Es ist ein undankbares Geschäft, über Menschen zu schreiben, deren Merkmal auch darin besteht, öffentlich, also in der Zeitung, ohne Namen aufzutreten. Besonders undankbar ist es, wenn es dabei um Schreibende geht, die nicht den Polizeibericht oder die Börsenkurse bearbeiten, sondern sehr subjektive, manchmal enorm persönlich gefärbte Glossen verfassen, die dann aber nur mit dem Kürzel SZ gezeichnet sind. (Natürlich sind Polizeibericht und Börsenkurse hoch zu schätzen, schon allein weil die ihnen zugrunde liegenden Geschehnisse die Leben vieler mehr beeinflussen, als das jemals ein Streiflicht tun könnte.) Will man also über Streiflichtschreibende schreiben, kann dies eigentlich nur ein nahezu peripatetischer Prozess der vorsichtigen Annäherung sein - es sei denn es geht um Tote oder Pensionisten.
Betrachtet man das Streiflicht nämlich in 75-jähriger historischer Perspektive, gehören viele, vielleicht sogar die meisten der Verfasser mittlerweile zur Kategorie "tot oder pensioniert". Selbstverständlich soll das keine Gleichsetzung dieser beiden Zustände bedeuten, auch wenn sie oft in zeitlicher Abfolge eintreten. Das erste Streiflicht, das überhaupt in der SZ erschien, war noch nicht anonym, sondern mit dem Buchstaben "S" gezeichnet. Mutmaßlich handelte es sich bei diesem S um den Lizenzträger und Mitherausgeber Franz Josef Schöningh, also nach heutigen Maßstäben einen Verleger. Nun kann man grundsätzlich sowohl als Redakteur als auch als Leserin froh sein, dass Verleger schon seit sehr langer Zeit keine Streiflichter mehr schreiben. Es gilt auf jeden Fall das alte Sprichwort, dass ein Schuster bei seinen Leisten bleiben sollte, zumal Verleger hin und wieder dazu neigen, "ihre" Redaktion über einen Leisten zu schlagen.
Zu den Großen unter den Streiflichtschreibern gehören auf jeden Fall Fred Hepp und Herbert Riehl-Heyse. Hepp galt lange Zeit als der Gerd Müller des Streiflichts, in seiner Jahrzehnte dauernden Karriere als Streiflichtautor, die in den Fünfzigerjahren begann, schrieb er mehr als 2000 Streiflichter. Hepp war ein großer Freund des gehobenen Kalauers und außerdem ein ungemein gebildeter Mensch. Posthum allerdings hat Hepp seinen Robert Lewandowski gefunden. Das ist Hermann Unterstöger, der 1979 sein erstes Streiflicht verfasste. Zwar ist Unterstöger pensioniert, aber glücklicherweise schreibt er, in Altötting sitzend, immer noch im Schnitt alle acht Tage ein Streiflicht. Unterstöger hat die 2500er-Marke geknackt und strebt nun in Richtung 3000. Dagegen ist Lewandowski ein Drittliga-Schützenkönig.
In der oft guten, fast schon alten Streiflichtzeit waren zum Beispiel Herbert Riehl-Heyse, Claus Heinrich Meyer und Axel Hacke wichtige Stützen des Streiflichts. Riehl-Heyse, 2003 gestorben, hat eineinhalb Generationen von SZ-Journalisten und -Journalistinnen geprägt; er schrieb schon ironisch als noch nicht fast jede Lebensäußerung als "witzig" bezeichnet wurde und Ironie nur selten böse war. So wie Fred Hepps Humor eine Zeit lang das Streiflicht definierte, gab es danach eine Phase, in der Riehl-Heyses Art den Ton angab. Auch Claus Heinrich Meyer, 2008 gestorben und mehr als 25 Jahre Streiflichtautor, war ein großer Ironiker, der einen Blick für Skurrilitäten hatte wie kaum ein anderer. Axel Hacke wiederum, glücklicherweise sehr am Leben und als Bestseller-, wenn auch nicht mehr als Streiflichtautor enorm aktiv, zählte zu Riehl-Heyses Zeiten zu den jüngeren, vielversprechenden Streiflichtautoren, von denen allerdings nicht alle hielten, was man sich von ihnen versprach. Es gab - dazu keine Namen - große Faulpelze, die aber dennoch glänzende Texte schrieben. Und es gab die Ideengeber, Schreiber und Redigierer in Personalunion, für die, gewissermaßen stellvertretend, Wolfgang Roth, pensioniert, genannt sei. Ohne Künstlerseelen geht Streiflicht kaum. Noch schlechter aber geht es ohne Streiflichtarchitekten wie Roth.
