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6. Fotofestival Mannheim-Ludwigshafen-Heidelberg:Schöne prekäre Welt

Bittere Armut - und obszöner Reichtum. Das Fotofestival Mannheim-Ludwigshafen-Heidelberg zeigt die Gegensätze unserer Welt.

Von Paul Katzenberger

16 Bilder

Vogelsburg unter Regenbogen

Quelle: dpa

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Der Regenbogen hat sieben Farben, es gibt sieben Weltwunder und sieben Todsünden - die Zahl sieben wird mit den leuchtendsten aber auch mit den unseligsten Phänomenen der Erdengeschichte verbunden. Nun stellt das Fotofestival Mannheim-Ludwigshafen-Heidelberg diese Chiffre in den Mittelpunkt.

Der Schweizer Kurator Urs Stahel hat die mythische Zahl zum Orientierungspunkt erhoben, weil er sich zwar weniger mit Wundern und Todsünden beschäftigen wolle, wie er sagt, doch aber mit einem Zwischenreich - in sieben Ausstellungen, die brisante gesellschaftliche Themen wie zum Beispiel "Gewalt und Zerstörung" oder "Wissen, Ordnung, Macht" von allen Seiten beleuchten.

Allerdings nicht im Sinne der klaren Ansage: "Schaut her, die Welt ist böse", sondern in Form einer offenen Haltung, die die Komplexität und Ambivalenz der Dinge ernst nimmt. Wie ist etwa die Zukunftsgesellschaft mit ihrer rapiden Anhäufung von Wissen zu beurteilen? Auf die Frage kann auch der weitblickendste Fotokünstler keine eindeutige Auskunft erteilen - und so sind die Bilder des Festivals oft eher vertiefende Frage als Antwort.

Die sieben Spektralfarben des Lichts: Regenbogen über Vogelsburg (Bayern).

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Quelle: Henrik Spohler

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Stahel, der das Fotomuseum Winterthur gründete und zu einer der führenden Adressen für Fotografie in Europa machte, hat die sieben Ausstellungsorte in den drei Städten durchnummeriert. Das strenge Ordnungssystem biete uns den Schein von Halt, von "Alles in Ordnung" in einer Welt, in der vieles am Fließen, am Wegrutschen sei, argumentiert er.

Und tatsächlich ist schon das erste dieser Felder "High Tech, Logistik, Migration" im Ludwigshafener Wilhelm-Hack-Museum auf Schwemmland in diesem Sinne angelegt: Die Bilder von Henrik Spohler machen etwas so abstraktes wie die weltweiten Handelsströme in ihrer schieren Größe greifbar, doch die dargestellte Hyper-Ordnung erweckt auch Argwohn.

Autoverladung in Emden

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Quelle: Jim Goldberg

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Das Misstrauen ist nur allzu berechtigt, denn einige Meter weiter schreckt Jim Goldberg den Betrachter mit Porträts von geschundenen Flüchtlingen auf. Der Amerikaner, Voll-Mitglied der renommierten Agentur Magnum, hat sich einen Namen durch Langzeitprojekte mit gesellschaftlichen Randgruppen gemacht.

In der Serie "The New Europeans" wandte er sich schon 2007 dem europäischen Flüchtlingsdrama zu. In Ludwigshafen ist nun ein Exzerpt dieser Serie unter dem Titel "The Proof" zu sehen.

Im Kontrast zu Spohlers großflächiger Darstellung von Ordnung kann Goldbergs kaleidoskopische Präsentation von Chaos und Leid nur provozieren: Da wo Waren um die Welt geschleust werden, geht es sauber und proper zu. Sind es Menschen, so sind sie in Dreck und Speck unterwegs, und das auch nur, wenn sie Glück haben.

"Proof" (2009): Im Text rechts beschreibt das Mädchen im Bild seinen Leidensweg von Moldawien nach Griechenland. Auf ihren Armen steht auf russisch: Ich bin keine Ware.

Thomas Hirschhorn

Quelle: Thomas Hirschhorn

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Die provokantesten Bilder des ganzen Festivals finden sich schon einige Gehminuten weiter - im Ludwigshafener Kunstverein. Das Thema hier lautet "Gewalt und Zerstörung", was eigentlich nur als negativ besetzt gedacht werden kann. Doch auch diesen Schein von Halt unterminieren die Macher des Fotofestivals.

