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46. Filmfestival Karlovy Vary:Kampf um den Selbstwert

British actress Judi Dench arrives at the opening ceremony of the 46th Karlovy Vary International Film Festival in Karlovy Vary

Judi Dench fährt vor dem Karlsbader Premierenpalast vor. Der Stargast des Festivals erlangte weltweite Bekanntheit in der Rolle der "M" seit dem James-Bond-Klassiker "GoldenEye" von 1995. In Karlovy Vary wurde sie für ihr Lebenswerk ausgezeichnet.

(Foto: REUTERS)

"Romeo 11", der im Milieu der libanesischen Minderheit in Montreal spielt, adressiert dabei neben dem ganz persönlichen Kampf Ramis mit seinem Körper und um seinen Selbstwert die generelle Frage nach kultureller Zugehörigkeit im Widerspruch zu freier Selbstentfaltung. Er habe eine Geschichte von allgemeiner Bedeutung in einer ganz speziellen Umgebung erzählen wollen, sagte Grbovic in Karlsbad dazu.

Das Anliegen, universell wichtige Themen in spezifische Sphären zu betten, war in vielen Filmen dieses Festivals zu spüren. Im russischen Wettbewerbsbeitrag "Beduin - Beduine" erzählt Regisseur Igor Woloschin beispielsweise die Geschichte der Ukrainerin Rita (Olga Simonova), die sich von einem homosexuellen Paar aus St. Petersburg als Leihmutter engagieren lässt, um die Behandlung für ihre leukämiekranke Tochter zu bezahlen.

Doch der Plan scheitert, Rita schlittert von einer Katastrophe in die nächste, bevor sie sich völlig neu erfindet und so doch noch Erlösung findet. Der Film, der sehr von der Kameraarbeit Alexej Rodionovs profitiert, wirkt am Ende allerdings zu konstruiert. Was wie eine skurrile Gräuelgeschichte erscheint, die nur in Russland erdacht werden kann, ist für Woloschin ein "Spiegel der modernen Gesellschaft in allen zivilisierten Ländern". Er skizziere die moderne Gesellschaft, die unglücklichen Menschen das Blut aussauge.

Ähnliche Allgemeingültigkeit reklamierte der Italiener Andrea Molaoili für seinen Wettbewerbsbeitrag "Das Juwel - Il gioiellino", dem der tatsächliche Finanzskandal bei dem italienischen Lebensmittelkonzern Parmalat im Jahr 2003 zu Grunde liegt.

Aus "Parmalat" wird in dem Film "Leda", ein ursprünglich mittelständisches Unternehmen aus der italienischen Provinz, das sich aus Größenwahn all der toxischen Finanzinstrumente bedient, die die Welt bei der Immobilienkrise wenige Jahre später an den finanziellen Abgrund führen sollten. An den Fall Parmalat erinnern sich in Deutschland höchstens noch die Experten, für Molaoili ist "Das Juwel" aber nach wie vor relevant: "Der Grundfehler bestand darin, dass wir glaubten, allein aus Geld ließe sich immer noch mehr Geld machen. Die Finanzkrise hat gezeigt, dass dieses Konzept gescheitert ist, auch wenn einige seiner Befürworter immer noch so handeln, als ob nichts passiert sei."

Wichtige Nebenreihen

Der Hauptpreis des Festivals ging allerdings an einen Film, der sich von der politisch-allegorischen Filmtradition seines Heimatlandes ganz bewusst abgrenzt: Stellte das israelische Kino bislang gerne politische Bezüge her, so setzt das Drama "Restauration - Restoration" von Regisseur Joseph Madmony ganz auf die Komplexität der dargestellten Figuren. Erzählt wird die Geschichte von Jaakov Fidelman (Sasso Gabay), einem Restaurateur antiker Möbel, der nach dem Tod seines Geschäftspartners vor dem Konkurs steht. Sein entfremdeter Sohn Noah (Nevo Kimchi) setzt ihn unter Druck, das Geschäft gegen seinen Willen zu verkaufen. Unverhofft bietet sich ein Lösung, als sich Lehrling Anton (Henry David) anbietet, den heruntergekommenen Steinway-Flügel aus der Gerümpelecke des Ladens zu restaurieren. Durch den Verkauf des wertvollen Stücks wäre das Geschäft gerettet.

Madmonys subtile Dreiecksgeschichte ist bildgewaltig, reflektiv in der Gangart und griesgrämig im Ton. Die Figuren wirken glaubwürdig und die Emotionen echt - der Film hat sich den mit 30.000 Dollar dotierten Kristallglobus verdient.

Der Wettbewerb ist allerdings nur eine der Attraktionen des Karlsbader Festivals - viele der professionellen Festivalbesucher kommen vor allem wegen der Nebenreihen in den Kurort. Denn wer auf einem der Großfestivals ein Highlight versäumt hat, bekommt es nirgendwo so bequem noch vor den Kinopremieren serviert wie in Karlsbad.

Die Liste der Attraktionen dieser Festivalsaison reichte in diesem Jahr von "Attenberg", "Post mortem" und "Mehrheit - Cogunluk" (alle Venedig 2010) über "Nader und Simin - eine Trennung" (Berlin 2011) zu einer besonders großen Auswahl von Filmen, die in diesem Jahr in Cannes aufgefallen waren. Zu dieser eindrucksvollen Parade zählten nicht nur der Goldene-Palme-Gewinner "The Tree of Life" von Terrence Malick sondern auch die beiden Grand-Prix-Prämierungen "Der Junge mit dem Fahrrad" der Gebrüder Dardenne sowie "Es war einmal in Anatolien" der türkischen Regiegröße Nuri Bilge Ceylan neben zahlreichen weiteren Glanzstücken wie Akis Kaurismäkis "Le Havre", Andreas Dresens "Halt auf freier Strecke" und Andrej Zvjagintsevs "Jelena".

"Welches andere Festival zeigt das Beste vom Besten von den diesjährigen Wettbewerben in Cannes gerade einmal sechs Wochen nachdem die Goldene Palme verliehen worden ist", fragte die englische Filmbibel Screen International angesichts dieses üppigen Aufgebots.

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