Es gibt durchaus große, bedeutende SZ-Autoren und -Autorinnen, die keine oder kaum Streiflichter verfasst haben. Der heilige Joachim Kaiser zum Beispiel war ein großartiger Stilist, aber kein führender Streiflichtautor. Vielleicht war ihm das Streiflicht zu kurz. Nicht wenige der donnerhallenden Leitartikler, die über die Jahrzehnte ihren eigenen Ruhm und ein wenig auch den der SZ mehrten, wichen dem Streiflicht eher aus, manchmal wich das Streiflicht auch ihnen aus. Ganz generell ist das Streiflicht weder eine Form für Menschen, die zu laut lachen, noch für solche, die viel mehr schreiben als sie lesen. Unter den zu ihrer Zeit wirklich Guten waren kluge, stille wie etwa der 2017 jung gestorbene Literaturredakteur Christopher Schmidt, gebildete Gelegenheitsbrauseköpfe wie Benjamin Henrichs oder, zu Zeiten des jungen Riehl-Heyse, der bajuwarische Humorist Hannes Burger.
Zu fast jeder Zeit hielt sich die jeweilig amtierende Streiflicht-Clique, die nie ein eigenes Ressort war, für das ziemlich beste Streiflichtteam seit Kriegsende, unabhängig davon, welcher Krieg gerade gemeint war. Um die Regelmäßigen gruppierten sich etliche Unregelmäßige. Menschen, die nicht in der Münchner Redaktion saßen, weil sie als Reporter oder Korrespondentinnen in Berlin oder Moskau arbeiteten, schrieben nur selten Streiflichter. Man braucht wohl die Atmosphäre der Streiflicht-Kleingruppe, die in Zeiten der Seuche mühsam mit Telefon und Social Media am Leben gehalten wird. Die meisten Schreibenden seit Anbeginn der Streiflichtzeiten waren übrigens Männer; Frauen schrieben früher gelegentlich Streiflichter und häufiger erst in den vergangenen zehn Jahren. Pensioniert ist noch keine von ihnen, und weil den unpensionierten, aktiven Streiflichtmenschen hier keine öffentlichen Girlanden geflochten werden sollen, bleiben sie unbenannt.
Wie im wirklichen Leben treffen auch im Streiflichtteam in regelmäßigen Abständen die Routiniers auf die jungen Talente. Junge Talente werden in der SZ grundsätzlich relativ schnell entweder selbst Routiniers, weil es in der SZ ungefähr so wie bei den Hunden ist: Ein Jahr in der SZ entspricht sieben Jahren draußen. Wenn der Wandel vom jungen Talent zum Routinier allerdings zu lange auf sich warten lässt, wird dem langjährigen Talent auch schon mal, natürlich nur selten und immer sehr freundlich, nahegelegt, dass der Status des jungen Talents (m/w/d) nicht länger als zehn SZ-Jahre dauern sollte. Die Anonymität lässt sowieso zu, dass jeder und jede "draußen" sagen kann: "Ich schreibe auch Streiflichter, hin und wieder, wenn ich die Zeit dazu habe." Dies ist nicht etwa ein unzulässiges Sichbrüsten, sondern vielmehr ein Ausdruck jenes Gemeinschaftsgefühls, welches das Kürzel SZ auch stiften soll.
Das Streiflicht gilt innerredaktionell alle zehn bis 15 Jahre als völlig überholt und nicht mehr zeitgemäß. Dann hört man Dialoge wie diesen in der Konferenz: "Über das Streiflicht kann ich schon lange nicht mehr lachen." Der diensthabende Streiflichtarchitekt antwortet dann: "Ich wusste gar nicht, dass Sie überhaupt über etwas lachen können."
Mit der Zeit übernehmen einige der einstmals jungen Talente Organisation und häufigere Autorenschaft beim Streiflicht. Sie werden zu Routiniers. Wenn sie darüber zu klagen beginnen, dass es so schwierig ist, neue Autoren und Autorinnen zu gewinnen, weiß man, dass sie endgültig den Talentstatus hinter sich gelassen haben, jedenfalls subjektiv.
Dann läuft es wieder zehn, zwölf Jahre lang, bevor die nächsten jungen Talente ihre revolutionären Häupter erheben. Auf diese Weise ändert sich das Streiflicht stetig und bleibt dann doch wieder das, was es immer war. Schaut man aus dem Blickwinkel der gedruckten Zeitung auf das Streiflicht, hat es grundsätzlich nur zwei unverrückbare Merkmale, die praktisch nie angezweifelt werden: Seite eins links oben und Hermann Unterstöger.