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A.L. Kennedy:Allein im Albtraum

A.L. Kennedy, in Schottland geboren, lebt in der Nähe von London. Die Schriftstellerin diskutiert am Sonntag, 18. November, im Literaturhaus (16 Uhr) über die "schönen Inseln" und liest in der Schnapsbar (23 Uhr).

(Foto: Peter-Andreas Hassiepen)

Wir Menschen sind seltsam geworden. Wir fürchten die Dunkelheit unserer eigenen Schatten, lassen uns aber nicht von der Dunkelheit unserer neuen Träume beirren. Die Träume, in denen wir uns baden, wenn wir unsere Computer einschalten, unsere Telefone liebkosen wie Kinder oder die Schwachen. Unsere Kinder und die Schwachen liebkosen wir nicht mehr.

Für manche blockiert dieses Europa unser gottgegebenes Recht, alles kaputtzumachen, was wir wollen, die Armen zu bestrafen, die Behinderten zum Schweigen zu bringen, bis sie stumm sind wie Gräber. Das Recht, unsere Gegenwart und Vergangenheit zu bleichen, bis beide weiß sind wie geschmackloses Brot, bleich wie Körper, denen das Blut entzogen wurde und sie nicht länger ein lebender Gegensatz zu unseren glorreichen Erzählungen sind. Unsere Habseligkeiten werden verdinglicht, unsere Schulden weitergeschoben, unsere Katastrophe ist längst zu Geld gemacht.

Für manche hat der Kapitalismus das europäische Menschenrechtsgesetz beschmutzt, das Lebensmittelgesetz, das Produktsicherheitsgesetz und die internationale Zusammenarbeit verdorben. Ein Paradies des Volkes wird Europa ersetzen, ein Paradies in der Wildnis, für das man ihnen nicht die Schuld geben wird. Zu verhungern wäre wahrscheinlich auch nur ein herrlicher Teil dieser Entwicklung. Die meisten von uns aber wachen auf und sehnen sich nach unserer weiten, frustrierenden, ernüchternden, nahrhaften, wunderbaren Heimat. Wir hören, wie sich überall Türen schließen. Wir sind allein mit den Wahnsinnigen in ihrem Albtraum.

(Aus dem Englischen von Christiane Lutz)

© SZ vom 14.11.2018
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