Denn es gibt eine Wechselwirkung zwischen Bildern und Gewalt, die über die reine Grausamkeit hinausreicht: Gewalt zieht Bilder an, so sehr, dass Kriegsfotografen immer wieder ihr Leben dafür geben. Aber die Bilder ziehen auch Gewalt an, denn die verleiht ihnen Kraft und Macht.

Besonders Thomas Hirschhorn weiß die Bildmächtigkeit der Gewalt in seinen Collagen einzusetzen. Er schont den Betrachter nicht, wenn er oberflächliche Glamour-Motive aus Mode und Werbung mit Aufnahmen extrem verstümmelter Körper kombiniert. Er legt vor oder hinter jedes Model einen Opferleib und verstärkt damit die Konfrontation mit dem, was die meisten von uns nicht akzeptieren wollen: die Grausamkeit gegen den Menschen in unserer modernen, vermeintlich zivilisierten Welt.

Nummer 19, aus der Serie Collage "Truth", 2012, Print Media, Tesafilm, Durchsichtige Plastikfolie, 42 x 36 cm, courtesy Galerie Susanna Kulli, Zürich

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Quelle: Nick Waplington

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Auch von Architektur kann Gewalt ausgehen, das zeigt das Fotofestival im Mannheimer "Zephyr - Raum für Fotografie", der das Thema "Urbanismus & Real Estate" als prekäres Feld geltend macht. Nick Waplington präsentiert dort Bilder, die den Einsatz von Architektur als Waffe verdeutlichen sollen.

Mehr als ein Jahr lang lebte der Engländer im besetzten Westjordanland unter jüdischen Siedlern und erlebte mit, wie sich deren Freiheitsdrang mit politischer Strategie mischt, wie jüdische Siedlungen entstehen, auch um andere Entwicklungen zu behindern und mögliche Gegner zu schwächen. Häuser werden zum Sinnbild der Aggression.

Bet Yonathan N 31 46.404 E. 035 14.085 640 Meter Ost, aus der Serie Siedlungen, 2014.

Aus der Serie Provisional Landscapes, 2002-2008 (Detail)

Quelle: Ai Weiwei

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Eine architektonische Zäsur der anderen Art stellt der chinesische Star-Künstler Ai Weiwei mit seinen "Provisional Landscapes" dar. Sie dokumentieren den Bruch, den die chinesische Regierung mit der traditionellen Bau- und Lebensstruktur bei ihrem durchgreifenden Neubau Pekings zu Beginn des Jahrtausends vollzogen hat.

Einst in Einstock-Bauweise gewachsen, schießt die Stadt nun unter dem Diktat der Ökonomie flächendeckend in die Höhe.

Aus der Serie Provisional Landscapes, 2002-2008 (Detail)

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Quelle: Laurence Bonvin

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Trotz dieser überwiegend niederdrückenden Beispiele deckt das Fotofestival auch Ambivalenzen auf.

Im Film "Sounds of Blikkiesdorp" gewährt Laurence Bonvins Einblicke in eine Blechbarackensiedlung außerhalb Kapstadts, in die Menschen wegen der Fußball-Weltmeisterschaft 2010 in Südafrika zwangsweise umgesiedelt wurden. Die Bewohner haben von ihren ärmlichen Behausungen allmählich Besitz ergriffen - und so der Trostlosigkeit eine menschliche Komponente der Behaglichkeit hinzugefügt.

Film Still aus "Sounds of Blikkiesdorp"

Film still aus "Inversion II", 2011

Quelle: Glenda Leon

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Die nächste Station des Fotofestivals ist die Mannheimer Kunsthalle, in der Urs Stahel das Thema "Geld und Gier" aufgreift. Keinem Sujet wohnt die Zwiespältigkeit der Welt so inne wie diesem. Es kann also gar nicht anders sein, dass Glenda Leons Verhältnis zum Geld von Defätismus geprägt sein muss, wo Laurence Bonvin gerade noch mit Optimismus auf die Armut in Kapstadt blickte.

