64. Filmfestival Cannes: Midnight in Paris:Warmer Applaus für Paris

Lesezeit: 3 min

Aber sie ist mehr als das. Schnell spürt man, dass hier ein nicht mehr ganz junger Filmemacher letztlich auch über seinen eigenen Platz in der Filmgeschichte reflektiert, wo er sich selbst - das hat er oft gesagt - nur die Note B geben würde. Eben keiner der ganz Großen, einer, der die Sehnsucht noch kennt, in einer anderen Zeit gelebt, zwingendere Mittel des Ausdrucks gefunden zu haben.

Und das Paradoxe ist: Indem Woody Allen sich erstmals seit Jahren nicht mehr dem tragikomischen Zeitvertreib in London, Barcelona oder New York hingibt, sondern dieses Problem des alternden Künstlers ganz direkt angeht - in diesem Moment kommt er der Größe seiner Götter schon wieder viel näher, als er vermutlich ahnt.

Genie und Mittelmaß, Größe und Vergeblichkeit - die Franzosen dankten es Allen mit warmem Applaus, dass er sich gerade Paris ausgesucht hatte, um diesen Erkenntnissen auf so leichte und doch klarsichtige Weise nachzuspüren.

Dass Carla Bruni und Nicolas Sarkozy, lange voll Spannung erwartet, bei der Eröffnungsgala dann fehlen, war schließlich auch kein Problem. Bruni spielt, mit doch etwas laientheaterhaftem Einsatz der Hände, eine Führerin im Rodin-Museum, die dem Amerikaner in Paris auch mal als Übersetzerin aushilft. Ihre Rolle ist aber ganz in der Gegenwart verankert, nicht in der großen Vergangenheit. Und was davon zu halten ist, das macht die Muse Marion Cotillard dem Helden einmal unmissverständlich klar: "Ach, die Gegenwart - die ist doch langweilig."

Ein Verdikt, das umso schwerer wiegt, wenn man die Fortsetzung der Geschichte bedenkt, die Woody Allen - ganz auf Paris fixiert - verschweigt. In den Goldenen Zwanzigern wurde die Hauptstadt im Sommer auch schnell mal zu langweilig. Cole Porter war es vermutlich, der als erster auf die Idee kam, auch mal eine Villa am Cap d'Antibes zu mieten, nur ein paar Kilometer von Cannes entfernt. Ihm folgten Gerald und Sara Murphy, die berühmtesten Gastgeber der Dekade, die dafür sorgten, dass das Hotel du Cap den Sommer über geöffnet blieb. Picasso, Hemingway, Gertrude Stein und all die anderen folgten ihnen an die Riviera, und Zelda und F. Scott Fitzgerald, der später alles in "Tender Is the Night" verewigte.

Sollten Sie also in den nächsten Tagen gegen Mitternacht in Cannes vorbeikommen und einen sehnsuchtsvollen Kritiker am Quai des alten Hafens sitzen sehen, der auf eine festliche beleuchtete Oldtimer-Barke wartet, die ihn in eine andere, bessere Zeit entführen wird - dann wissen Sie Bescheid.

Zur SZ-Startseite

Lesen Sie mehr zum Thema