88. Academy Awards:Dem Fernsehen eins vor den Latz knallen

Deshalb erst einmal zurück zur Gegenwart und zum Pragmatismus: Es steckt kein tieferer Sinn dahinter, dass "Mad Max: Fury Road" zahlreiche Preise (insgesamt sechs Stück) gewonnen hat. Das ist keine Verneigung der Academy vor einem wilden Actionfilm, der spannend und sexy daherkommt und sich deshalb ausgezeichnet eignet, um dem Fernsehen, diesem aufmüpfigen Medium mit den tiefen Geschichten von der menschlichen Seele, einen Leinwand-Reißer vor den Latz zu knallen. Es ist einfach ein furioser Film. Fertig. Aus.

So wie Alicia Vikander in "The Danish Girl" herausragend agiert und deshalb den Oscar als beste Nebendarstellerin gewonnen hat. So wie Brie Larson wunderbar war im Independent-Drama "The Room" und deshalb als beste Darstellerin ausgezeichnet wurde. So wie Alejandro Gonzalez Iñárritu in "The Revenant" wunderbar Regie geführt hat. Und so wie "Spotlight" (bester Film) ein großartiger Film mit wichtiger politischer Botschaft ist. Nicht mehr, nicht weniger.

So einfach ist das

Es ist auch kein Affront gegen Sylvester Stallone, dass er nicht als bester Nebendarsteller für seine Darstellung von Rocky in "Creed" ausgezeichnet worden ist. Es liegt nicht daran, dass er in seinem Leben auch auf Zelluloid gebrannten Offenbarungseide wie "Over the Top", "Tango & Cash" und "Rambo III" gedreht oder zu Beginn seiner Karriere aus Geldnot in einem Softporno mitgespielt hat. Der Grund: Es gab ganz einfach mehr Academy-Mitglieder, die Mark Rylance als russischen Spion in "Bridge of Spies" noch besser fanden. So einfach ist das.

Was noch in der Gegenwart passierte: Leonardo DiCaprio hat endlich, nach sechs erfolglosen Nominierungen, seinen Oscar als bester Schauspieler gewonnen. Nun könnte man natürlich behaupten, dass DiCaprio eine wahnsinnig effektive Kampagne präsentiert hat. Er überließ ein signiertes Drehbuch zu "The Revenant" der Screen Actors Guild zur Versteigerung für einen guten Zweck, er hielt beim Weltwirtschaftsforum in Davos eine Rede gegen die Klimawandel-Leugner, er spendete einen Millionenbetrag an den World Wildlife Fund und will in Kenia gegen Wilderei protestieren. Er soll zudem einem Fotografen Bilder abgekauft haben, die ihn bei einer allzu exzessiven Party und einer möglichen Knutscherei mit Rihanna zeigen. Man kann aber auch einfach sagen: Es wurde endlich Zeit, diesen grandiosen Schauspieler zu ehren! Oder noch einfacher: DiCaprio war diesmal der Beste.

Es war eine Oscar-Verleihung, die weniger dröge war als in den vergangenen Jahren. Sie war spritzig, sie war spannend, sie war auch bedeutsamer - gerade, weil sie nicht bedeutsam daherkommen wollte.

Bleibt nur die Frage auf die Aussage von Chris Rock ("Verdammt noch mal, natürlich ist Hollywood rassistisch!"), wie die Academy das Problem ihrer Mitgliederschaft lösen will. Nun, sie hat sich durch diese Show ein Jahr Zeit erkauft, da fließt viel Wasser den Los Angeles River hinunter. Jetzt ist erst einmal Ruhe. So einfach ist das in Hollywood.

© SZ.de/khil/lala
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