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66. Filmfestspiele von Cannes:Zitternde Chinesen

Bends - 66th Cannes Film Festival

Kun Chen in einer Szene von "Bends", der in der Nebenreihe "Un certain regard" läuft.

(Foto: dpa)

Das ist auffällig in diesem Jahr in Cannes: Wo auf der Leinwand Reichtum zu sehen ist, verfallen nicht nur die Luxuswerte, sondern auch alle Sitten. Sogar Boom-Chinesen sind verunsichert.

In Cannes wird mehr verhandelt als die Qualität des Weltkinos, und in diesem Jahr ist die Filmpolitik ein besonders heißes Thema. Gerade laufen in Brüssel die Verhandlungen über das Transatlantische Freihandelsabkommen zwischen der EU und den USA, und wenn Hollywood ein Wörtchen mitzureden hat, könnte dabei die europäische Filmförderung, wie man sie bisher kennt, abgeschafft werden. Was dann auch der Grund ist, warum am Nebentisch im Restaurant ein bekanntes Gesicht auftauchen kann, das man gar nicht aus dem Kino kennt, sondern von CNN.

Dieser dichte schlohweiße Haarschopf, dieser rosige Teint - das ist Chris Dodd, bald siebzig Jahre alt, für drei Dekaden Demokrat im US-Senat, nun Chairman der Motion Picture Association of America - und damit Hollywoods oberster Lobbyist.

Alle Filme des Wettbewerbs von Cannes 2013

Liebe, Hass, Obsession

Senator Dodd lauscht einem jungen, gut aussehenden Vertreter der staatlichen französischen Filmförderung, der sich unglaublich gerne selbst reden hört, betrachtet ihn mit halbgeschlossenen Augen, und nickt. Aber wenn man eine Botschaft aus diesen Politikeraugen herauslesen könnte, die natürlich schon alle Gemeinheiten Washingtons gesehen haben, müsste sie lauten: Freundchen, bald verspeisen wir Euch zum Nachtisch.

Die Filmemacher des Festivals, ob mit Förderung subventioniert oder nicht, zeigten sich unterdessen weiterhin gut in Form. Zum Beispiel Alex van Warmerdam, der seit bald dreißig Jahren die Niederlande als ein Reich komischer Sonderlinge zeigt.

In "Borgman" verschärft er seine Methoden zu neuer, zeitgenössischer Durchschlagskraft. In einem Tunnelsystem im Wald haust eine Gruppe von Ausgestoßenen wie einst die Vietcong, gejagt von einer Bürgerwehr mit doppelläufigen Schrotflinten.

Die Rückkehr des Verdrängten

Vielleicht haben diese Outlaws sogar freiwillig der Zivilisation entsagt - wer zu ihnen stößt, dem wird als erstes ein Teil aus dem Körper herausoperiert, das normale Menschen besitzen. Nur welches? "Borgman" gibt darauf keine direkte Antwort, genau wie Warmerdam alle Genre-Anklänge an den Zombiefilm, die sich aufdrängen, vermeidet.

Die reiche Hausfrau am Stadtrand etwa, die bei einem der Desperados Mitleid zeigt, wird in der Folge nicht sofort attackiert. Eher holt sie sich das Verderben dann ganz freiwillig ins Haus, in eine reiche und sterile Betonvilla mit Mann und drei Kindern, Nanny und Gärtner. "Da draußen ist etwas", sagt sie zu ihrem tumben Ehemann, "das manchmal zu uns hereinschlüpft. Weil wir die Glücklichen sind, und weil wir bestraft werden müssen."

Schöner kann man die Rückkehr des Verdrängten, wie es immer wieder über die Wohlstandsgesellschaft herfällt, nicht beschreiben.

Das ist auffällig in diesem Jahr: Wo auf der Leinwand Reichtum zu sehen ist, verfallen nicht nur die Luxuswerte, sondern auch alle Sitten und Sicherheiten; bei den Armen dagegen erreicht der Existenzkampf eine neue, fast neorealistische Härte und Dringlichkeit.

In Takashi Miikes brutal effektivem "Wara No Tate/Shield of Straw" lobt ein japanischer Mogul eine Billion Yen für jeden aus, der den Mörder seiner Enkelin tötet - und viele arme Japaner mutieren sogleich zu durchgedrehten Möchtegern-Killerin.

Oder "Bends", das Regiedebüt der Hongkong-Filmerin Flora Lau: Da sah man deutlich, dass auch die Boom-Chinesen längst zittern, zerrüttet von Abstiegsängsten und Aufstiegssehnsüchten zugleich.