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65. Filmfestival Cannes:In jeder Hinsicht entblößt

Das Festival in Cannes bietet ein Wochenende der harten Realitäten: Ulrich Seidl, Fatih Akin und Matteo Garrone erzählen von Sextouristinnen, Müll und Neapel - von einer Welt, in der die Träume auf den Hund gekommen sind. Und selbst das Marilyn-Plakat mit Kussmund und Sahnetorte ist entzaubert.

Tobias Kniebe, Cannes

Dies ist das Wochenende der harten Realitäten, und das beginnt schon beim offiziellen Poster des Festivals. Ein bezauberndes Bild, das den Cannes-Besucher jetzt auf Schritt und Tritt verfolgt - es hängt in jedem zweiten Schaufenster, in Hotelfahrstühlen, auf Restauranttoiletten, dazu riesengroß über dem Roten Teppich. Marilyn Monroe wirft dem Festival einen Kussmund zu, sie balanciert eine schneeweiße kleine Sahnetorte in den Händen und feiert die glänzende 65, das Jubiläum des Festivals. Die Zahl ist auf dem Poster mit einem strahlenden Stern versehen.

"Paradies: Liebe" von Ulrich Seidl, im Wettbewerb von Cannes 2012

Österreichs weiße weibliche Seele, in Erwartung der schwarzen Beach Boys an den Stränden von Kenia.

(Foto: dpa)

Das Dumme ist nur, dass die Lokalzeitung Nice Matin es dann doch genauer wissen wollte - und die Präsidentin des lokalen Marilyn-Monroe-Fanclubs kontaktiert hat. Die wusste zu berichten, dass das besagte Bild an Marilyns eigenem Geburtstag entstanden ist, ihrem dreißigsten, in einer Limousine, die sie zum Flughafen brachte. Just davor habe sie einen üblen Publicity-Termin absolvieren müssen, der indonesische Diktator Sukarno hatte darauf bestanden, ihre Bekanntschaft zu machen; und eigentlich wurde sie schon in Arizona am Set von "Bus Stop" erwartet. Kurz, es ist einer dieser traurigen Momente aus dem Leben eines Stars: einsam, fremdbestimmt und eisern verpflichtet, die Illusion zu wahren. Man weiß ja, wie das dann ausgegangen ist.

Besessen von schwarzer Haut und schwarzen Schwänzen

Wie die Filme des Österreichers Ulrich Seidl ausgehen, weiß man auch - Trost ist von diesem Mann nicht zu erwarten. Harte Realitäten sind gewissermaßen sein Spezialgebiet, in Filmen wie "Hundstage" oder "Import/Export". Wo andere lieber schamhaft wegschauen, schaltet er die Kamera überhaupt erst an. Zugleich bewegt er seine Schauspieler und Laiendarsteller dazu, sich dabei in jeder Hinsicht zu entblößen, und das mit einer Selbstverständlichkeit, als sei dieser Akt der Hingabe an den Filmemacher die natürlichste Sache der Welt. Im Wettbewerbsfilm "Paradies: Liebe", dem ersten Teil einer neuen Trilogie, geht es um sogenannte "Sugar Mamas", ältere weiße Touristinnen in Kenia, die sich sexuelle Dienste von einheimischen Männern erkaufen.

Wie weit der Weg ist, den Seidl diesmal gehen will, erkennt man recht gut, wenn die 50-jährige, übergewichtige Teresa (die Theaterschauspielerin Margarethe Tiesel, hier gänzlich furchtlos) in Kenia in ihrem Hotelzimmer ankommt - sie packt erst einmal ein Spray aus und desinfiziert damit ihren Toilettensitz. Die Angst vor dem Fremden und Andersartigen sitzt tief in ihrer kleinen - aber nicht bösen - österreichischen Seele.

Wie diese Frau bald von schwarzer Haut und schwarzen Schwänzen nicht genug kriegen kann, diese Entwicklung zeichnet Seidl dann auf. Es gibt dabei neben erschreckenden auch zärtliche, komische und berührende Momente. Nur für die schlichte Botschaft, dass alles, was hier passiert, am Ende natürlich ein Trauerspiel ist, dauert der Film zu lang. Und immer neue Demütigungen afrikanischer Männer, die Seidl inszeniert, machen ihn am Ende selbst zu einer Sugar Mama: Die Darsteller, allesamt echte "Beach Boys", müssen für ihr Geld dann schon wirklich was bieten.

