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66. Filmfestspiele Cannes:Gemeinsame Mahlzeiten, sinnlicher als Sex

Wettbewerb von Cannes 2013: La vie d'Adèle

Cannes-Wettbewerbsfilm "La vie d'Adèle": Der Zuschauer sitzt mit den Figuren am Tisch, hier mit Adèle (Adèle Exarchopoulos, links) und Emma (Lea Seydoux).

(Foto: Wild Bunch Distribution)

Wenn ein Mädchen entdeckt, dass es auf Frauen steht: Im Wettbewerb von Cannes erzählt der Franzose Abdellatif Kechiche eine sinnliche Geschichte von Liebe und Zufall. Dem stehen großartige amerikanische Überlebenstrips gegenüber, mit Robert Redford und Bruce Dern.

Wenn man es mal ganz genau nimmt, ist ein Filmfestival in der Größenordnung von Cannes eine ziemlich bizarre Angelegenheit: Tausende Menschen pilgern in einen überteuerten Badeort, und egal ob das Meer dann in der Sonne glitzert oder die Uferpromenade von einem Platzregen geflutet wird - sie ziehen sich in abgedunkelte Räume zurück und gucken Filme, bis ihre Augen brennen und die Sitzflächen jucken und schmerzen.

Aber dann werden, durch das Brennen und Jucken hindurch, doch Erfahrungen spürbar, die anders nicht zu bekommen sind, werden Strömungen sichtbar, die auf den verschiedenen Erdteilen entstanden sind und nun plötzlich zusammenlaufen.

Nachdem nun weite Teile des Programms des 66. Festivals von Cannes vorüber sind, macht sich der Eindruck breit, dass für das Kino heute klar ein Graben durch die Welt verläuft, sie in zwei Teile zerfällt: Der Chinese Jia Zhangke mit "Touch of Sin" über Gewaltexzesse, der Mexikaner Amat Escalante und sein "Heli" über eine Familie, die von Drogenkartellen terrorisiert wird, auch der Palästinenser Hany Abu-Assad, dessen "Omar" in "Un certain regard" zu sehen war - sie alle erzählen von kollabierenden Gesellschaften, in denen der Einzelne gar keine Möglichkeit hat, sich ein Eckchen bescheidenen Glücks aufzubauen.

Omar ist Teil eines Buddy-Trios, zwei Jungs stehen auf die Schwester eines dritten - und während sie sich in Terrorismus verstricken und sich von der israelischen Polizei instrumentalisieren lassen, ist irgendwann klar, dass ihre größten Feinde sie selbst sind. Dass das gesellschaftliche Klima aus Gewalt und Verrat auch den Verrat untereinander und jede Form der Korruption begünstigt - selbst auf einer ganz privaten Ebene.

Nun ist das Kino wieder im goldenen Westen angekommen: beim Franzosen Abdellatif Kechiche und bei den Amerikanern J. C. Chandor und Alexander Payne, die alle jeweils bei einem Individuum bleiben, in den Gesichtern forschen nach einem Quentchen Glück und Erlösung.

J. C. Chandor nimmt das am radikalsten, in seinem Film "All Is Lost" geht es tatsächlich nur um einen einzigen Menschen und seinen Kampf ums Überleben. Robert Redford spielt einen namenlosen Abenteurer: "Es tut mir leid", sagt er anfangs, noch bevor wir ihn sehen, "ich habe versucht, gerecht zu sein und zu lieben und bis zum Ende gekämpft." Das ist dann auch schon fast der gesamte Text des Films - mutterseelenallein schippert er durch den Indischen Ozean, seinem Schicksal entgegen.

Mit 76 Jahren hat Redford immer noch eine enorme physische Präsenz, und als Schauspieler ist er hier in einer Hochform, die ihm fast nie ein Regisseur abverlangt hat. Prämiert werden wird diese Tour de Force nicht, der Film läuft außer Konkurrenz. "All Is Lost" ist eine Metapher aufs Leben an sich - ein Schlag nach dem anderen trifft den Helden: Erst kollidiert seine kleine Jacht mit einem Container. Das Leck bekommt er noch erstaunlich findig in den Griff, aber das Funkgerät ist hin, und dann kommt ein Sturm, er zieht sich in seine Rettungsinsel zurück, in der er dann einem weiteren Sturm entgegentreibt.

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