carré weiß, dass deutsche Spione nicht einfach in Hamburg anwenden können, was sie in Beirut gelernt haben.

Im konkreten Fall geht es darum, einem besonders angesehenen und moderaten Imam, der keineswegs Hass predigt, eine Falle zu stellen - weil aus seinem engsten Kreis die Information kommt, dass er mit Spendengeldern Terroristen finanziert. Nun braucht es Beweise, und dafür kommt ein gläubiger und zugleich völlig unschuldiger Tschetschene ins Spiel, der Asyl sucht und als Schachfigur missbraucht wird - mit ihm, hat le Carré gesagt, wollte er dem Guantanamo-Opfer Murat Kurnaz eine Art Denkmal setzen.

Diese bodenlos tiefe Erschöpfung - ist das nur die Figur oder eine Einbildung im Nachhinein?

Mit unter die Räder geraten eine deutsche Asylanwältin (Rachel McAdams) und ein Hamburger Bankier mit Gewissensbissen (Willem Dafoe). Bachmann aber ist der Schachspieler, unterstützt von tollen Kollegen (Nina Hoss, Daniel Brühl), die alles für ihn tun würden. Weil er, trotz seiner illegalen und zum Teil recht rabiaten Methoden, niemanden vernichten will. Umdrehen, die Täter auf die andere Seite ziehen, darum geht es. Alte George-Smiley-Schule. Aber auch Smiley konnte nie sicher sein, dass er nicht selbst nur eine Schachfigur war, in einem noch größeren Spiel.

Wenn man Philip Seymour Hoffman jetzt in dieser Rolle sieht, kann man das natürlich nicht mehr trennen von dem Wissen, dass der Schauspieler zum Zeitpunkt der Dreharbeiten heroinabhängig war. Dass er - nach vielen Jahren ohne Drogen, unbemerkt selbst von den Kollegen am Set - rückfällig geworden war. Und dass ihn diese Sucht, im Februar in New York, das Leben kosten würde.

Aber diese bodenlos tiefe Erschöpfung, die man zu spüren glaubt, wenn seine Augen in diesem Film manchmal leer werden - ist das wirklich nur die Figur oder Einbildung im Nachhinein? Dieser Weltekel in seinem Blick, dieses Immer-wieder-Aufraffen nach der letzten Niederlage? Da schwingen doch erstaunliche Resonanzen mit, die widerhallen in der Realität dieses hochbegabten, furchtlosen, unbedingten und viel zu kurzen Lebens.

Die Weigerung, einfach so abzutreten

Andererseits strahlt auch ein Kampfgeist aus dieser Performance. Eine starrköpfige Weigerung, den anderen einfach das Feld zu überlassen - all den Nichtskönnern und Schleimscheißern, den vorsichtigen Zynikern und den Lügnern, deren Wort nichts zählt und denen ein zerstörtes Menschenleben nicht mehr wert ist als ein Schulterzucken. Auch die gibt es ja überall, nicht nur in Geheimdienstkreisen.

Günther Bachmann, am Ende unter Druck von seinen Vorgesetzten und Kollegen und von den Amerikanern und eigentlich von allen Seiten, weigert sich, einfach so abzutreten. Er will es noch einmal wissen. Das wird zwar nichts ändern, aber es wird sein Erbe sein.

Die letzte Sequenz, in der diesem Mann buchstäblich der Boden unter den Füßen weggezogen wird, von Kräften, die so viel stärker sind als er selbst - sie fällt nun zusammen mit dem Abschied eines großen Schauspielers. Und fügt dem Werk von Philip Seymour Hoffman noch einmal ein unauslöschliches Bild hinzu.

A Most Wanted Man , GB/D 2014 - Regie: Anton Corbijn. Buch: Andrew Bovell. Kamera: Benoît Delhomme. Mit Philip Seymour Hoffman, Rachel McAdams, Willem Dafoe. Senator, 122 Minuten.