In ihrem Video "Inversion II" kann man zusehen, wie jemand mit der Rasierklinge die Druckfarbe von einer Hundertdollarnote schabt und das resultierende grüne Pulver durch ein zusammengerolltes Lorbeer-Blatt schnupft. Die Kubanerin beschreibt unser Verhältnis zum Geld als etwas Pathologisches, während ...

Film Still aus "Inversion II", 2011

Paolo Woods & Paolo Galimberti "Heavens"

Quelle: Paolo Woods & Paolo Galimberti

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... Paolo Woods und Gabriele Galimberti auf die perversen Aspekte des Reichtums blicken. Die Fotografen bereisten zwei Jahre lang "The Heavens" - Steuerparadiese auf der ganzen Welt - und dokumentierten den Irrsinn, der sich dort breit gemacht hat.

Auf Grand Cayman begegneten sie etwa Mike Thalasinos, der die Firma Jetpack Cayman gegründet hat. Das Unternehmen bietet einen neuen Wassersport an: Ein Zwei-Liter-Motor pumpt Wasser in das Jetpack, das den Kunden aus dem Wasser katapultiert. Die halbe Stunde ist für 359 US-Dollar zu haben.

Dass sich dort, wo die Steuern abgeschafft wurden, die Mächtigen konzentrieren, illustrieren Woods/Galimberti durch die eindrucksvolle Ansammlung von Briefkästen auf den British Virgin Islands (BVI) - einem anderen Steuerparadies der Karibik.

Gerade einmal 30 000 Menschen leben auf dem Archipel, doch 800 000 Firmen sind dort gemeldet. Nur so ist es möglich, dass ein Ort, der weniger Einwohner zählt als Neumarkt in der Oberpfalz, der zweitgrößte Investor nach Hongkong in China ist.

Aus der Serie "The Heavens", Jahresbericht, 2015.

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Quelle: Ilit Azoulay

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Geld ist also Macht. Aber Wissen ist auch Macht. Dieser Gewissheit trägt das Fotofestival im Themencluster "Wissen, Ordnung, Macht" Rechnung, das in Mannheims moderner Kommunalgalerie "Port 25" arrangiert ist.

Im Zentrum dieser Schau steht Ilit Azoulays Multimedia-Installation "Gleitende Gewissheiten", die den Betrachter mit Aufnahmen und Objekten aus Israel aber auch Berlin, Dessau oder Regensburg auf die Manipulation von Wissen aufmerksam macht, ohne das freilich allzu verbiestert zu sehen.

Über den Audioguide erzählt die israelische Künstlerin dem Besucher mal längere, mal kürzere Geschichten, die zum Teil wahr sind, manchmal aber auch erfunden. Die Dinge, die es in Wirklichkeit nicht gegeben hat, sind Azoulays Meinung nach aber keine Lüge oder Fiktion, "sondern vielmehr etwas, das hätte passieren können". Das ist bei Weitem kein absurder Gedanke, denn erst durch das Durchdenken hypothetischer Situationen werden strukturelle Aussagen möglich. Die Wissenschaft macht sich das als Kontrafaktisches zunutze.

Wandbreites Spielzeug: Die Installationsansicht von der Serie "Shifting Degrees of Certainty"

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Quelle: Simone Demandt

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Diesem freien Ansatz stellen Simone Demandt und Yann Mingard verschlossene Konzeptionen von Wissensanhäufungen gegenüber: Die Deutsche Demandt mit ihren nächtlichen Laboransichten ...

Experimentalphysik II, Karlsruher Institut für Technologie, 2008, aus der Serie "Dunkle Labore", 2008/2009

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Quelle: Yann Mingard

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... und der Schweizer Mingard mit einer verstörenden Serie über globale Samenbanken. So sieht sie aus - die dunkle Seite der Wissensmacht.

Creavia, Saint-Aubin-du-Cormier, Frankreich, 2011, Bullen-Samenbank, Labor, aus der Serie Deposit, 2009-2013, courtesy Deposit - Yann Mingard.

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Quelle: Rico Scagliola & Michael Meier

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Zerrissenheit kennzeichnet auch die Ausstellung "Ich-Fest" & Selbst-Stress" in der Sammlung Prinzhorn in Heidelberg. Die Schweizer Künstler Rico Scagliola und Michael Meier bombardieren den Betrachter in ihrer geräuschvollen Zehnkanal-Video-Audio-Installation "Double Extension Beauty Tubes" mit gestellten Aufnahmen, die ausdrücken sollen, wie Jugendliche sich heute selbst sehen.

