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66. Filmfestspiele Cannes:Auf der Suche nach irgendetwas, was das Hinsehen lohnt

Die selbe Angst ist auch der Motor in Paolo Sorrentinos "La Grande Bellezza", nur wird hier nie klar, was die Leere füllen könnte: Ein Buch, eine Frau oder doch noch eine Party?

Die Koks-, Sauf- und Lärm-Orgien, an denen der Autor Jep (Toni Servillo) teilnimmt, sind in seinem Leben jedenfalls nicht nur Beiwerk, sie sind der zentrale Punkt - Jep feiert sich durch Rom, als gäbe es kein Morgen. Es gibt auch immer nur noch eine Party und gelegentlich einen Gedanken an den zweiten Roman, den er mit 65 Jahren immer noch nicht geschrieben hat.

Auf seinen Soireen treffen sich Leute, von denen er die wenigsten mag, und sie können auch einander nicht leiden. Ein wenig Zustandsbeschreibung der Gegenwart steckt in Sorrentinos Dolce Vita von Rom 2013 - die einen feiern, wo es nichts zu feiern gibt, der superreiche Geschäftsmann von nebenan wird in Handschellen abgeführt, und Jep macht sich auf die Suche nach irgendetwas was das Hinsehen lohnt.

Er entdeckt dabei eine majestätische Giraffe in der Nacht, eine steinalte Mutter Teresa, die ihre letzte Energie in ihren Glauben steckt, eine Frau, die er hätte lieben können, und die Erinnerung an seinen ersten Kuss. An einen Moment, als er noch Hoffnung hatte.

Sorrentino vermengt Fellini und Bungabunga, ganz bestimmt vermittelt "La Grande Bellezza" die Idee von einem Tanz auf dem Vulkan in einer Welt, die wunderschön ist und doch in Scherben liegt. Ein ähnliches Feuerwerk wie Sorrentinos erfolgreicher "Il Divo" (über Andreotti) ist der Film geworden, doch leider ohne klaren Erzählbogen. Am Ende besteht "La Grande Bellezza" aus hundert grandiosen Augenblicken auf der Suche nach einem Film.

Weihwasser auf intimen Stellen

Nun hat Sorrentino auf jeden Fall etwas Neues, Unerhörtes versucht - Valeria Bruni Tedeschi, die einzige Frau im Wettbewerb, verlässt sich in ihrem "Un Château en Italie" ganz und gar auf erprobte Konvention. Die Heldin, Louise, spielt sie selbst. Auch Louise hat Angst vor dem was noch kommt - ihr Bruder ist krank, das Familienvermögen ist dahingeschmolzen, und sie will unbedingt ein Kind, obwohl sogar ihre eigene Mutter sagt, dafür sei sie zu alt.

Sie legt sich also erstmal einen jungen Liebhaber zu (Louis Garrel), sucht ihr Heil in Wohltätigkeitsarbeit. Dazwischen gibt es immer wieder komische Ausbrüche der Verzweiflung, religiöse Anfälle beispielsweise, auf die die Kirche gerne verzichten würde. Mal bespritzt sie, um ihre Fruchtbarkeit zu steigern, sich in der Kirche intime Stellen mit Weihwasser, dann erkämpft sie sich gewaltsam einen Platz auf einem von Nonnen gehüteten Wunderstuhl. Das alles ist manchmal ganz nett, oft aber an der Grenze zur Albernheit. Leider kommt auch nicht viel dabei heraus.

Mit Bruni Tedeschi kann James Franco, der exzentrische Schauspieler/Künstler, locker mithalten, obwohl sein Film "As I Lay Dying" nur in der Nebenreihe "Un certain regard" läuft. Er hat sich William Faulkners gleichnamigen Roman vorgenommen, löst den stream of consciousness in Split-screens auf.

Die Kinder von Addie Bundren und ihr Mann Anse machen sich auf den Weg nach Jefferson, sie zu begraben, eine gefährliche Tour, bei der sie Hab und Gut und fast ihr Leben verlieren, während der Leichnam auf dem Pferdekarren vor sich hin rottet.

Faulkners Roman ist das Bildnis einer bettelarmen, zerrütteten Familie, die mit der Mutter den letzten Halt verloren hat. Aber James Franco trifft den richtigen Ton nicht, er macht eine Schau des Schreckens aus dieser Reise, unterlegt mit einem schrillen Pfeifen statt Musik. Und so fehlt der Verfilmung dann etwas, was das Buch im Herzen trägt: Faulkner hat auch in den düstersten Verhältnissen immer noch Licht gefunden - eine große Schönheit, der Menschen und der Sprache.

© SZ vom 22.05.2013

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