32. Internationales Filmfestival Istanbul:Menschen, die sich selber etwas vormachen

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Zudem dient das Festival dem Filmland Türkei als Schaufenster: Semih Kaplanolu und Nuri Bilge Ceylan hatten hier ihre ersten großen Auftritte, bevor sie später bei der Berlinale und in Cannes für Furore sorgten.

Renommee als Filmemacherin hat sich auch Asli Özge erarbeitet, die sich mit "Men on the Bridge" nicht nur einem breiteren Publikum in der Türkei bekannt gemacht hat, sondern es mit dem Sozialdrama 2010 sogar in die deutschen Kinos schaffte.

Handelte "Men on the Bridge" noch im Arbeitermilieu, so wendet sich Özge in ihrem aktuellen Film "Hayatboyu - Lifelong" der Istanbuler Oberschicht zu: Die gefeierte Künstlerin Ela (Defne Halman) und der erfolgreiche Architekt Can (Hakan Cimenser) scheinen es geschafft zu haben und führen nach außen hin eine glückliche Ehe. Doch in Wahrheit sind die Gefühle füreinander erloschen. Tochter Nil (Gizem Akman) ist inzwischen aus dem Haus - eigentlich könnten sich Ela und Can trennen, und so einem jeweils neuem Leben eine Chance geben. Doch das würde auch heißen, die Annehmlichkeiten der Fassade aufs Spiel zu setzen, und so schafft es keiner der beiden Eheleute, aus den gewohnten Bahnen auszubrechen und leidet lieber weiter.

32. Internationales Filmfestival Istanbul: Die Ehe ist schal geworden: Szene mit Defne Halman (links) und Hakan Cimenser aus Asil Özges aktuellem Film "Lifelong".

Die Ehe ist schal geworden: Szene mit Defne Halman (links) und Hakan Cimenser aus Asil Özges aktuellem Film "Lifelong".

(Foto: Festival)

Sie habe zeigen wollen, dass sich Menschen immer wieder selbst etwas vormachten, indem sie sich einredeten, es sei alles ok, sagte Özge in Istanbul zu den Beweggründen für ihren Film: "Das macht es aber schwerer, den Mut für Veränderung zu finden und sich auf das Neue und Unbekannte zuzubewegen."

Menschen, die dem sauer gewordenen Alltag nicht entkommen können, sind ein typisches Problem von säkularen Wohlstandsgesellschaften und "Lifelong" zeigt die Türkei als solche in einer Weise, die sich vom westlichen Autorenkino kaum unterscheidet.

Wenn sich die Zivilgesellschaft im eigenen Kino findet

Ob darin schon ein Trend des türkischen Kinos zu sehen ist, sei dahin gestellt. Auffällig war in Istanbul jedenfalls, dass viele türkische Beiträge den gesellschaftlichen Alltag als Thema aufgriffen, so etwa auch der Siegerfilm des nationalen Wettbewerbs, "Sen Aydinlatirsin Geceyi - Thou Gild'st the even". Regisseur Onor Ünlü beschreibt in dem Psychodrama das Leben von Menschen in einer kleinen anatolischen Stadt, die trotz außerordentlicher Fähigkeiten von Sorgen und Ängsten bedrängt werden. Es sei ihm um die Essenz der Humanität gegangen, sagte Ünlü in Istanbul und lag damit nah an den Anliegen Özges und vieler weiterer türkischer Filmemacher, die am Bosporus zu sehen waren.

Humane Stoffe sind ein gutes Zeichen - sie stehen wohl für eine Gesellschaft im Aufschwung, die ihre Probleme immer stärker im Alltag findet. Dennoch fiel auf, dass politische Themen, die es mit dem Kurden-Konflikt und dem bislang kaum aufgearbeiteten Genozid an Armeniern 1915/16 durchaus gäbe, nur in wenigen Filmen wie Lusin Dinks "Saroyanland" oder Hatice Kamers "My Mother's Compass" behandelt wurden.

Doch wie sagte Costa-Gavras: "Jedes Kino ist politisch." Für die Türkei könnte das bedeuten, dass die Zivilgesellschaft, die sich mehr und mehr im eigenen Kino findet, ihr kulturelles Erbe künftig mit noch breiterer Brust zu verteidigen weiß.

Der Besuch des Filmfestivals Istanbul wurde teilweise vom Veranstalter unterstützt.

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