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66. Filmfestival San Sebastián:Tour de force aus Norwegen in Echtzeit

Beeindruckende Leistung bei der Darstellung einer traumatisierten Mutter: Pia Tjelta (rechts) erhält die "Silberne Muschel" für die beste weibliche Schauspielerin.

(Foto: Festival)

Was folgt, ist ein spleeniger Bilderreigen, der immer mehr in den Wahnsinn abgleitet. Es treten unter anderem auf: Waschmaschinen außer Rand und Band, gewaltbereite Schnäppchenjäger und enthemmte Partytiere, die bei einer Junggesellenfete wüst-wild einen draufmachen. Stricklands Film folgt der Logik eines Traums, was de facto bedeutet, dass er sich keinerlei Logik beugt. Doch er hat die Wucht eines Albtraumes - und auch dessen Nachhaltigkeit.

Eine starke feminine Komponente hatte in San Sebastián auch das Musik-Biopic "Yuli" der spanischen Regisseurin Iciíar Bollaín, obwohl es von einem Mann handelt - dem kubanischen Ausnahme-Ballerino Carlos Acosta. Lose basierend auf dessen Autobiografie "Kein Weg zurück" von 2008 zeichnen Bollaìn und Drehbuchautor Paul Laverty die Geschichte des Tänzers nach, der aus armen Verhältnissen in Havanna stammend eine phänomenale internationale Karriere hingelegt hat und als erster Schwarzer in der Geschichte des Londoner Royal Ballet den Romeo tanzte.

Dabei hätte nicht viel gefehlt, und Acosta wäre niemals Balletttänzer geworden. Denn als der Vater die tänzerische Begabung seines Sohnes erkannte und ihn an der Ballettschule anmeldete, schämte sich der junge Carlos vor seinen Klassenkameraden und schwänzte den Tanzunterricht. Seine Mitschülter hänselten ihn, weil sie Ballett für etwas sehr unmännliches hielten. Es widerstrebte ihm, "Strumpfhosen zu tragen, wie diese Schwuchteln", wie es an einer Stelle im Film heißt. Doch der Druck des Vaters (Santiago Alfonso) und die Fürsorge der Tanzlehrerin Cherie (Laura De la Luz) hielten Acosta so lange auf dem richtigen Weg, bis er selbst erkannte, welches Geschenk sein Talent bedeutete.

Der erwachsene Carlos Acosta wurde im Film von ihm selbst dargestellt, was ihm die Gelegenheit gab, einige Kostproben seines tänzerischen Vermögens auf der Leinwand zu geben. Seine kraftvollen athletischen Auftritte gehören zu den Höhepunkten des Biopics, das aber auch sehr viel Hintergründiges über die spezielle Lebenssituation der Schwarzen auf Kuba enthält. Drehbuchautor Paul Laverty, der sich als langjähriger Script-Writer von Ken Loach einen Namen gemacht hat, erhielt in San Sebastián dafür zu Recht die Silberne Muschel für das beste Drehbuch.

Sehr angemessen war auch die Entscheidung, die Silberne Muschel für die beste Darstellerin für eine Rolle in einem der fünf Wettbewerbsbeiträge unter der Regie einer Frau zu vergeben. Denn was die Norwegerin Pia Tjelta in "Blind Spot", dem Regie-Debüt der schwedischen Schauspielerin Tuva Novotny, zeigte, war eine 75-minütige Tour de Force. So lange spielte sie in Echtzeit eine Mutter, die den Selbstmordversuch ihrer Tochter miterleben muss, die dabei lebensgefährlich verletzt wird. Marias Seelenqual wird in dem ohne Schnitt gedrehten Film so real, dass die Zuschauer nach der Premiere in San Sebastián erst einmal eine Pause brauchten. Sie habe recherchiert, wie Eltern auf einen solchen Schock reagierten, erklärte Tjelta: "Um das rüberzubringen, half mir aber auch, dass ich es an einem Stück spielen musste, und so keine Gelegenheit mehr hatte, es zu reflektieren."

Befreiung von biblischen Moral-Kategorien

Die Goldene Muschel ging allerdings an einen Film, der ausschließlich von zwei Männern handelt. Denn Frauen tauchen in dem Drama "Entre dos aguas" (Zwischen zwei Wassern) des katalanischen Regisseurs Isaki Lacuesta nicht auf, weil der Film überhaupt keine anderen Figuren beschreibt. In der Sozialstudie nimmt Lacuesta die Geschichte der zwei Roma-Brüder Isra (Israel Gómez Romero) und Cheito (Francisco José Gómez Romero) wieder auf, die er 2006 in "La leyenda del tiempo" (Die Legende der Zeit) zu erzählen begonnen hatte, als die beiden noch Teenager waren.

Inzwischen war Isra wegen Drogenhandels im Gefängnis, während Cheito einen langen Einsatz auf einem Kriegsschiff hinter sich hat. Beide kehren in die bitterarme andalusische Provinz Cadiz zurück, wo nun auch Isra verzweifelt versucht einen ehrlichen Weg zu gehen. Die Geschichte vom "guten" und "bösen" Bruder geht erkennbar auf die biblische Erzählung von Kain und Abel zurück, doch Lacuesta befreit sich in seinem Film von den moralischen Kategorien der Heiligen Schrift und lässt die Brüder zueinander finden.

Dass sich der Siegerfilm von der patriarchalischen Bibel löst, passte zu diesem Festivaljahrgang. Denn Frauen konnten auch das als ein Hoffnungssignal bewerten, das von San Sebastián ausging.

© SZ.de
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Einer ist gut, der andere böse. Doch die zwei Roma-Brüder Cheito (Francisco José Gómez Romero) und Isra (Israel Gómez Romero) in "Entre dos aguas" von Isaki Lacuesta entziehen sich einer Bewertung in moralischen Kategorien - sie finden zusammen.

(Foto: Festival)

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