Problem: Die Vermeidung des Erwartbaren

Die Vermeidung des Erwartbaren ist so ein Problem, auf das Seidl und überhaupt das österreichische Schreckenskino der letzten Jahrzehnte noch keine rechte Antwort gefunden haben. Auch Fatih Akin verwendet in seiner Dokumentation "Müll im Garten Eden", die hier außer Konkurrenz in einer Sondervorführung läuft, kaum einen Gedanken darauf. Als er 2005 in das türkische Dorf Çamburnu an der Schwarzmeerküste reist, den Ort seiner Vorfahren, idyllisch in Teeplantagen über dem Schwarzen Meer gelegen, verstört ihn die Nachricht vom bevorstehenden Bau einer Müllkippe.

Er wird zum filmenden Aktivisten, holt die erbosten Bewohner vor seine Kamera und spornt sie zugleich zum Protest an - gebaut wird die Müllkippe trotzdem. Gestank, Überflutung, Verseuchung des Trinkwassers - alle angekündigten Katastrophen treten ein, und Fatih Akin filmt sie alle, über sechs Jahre hinweg. Als Fazit dieser Fleißarbeit erscheint die Türkei als rechtlose Gesellschaft voll katastrophaler amtlicher Fehlplanungen, aber dabei belässt es der Film dann auch - die empörenden Bilder sind ihm wichtiger als eine tiefere Analyse des Systems.

Beim italienischen Filmemacher Matteo Garrone liegt der Fall wieder ein wenig anders. Der harte und vor allem gänzlich unglamouröse Realismus seines Films "Gomorrha", für den er 2008 den Grand Prix von Cannes gewann, überraschte seinerzeit wirklich - vor allem, weil er mit dem mythologisch überhöhten Bild der italienischen Mafia vollständig aufräumte. Manche Kritiker gingen damals so weit, eine Art Rückkehr des italienischen Neorealismus zu beschwören - voreilig, wie sich jetzt zeigt. Denn in seinem neuen Film "Reality" orientiert sich Garrone eher an den Phantasmagorien von Fellini.

Es geht um eine erweiterte proletarische Großfamilie in Neapel, die in einem pittoresk verfallenden Palazzo wohnt. Hier trifft sich das Satirische und das Groteske, der Vater ist Fischhändler auf dem Markt, die Mutter unterstützt ihn bei einem betrügerischen kleinen Nebengeschäft mit Küchengeräten. Diese Hinterhof-Szenen haben etwas von Genremalerei, aber über allem reagiert die Idee von "Big Brother" alias "Grande Fratello".

Jeder träumt hier davon, einmal ins Reality-TV zu kommen - und dann wird der Vater tatsächlich zum Casting nach Rom eingeladen. Wie sich dort durch das berühmte Tor der Filmstadt Cinecittà eine endlose Schlange mit Casting-Kandidaten zieht, dieses Bild verdient den Fellini-Gedächtnispreis: Ein Land, in dem selbst die Träume völlig auf den Hund gekommen sind.

Das hat eine gewisse Prägnanz, weil dem Vater vor lauter "Reality" am Ende jeder Sinn für die Wirklichkeit abhanden kommt, er wird buchstäblich verrückt. Eine Gesellschaft, die unter kollektivem Realitätsverlust leidet, von der nur noch ein dementes Kichern zurückbleibt - das soll natürlich eine Abrechnung mit den grotesken Berlusconi-Jahren sein, aber irgendwie läuft dieser Vorwurf inzwischen ins Leere. Schneller, als man erwarten konnte, ist das Nachbild Berlusconis verblasst - und die Gesellschaft, die hier noch so pittoresk im Delirium gezeigt wird, ist tatsächlich ja längst erwacht. Auch das gehört zu den harten Realitäten an diesem Wochenende: Wenn alle Ideen ihre Zeit haben, kommen manche eben auch einfach zu spät.

© SZ vom 19.05.2012/ihe/pak

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