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65. Filmfestival Cannes:Problem: Die Vermeidung des Erwartbaren

Die Vermeidung des Erwartbaren ist so ein Problem, auf das Seidl und überhaupt das österreichische Schreckenskino der letzten Jahrzehnte noch keine rechte Antwort gefunden haben. Auch Fatih Akin verwendet in seiner Dokumentation "Müll im Garten Eden", die hier außer Konkurrenz in einer Sondervorführung läuft, kaum einen Gedanken darauf. Als er 2005 in das türkische Dorf Çamburnu an der Schwarzmeerküste reist, den Ort seiner Vorfahren, idyllisch in Teeplantagen über dem Schwarzen Meer gelegen, verstört ihn die Nachricht vom bevorstehenden Bau einer Müllkippe.

Er wird zum filmenden Aktivisten, holt die erbosten Bewohner vor seine Kamera und spornt sie zugleich zum Protest an - gebaut wird die Müllkippe trotzdem. Gestank, Überflutung, Verseuchung des Trinkwassers - alle angekündigten Katastrophen treten ein, und Fatih Akin filmt sie alle, über sechs Jahre hinweg. Als Fazit dieser Fleißarbeit erscheint die Türkei als rechtlose Gesellschaft voll katastrophaler amtlicher Fehlplanungen, aber dabei belässt es der Film dann auch - die empörenden Bilder sind ihm wichtiger als eine tiefere Analyse des Systems.

Beim italienischen Filmemacher Matteo Garrone liegt der Fall wieder ein wenig anders. Der harte und vor allem gänzlich unglamouröse Realismus seines Films "Gomorrha", für den er 2008 den Grand Prix von Cannes gewann, überraschte seinerzeit wirklich - vor allem, weil er mit dem mythologisch überhöhten Bild der italienischen Mafia vollständig aufräumte. Manche Kritiker gingen damals so weit, eine Art Rückkehr des italienischen Neorealismus zu beschwören - voreilig, wie sich jetzt zeigt. Denn in seinem neuen Film "Reality" orientiert sich Garrone eher an den Phantasmagorien von Fellini.

Es geht um eine erweiterte proletarische Großfamilie in Neapel, die in einem pittoresk verfallenden Palazzo wohnt. Hier trifft sich das Satirische und das Groteske, der Vater ist Fischhändler auf dem Markt, die Mutter unterstützt ihn bei einem betrügerischen kleinen Nebengeschäft mit Küchengeräten. Diese Hinterhof-Szenen haben etwas von Genremalerei, aber über allem reagiert die Idee von "Big Brother" alias "Grande Fratello".

Jeder träumt hier davon, einmal ins Reality-TV zu kommen - und dann wird der Vater tatsächlich zum Casting nach Rom eingeladen. Wie sich dort durch das berühmte Tor der Filmstadt Cinecittà eine endlose Schlange mit Casting-Kandidaten zieht, dieses Bild verdient den Fellini-Gedächtnispreis: Ein Land, in dem selbst die Träume völlig auf den Hund gekommen sind.

Das hat eine gewisse Prägnanz, weil dem Vater vor lauter "Reality" am Ende jeder Sinn für die Wirklichkeit abhanden kommt, er wird buchstäblich verrückt. Eine Gesellschaft, die unter kollektivem Realitätsverlust leidet, von der nur noch ein dementes Kichern zurückbleibt - das soll natürlich eine Abrechnung mit den grotesken Berlusconi-Jahren sein, aber irgendwie läuft dieser Vorwurf inzwischen ins Leere. Schneller, als man erwarten konnte, ist das Nachbild Berlusconis verblasst - und die Gesellschaft, die hier noch so pittoresk im Delirium gezeigt wird, ist tatsächlich ja längst erwacht. Auch das gehört zu den harten Realitäten an diesem Wochenende: Wenn alle Ideen ihre Zeit haben, kommen manche eben auch einfach zu spät.

© SZ vom 19.05.2012/ihe/pak

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