bedeckt München 20°

66. Filmfestspiele Cannes:Ein Satz, der als Erbe vielleicht genug ist

Abdellatif Kechiche porträtiert ein Mädchen auf dem Weg zum Erwachsenwerden - wie es mit allen Sinnen herauszufinden versucht, was das Leben für es ausmachen wird. In "L'Esquive" ließ er vor zehn Jahren eine Gruppe von Banlieue-Kids sich in "Ein Spiel von Liebe und Zufall" von Marivaux verstricken, nun setzt bei Adèle, gespielt von der grandiosen Neuentdeckung Adèle Exarchopoulos, ein Selbstfindungsprozess ein, als sie "La vie de Marianne" liest - es fehlt Marianne, sagt ihr Lehrer, etwas im Herzen.

Adèle entdeckt, dass sie auf Frauen steht. Knapp drei Stunden dauert "La vie d'Adèle", fürs Festival immer noch stark gekürzt - und wie Kechiche es schafft, dass die wie im Flug vorüberziehen, hat vor allem damit zu tun, dass er, obwohl er mit seiner großen Liebe zur Literatur - auch hier wird dauernd über Sartre debattiert und Egon Schiele gegen Klimt ausgespielt - zu den Intellektuellen des französischen Kinos gehört, sinnlich filmt wie kaum ein anderer.

Man sitzt am Tisch mit seinen Figuren, so war das auch schon in "Couscous mit Fisch", und in "Adèle" sind die Mahlzeiten, die Adèle lustvoll genießt, fast sinnlicher als die Sexszenen zwischen ihr und ihrer älteren Freundin Emma (Lea Seydoux). Die setzt das Mädchen immer mehr unter Druck, eine andere zu werden als es sein will: eine Intellektuelle.

Längst weiter als die Gesetzgebung

Nicht um eine Beziehung zwischen zwei Frauen geht es, sondern um die zwischen zwei sozialen Schichten. Das ist schon erstaunlich: während in Frankreich die neue Gesetzgebung zur Schwulenehe und zum Adoptionsrecht heftige Debatten auslöste, ist das Kino längst einen Schritt weiter: In "La vie d'Adèle" und Steven Soderberghs "Behind the Candelabra" über Liberace und seinen Lebensgefährten geht es nur um die innere Struktur dieser Beziehungen, die letztlich ebenso schwierig und unausgeglichen sind wie alle anderen auch.

Alexander Payne nimmt in "Nebraska" eine Vater-Sohn-Beziehung ins Visier, und das Ergebnis ist zwar nicht ganz so spektakulär wie die Annäherung von George Clooney an seine Töchter in seinem vorigen Film "The Descendants", aber Payne findet auch hier zu einem lakonischen, tragikomischen Gleichgewicht.

David (Will Forte), Verkäufer in einem Elektronikladen in Billings, Montana, hat zu seinem leicht verwirrten Vater Woody (Bruce Dern) ein eher distanziertes Verhältnis - der alte Mann hat sich in den Kopf gesetzt, der Brief einer windigen Werbefirma aus Nebraska, die ihm eine Million verspricht, sei echt.

Als David sich in den Wagen setzt, um den Vater 1200 Kilometer weit dorthin zu kutschieren, tut er das eigentlich aus Genervtheit, damit Woody nicht immer wieder auf den Highway hinausläuft.

Ein Trip in Schwarz-Weiß beginnt, was sehr gut passt zu den ärmlichen Orten aus Woodys Kindheit, an denen sie vorbeikommen, in denen die Zeit stillgestanden hat, die Menschen älter wurden, aber nicht anders. Was auf dieser Reise an Aussprache zwischen den beiden zustande kommt, sind zwei Sätze - aber die sind genug.

Payne ist ein Meister im Weglassen - er weiß, dass sich die Vergangenheit nicht ändern lässt, dass es ein heiles, schmerzbefreites Familienidyll nicht geben kann. Auch nicht im Wohlstand. Was er mit der Million wollte, fragt David seinen Vater, der mit dem wenigen, das er hat, durchaus klarkommt. Ich wollte, antwortet Woody, euch etwas hinterlassen. Dieser eine Satz, das ist dann vielleicht Erbe genug.

© SZ vom 24.05.2013

Lesen Sie mehr zum Thema

Zur SZ-Startseite