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42. Internationales Filmfestival Karlsbad:Wenigstens Starpower

Renée Zellweger

Gut gelaunt trotz schlechtem Wetter: Renée Zellweger in Karlsbad.

Eine Woche sommerlicher Dauerregen verdrießen irgendwann einmal jeden: Die typische Leichtigkeit des Filmfestivals in Karlsbad ging in diesem Jahr etwas abhanden. Glücklicherweise retteten die geladenen Gäste die Stimmung.

Von Paul Katzenberger

Am Schluss passte alles beim diesjährigen Filmfestival im böhmischen Karlovy Vary (Karlsbad). Denn mit dem Kristallglobus ging der Hauptpreis des Festivals an einen Film, der in seiner Düsterkeit gut zu dem einwöchigen Dauerregen passte, mit dem die Filmschau in dem Kurort bei ihrer 42. Austragung zu kämpfen hatte.

Ob der isländische Wettbewerbsgewinner "Mýrin" ("Jar City") von Regisseur Baltasar Kormákur allerdings ein guter Botschafter für das Karlsbader Festival sein wird, muss sich erst noch weisen.

In seiner Heimat Island hat Mýrin zwar schon jetzt alle Kassenrekorde gebrochen und mit 100.000 Besuchern ein Drittel der gesamten Bevölkerung in die Kinos der Nordatlantikinsel gelockt. Doch die skandinavische Schwerblütigkeit, die Mýrin sehr erkennbar vermittelt, könnte sich für das Kinopublikum in anderen Ländern doch als etwas schwer verdaulich erweisen.

Klassischer Krimi

Als klassischer Krimi, der auf der Vorlage von Arnaldur Indridasons Bestseller "Verschmutztes Blut" beruht, setzt Mýrin den Zuschauer gemeinsam mit dem Kriminalpolizisten Erlendur (Ingvar Sigurdsson) auf die Spur eines Mordes, der in rätselhaftem Zusammenhang mit dem Tod eines Mädchens im Jahre 1974 zu stehen scheint.

Die im dunklen Reykjavik spielende Geschichte erfordert die gesamte Aufmerksamkeit des Zuschauers, weil sie sich immer mehr verwickelt, bevor sie sich durch eine überraschende Wendung auflöst.

Das ist schwerer Tobak, der in einem gewissen Widerspruch zum Karlsbader Festival steht. Denn eigentlich ist die Leichtigkeit das klassische Markenzeichen dieses Filmfestes.

Promifaktor

Verhindern beim weltwichtigsten Filmfestival in Cannes allein schon schiere Größe und die Medienpräsenz jede Ungezwungenheit, so präsentiert sich das Weltkino in Karlsbad wesentlich unprätentiöser. Auf den Promifaktor müssen die Karlsbad-Besucher gleichwohl nicht verzichten - im Gegenteil: Die Chance einem richtigen Star leibhaftig ansichtig zu werden, ist in dieser familiären Atmosphäre sogar größer.

So fanden in den vergangenen Jahren Morgan Freeman, Harvey Keitel, Robert Redford, Sharon Stone oder Andy Garcia den Weg nach Böhmen und auch in diesem Jahr fuhren mit einer gut gelaunten Renée Zellweger und Danny DeVito große Hollywood-Stars vor dem Großen Saal des Hotels Thermal vor.

Danny De Vito und Vaclav Havel

Prominenz unter sich: Der amerikanische Schauspieler Danny DeVito (links) mit Tschechiens Alt-Präsident Vaclav Havel.

(Foto: Foto: Film Servis Festival Karlovy Vary)

Zellweger eröffnete das Festival gewissermaßen mit der Vorstellung ihres Films "Miss Potter" und verbreitete mit ihrer unkomplizierten Art gute Laune. Danny DeVito, der aus Anlass seines Wettbewerbsbeitrags "The Good Night" an der Abschlusszeremonie teilnahm, erwies sich einmal mehr als Spaßvogel.

Wegen Ereignissen wie diesen lockt der verschlafene Kurort schon seit Jahren in der ersten Juliwoche besonders viele junge Cineasten an, die den Ort vorübergehend in Beschlag nehmen: Statt Rentnern, die aus Schnabeltassen Heilwasser trinken, prägen so während des Festivals Rucksacktouristen in Partylaune die Atmosphäre des Heilbades.