Die Dargestellten gehören der ersten Generation an, die von Geburt an mit digitalen Medien aufgewachsen ist und die die Bildwelten des Internets verinnerlicht hat. Das hat deutliche Auswirkungen: Oberfläche ist Trumpf, jeder ist sich selbst ein Superstar. Es wird übernommen, was Lady Gaga den jungen Leuten vorlebt: "Ich bin nicht echt. Ich bin Theater."

Filmstill aus "Double Extension Beauty Tubes", 2010, courtesy Rico Scagliola & Michael Meier. Collection Fotomuseum Winterthur

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Quelle: Maya Rochat

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Doch wie sieht es unter der ausgestellten Oberfläche aus? Sind die Persönlichkeiten, die sich da verbergen, der andauernd großen Aufmerksamkeit gewachsen, die das Internet heute jedem anbietet?

Die Schweizerin Maya Rochat hat da offensichtlich Zweifel, wie der ironische Titel ihrer Serie "Crystal Clear" zum Ausdruck bringt. In ihren Bildern legt sie die Strukturen unter der Oberfläche frei - zum Teil im wörtlichen Sinne - physisch, mechanisch am realen Objekt, wie bei der Aufnahme "Netz". Und siehe da: Der schöne Schein löst sich in einer brüchigen Anatomie auf.

"Netz", 2014, aus der Serie Crystal Clear, 2013/2014

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Quelle: Trevor Pageln

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Der Drang, sich im Netz darzustellen, fördert allerdings nicht nur den Narzissmus, sondern er ermöglicht auch Kontrolle durch Dritte in bislang ungekanntem Ausmaß. Das Themenfeld "Kommunikation und Kontrolle" widmet sich diesem Problem, mit dem der Kurator seinen Parforce-Ritt durch die prekären Felder dieser Welt im Heidelberger Kunstverein beschließt.

Die Überwachung im Zeichen des Kommerzes und im Zeichen der politischen Kontrolle kontert etwa der amerikanische Fotokünstler Trevor Paglen, indem er selbst zum Beschatter wird. Mit extremen Brennweiten schafft er es, Fotografien von geheimen Militäranlagen (im Bild) zu erstellen, mit Hilfe einer eigens entwickelten Software beobachtet er die verschiedenen Raumflugkörper am Nachthimmel, vor den Sternen und Sternennebeln. Sein Werk will ein visuelles Wikileak sein.

Milstar 3 in Sagittarius (Inactive Communication and Targeting Satellite; USA 143), 2008, courtesy Galerie Thomas Zander, Köln / Altman Siegel Gallery, San Francisco / Metro Pictures, New York

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Quelle: Trevor Pageln

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Und so erscheint der Himmel über Heidelberg mit seiner Ominpräsenz von Satelliten und Überwachungskameras am Ende des Rundgangs durch das diesjährige Fotofestival weniger friedlich als noch zu Beginn.

Urs Stahel ist das recht. Die ganze Gesellschaft prekarisiere, sagt er, ohne dass wir das richtig wahrnähmen: "Wir weigern uns häufig, sie uns genauer anzusehen, weil wir unserem Alltag nachgehen. Wir alle, auch ich, sollten sie uns anschauen, weil sich da untergründig langsam Dinge entwickeln, die größeres Ausmaß haben werden."

"Milstar 3 in Sagittarius" (Inactive Communication and Targeting Satellite; USA 143), 2008, courtesy Galerie Thomas Zander, Köln / Altman Siegel Gallery, San Francisco / Metro Pictures, New York

Ausstellung "7 Orte, 7 Prekäre Felder" (Kurator: Urs Stahel) Mannheim, Ludwigshafen, Heidelberg bis zum 15. November 2015, Der dazugehörige Katalog, 272 Seiten, herausgegeben von Urs Stahel, Kehrer-Verlag, kostet in den Ausstellungen 25 Euro und im Buchhandel 29,90 Euro.

© SZ.de/mane/jobr
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