"À la Carte!" im Kino:Revolution im Kochtopf

"À la Carte!" im Kino: Isabelle Carrée und Grégory Gadebois in "Á la Carte!".

Isabelle Carrée und Grégory Gadebois in "Á la Carte!".

(Foto: Neue Visionen Filmverleih)

Die Tragikomödie "À la Carte!" erzählt von einer der wichtigsten Erfindungen in der Geschichte Frankreichs: dem Restaurant.

Von Anke Sterneborg

Selbstvergessen knetet der gemütliche Koch Pierre Manceron (Grégory Gadebois) Mehl, Butter und Ei zum goldgelben Teig. Andächtig formt er daraus kleine Pasteten, füllt sie mit feinen Kartoffelscheiben und edlen Trüffelspänen, faltet den Teig darüber wie eine Blume. Erst als die Kamera zurückfährt, wird das umtriebige Großküchengewusel um ihn herum sichtbar, dringt das hektische Gemurmel und das Geklapper der Töpfe durch, platzt die kleine Blase, in der Pierre gerade noch so versunken war.

Von den Slapstick-Tortenschlachten der frühen Komödien über die Gelage französischer Dramen zu den großen Banketten asiatischer Filme: Das Kino hat eine Affinität zum Essen. Auch dem Regisseur Éric Besnard ("Birnenkuchen mit Lavendel") gefällt das Thema. In "À la Carte!" widmet er sich der Erfindung des französischen Restaurants aus dem Geist der Revolution, und nebenbei auch der Liebe, die durch den Magen geht.

Der Adlige ist angewidert: An den Tischen dürfen auch Bürger und Bauern sitzen

Es ist das Jahr 1789, es rumort schon heftig in Paris, umso verbissener verteidigen die Adligen ihre Privilegien. Bloß keine Experimente! Keine Überraschungen! Die kleinen Amuse-Gueule-Pastetchen empfinden sie schon als Zumutung, mit Kartoffeln und Pilzen, die in schmutziger Erde wachsen! Der vor der lachenden und grunzenden Meute der Adligen gedemütigte Koch Pierre zieht sich auf den Bauernhof seines Vaters zurück, wo er fortan aus eigenem Anbau und eigener Zucht einfachen, aber schmackhaften Proviant für Durchreisende kochen will. Nur langsam erwacht seine gedämpfte Lust am Kochen wieder, befeuert durch seinen Sohn, der ihn dazu anstiftet, die Macht über das Menü nicht mehr den höfischen Auftraggebern zu überlassen und nebenbei auch ein paar progressive Ideen des 21. Jahrhunderts verbreitet: "Ich esse kein Fleisch mehr, es macht gewalttätig und mürrisch!"

Befeuert auch durch die schöne Louise (Isabelle Carrée), die bei ihm in die Lehre gehen will, aber ein Geheimnis hegt, dem er nach und nach auf die Spur kommt. Wenn er ihr die Augen verbindet, und ihr nach und nach unterschiedliche Zutaten in den Mund schiebt, eine Walnuss, ein Stück Champignon, ein Blättchen Minze und ein Scheibchen rote Bete, entsteht dabei ganz verhalten eine erotische Sinnlichkeit, der Besnard sehr viel Zeit gibt, sich zu entwickeln, im warmen Licht der Bauernküche mit all ihren Gerätschaften aus Holz, Kupfer und Gusseisen.

Es ist ein schöner, erzählerischer Trick, die Handlung eines Films auf die Schwelle einer historischen Zeitenwende zu legen, die man dann zusammen mit einem Pionier überschreitet. Gut zu speisen, das sei nichts für den Pöbel, postuliert der Duc de Chamfort (Benjamin Lavernhe). Dass Bauern und Bürger an den Nachbartischen Platz nehmen, findet er empörend. Doch die neue Gastlichkeit, mit gedeckten Tischen in der Stube und im Garten, ist nicht mehr aufzuhalten. Und in Paris bereitet sich das Volk zum Sturm auf die Bastille vor.

Délicieux, F/B 2021 - Regie: Éric Besnard. Buch: Éric Besnard, Nicolas Boukhrief. Mit: Grégory Gadebois, Isabelle Carrée. Neue Visionen, 112 Minuten. Kinostart: 25.11.2021.

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