Doch die gute Laune war in diesem Jahr weniger spürbar als in den Vorjahren, was zunächst wohl weniger am Festival und seinen Besuchern lag, als vielmehr am einwöchigen Dauerregen.

Zu allem Überfluss hatten die Verantwortlichen in diesem Jahr zudem erstmals auf die Produktion eines Trailers verzichtet, und das machte sich besonders schmerzhaft bemerkbar. Denn ohne Trailer fehlte dem Festival neben der Sommerstimmung ein weiteres Markenzeichen: Bei den allseits beliebten Mini-Filmen, die dem Festival in den Vorjahren immer ein Motto gaben und bei keiner Aufführung fehlten, hatten tschechische Künstler wie Petr Zelenka oder František Skála ihre ganze Kreativität ausleben können und somit für zusätzliche Leichtigkeit gesorgt.

Noch immer legendär ist etwa der Trailer Tros Sketos", den David Ondříček für das Festival 2002 schuf. Die drei unnachahmlichen Variety-Figuren wurde vermisst.

Insofern passte es allerdings fast schon zum diesjährigen Festival, dass mit "Mýrin" ein besonders schwermütiger und dunkler Film den Hauptpreis gewann.

Im erweiterten Favoritenkreis

Bei den Beobachtern zählte der isländische Beitrag zwar zum erweiterten Favoritenkreis für den mit 20.000 Dollar dotierten Kristallglobus, doch vor allem der französische Wettbewerbsfilm "Dialogue avec mon jardinier" ("Gespräch mit meinem Gärtner") schien noch klarere Chancen auf den Sieg zu haben.

Der Film von Regisseur Jean Becker über die Freundschaft zweier Mittfünfziger blieb schließlich allerdings ohne jede Würdigung der Jury und teilte damit das Schicksal des polnischen Beitrags "Plac Zbawiciela" ("Platz des Erlösers"), der ebenfalls als favorisiert gegolten hatte und gleichwohl leer ausging.

Im Gegensatz dazu konnte der russische Wettbewerbsfilm "Prostije Veschtschi" ("Einfache Sachen") seiner Favoritenrolle zumindest teilweise gerecht werden. Das Drama von Regisseur Alexej Popogrebskij über die Alltagssorgen eines schlecht verdienenden Arztes in St. Petersburg war der Jury eine besondere Erwähnung wert, zudem wurde Hauptdarsteller Sergej Puskepalis als bester Schauspieler des Wettbewerbs ausgezeichnet.

Solide Leistungen

Damit würdigte die Jury unter Peter Bart, Chefredakteur der Cineasten-Bibel Variety, insgesamt solide Leistungen. Ein wirkliches Meisterwerk war in diesem Jahr in Karlsbad allerdings nicht im Wettbewerb - im Gegensatz zu manchem Vorjahr. Denn in der Vergangenheit konnten die Karlsbader Festivalmacher schon den ein oder anderen Überraschungscoup landen, indem sie Filme zeigten, die in der Folge hohe Preis abräumten. Als Beleg dienen Erfolge wie die "Wunderbare Welt der Amelie", "Nirgendwo in Afrika" und "Les Choristes", die ihre internationalen Premieren in der böhmischen Kurstadt feierten.

Ein ähnlicher Erfolg dürfte in diesem Jahr nur schwer zu wiederholen sein, was allerdings nur den Gegebenheiten entspricht, denen sich auch ein A-Festival wie Karlsbad nicht ganz entziehen kann: Eingeklemmt zwischen Cannes (Mai) und Venedig (September) ist es für kleinere Festivals wie Moskau (Juni) oder Karlsbad schwierig, die ganz großen Namen und Produktionen zu bekommen.

Vielleicht gelang es dem Karlsbader Festival aber gerade deswegen eine Art übergreifendes Thema zu entwickeln, da sich auffallend viele Filme dieses Wettbewerbsjahrgangs dem wenig reißerischen Thema "familiäre Konflikte" widmeten. Dass dieser Stoff je nach Land und betroffener Generation gleichwohl spannend und vielschichtig sein kann, ließ sich an den Beträgen "Prostije Veschtschi", "Plac Zbawiciela", "Karger" aus Deutschland sowie "Vratné lahve" ("Pfandflaschen") aus Tschechien schön studieren.

Tschechisches Heimspiel

Während der deutsche Beitrag "Karger" von Elke Hauck über die Probleme der Mittdreißiger in Ostdeutschland allerdings nur wenig Aufmerksamkeit fand, löste der tschechische Beitrag "Vratné lahve" wohl den größten Rummel um sich aus.

Statten dem Filmfestival in Karlsbad regelmäßig einen Besuch ab: Altpräsident Vaclav Havel mit der früheren "First Lady" Dagmar Havlová.

(Foto: Foto: Film Servis Festival Karlovy Vary)

Zu einem großen Teil lag das am Heimvorteil, den das überwiegend tschechische Publikum dem Film verschaffte, indem es sich in all seine Vorstellungen hineindrängte. Fast schon folgerichtig erhielt "Pfandflaschen" den Zuschauerpreis, wohingegen die Würdigung durch die Experten der Jury verhaltener ausfiel: Sie verlieh Drehbuchautor und Hauptdarsteller Zdeněk Svěrák den Preis für das beste Drehbuch, während dessen Filius und Regisseur Jan Svěrák leer ausging.

Das erfolgsverwöhnte Vater-und-Sohn-Duo, das 1996 für "Kolja" den Oscar nach Tschechien geholt hatte, dürfte sich für seinen neuen Film mehr erhofft haben. Die Komödie über einen pensionierten Lehrer, der an der Pfandflaschenrückgabe eines Supermarktes eine neue berufliche Herausforderung findet, bietet in der Tat gute Unterhaltung, doch für die ganz große Auszeichnung erwies sich der Film als nicht hintergründig genug. Die Entscheidung der Jury war insofern nachvollziehbar.

Wichtigste Plattform für osteuropäische Filme

Neben dem Wettbewerb zieht in Karlsbad auch die Nebenreihe "East of the West" größeres Interesse auf sich. Seit ihrer Einführung im Jahre 1994 hat sie sich als weltweit wichtigste Plattform für osteuropäische Filmproduktionen etabliert, und gewann seit 2005 durch die Auslobung eines Wettbewerbs zusätzlich an Bedeutung.

Dritter Preisträger des mit 250.000 tschechischen Kronen (etwa 8900 Euro) dotierten East-of-the-West-Awards wurde in diesem Jahr der Kroate Ognjen Sviličić, der in Karlsbad mit "Armin" vertreten war.

Der Film handelt von einem Konflikt zwischen dem 14-jährigen Armin (Armin Omerović-Muhedin) und seinem Vater Ibro (Emir Hadžihafizbegović). Nachdem Armin eine große Chance zu haben scheint, nimmt der Vater jede Demütigung in Kauf, damit sich die scheinbar einzigartige Möglichkeit erfüllt. Der Junge beginnt deswegen am Verhältnis zu seinem Vater zu zweifeln, doch ein unerwartetes Angebot lässt das Vertrauen wieder wachsen.

Deutscher Erfolg

Auch aus deutscher Sicht gab es in Karlsbad einen Erfolg zu feiern. Regisseur Matthias Luthardt wurde für "Pingpong" der Hauptpreis des Tschechischen Fernsehens (ČT) zugesprochen. Das Kammerspiel mit vier Personen habe "Herz und Seele", begründete die Jury die Wahl in der Sektion "Unabhängige Kamera".

In dem vom MDR koproduzierten Film taucht der Jugendliche Paul (Sebastian Urzendowsky) nach dem Tod seines Vaters unangekündigt bei seinem Onkel auf und löst dadurch allerlei Verwicklungen aus.

Auch abseits des Wettbewerbs ging es in Karlsbad in diesem Jahr also viel um familiäre Konflikte, die einen guten Stoff für das Weltkino abgeben. Schließlich eignet sich kaum ein Sujet besser, um fremde Länder und Kulturen im Kinosessel zu erfahren.

So blieb sich das Karlsbader Filmfestival auch in diesem Jahr letztendlich treu: Mit seiner traditionell hohen Anzahl von Beiträgen aus hierzulande weniger bekannten Filmländern stärkte es mit dem Gegenstand "Auseinandersetzungen in Familien" vielleicht einen neuen Trend, für den der diesjährige chinesische Berlinale-Siegerfilm "Tu Ya De Hun Shi" ("Tujas Hochzeit") bereits ein Signal war.

© sueddeutsche.de
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