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300. Geburtstag von Leopold Mozart:Ein bewegender Bildungsroman

Vor dreihundert Jahren wurde Leopold Mozart geboren. Der Komponist schuf als begnadeter Pädagoge die Basis für das Genie seines Sohnes.

Als vor Kurzem die fabelhaften Jussen-Brüder, das holländische Klavierduo, in einer Talkshow gefragt wurde, wie sie es als Musiker so weit bringen konnten und welche Rolle die Eltern dabei spielten, imitierte der jüngere eine schlagende Handbewegung. Die Ironie kam bei der Moderatorin nur bruchstückhaft an, sie verbalisierte die Pantomime so: Eine gewisse Strenge sei wohl vonnöten. Die kleine Szene beinhaltet alle wesentlichen Missverständnisse im Umgang mit begabten Kindern. Demnach ist es der Normalzustand eines Kindes, nichts Neues lernen zu wollen, schon gar nichts Musikalisches. Folglich funktioniert Entwicklung nur unter Zwang, also mit Gewalt, und sei sie noch so subtil. Es geht dann mehr um "Grenzen setzen" statt darum, die persönliche Entfaltung zu unterstützen.

Leopold Mozart, der Vater von Wolfgang Amadé, dachte anders. Er förderte Sohn und Tochter nach Kräften, statt auszubremsen. Selten, etwa wenn Wolfgang um Mitternacht noch immer am Klavier improvisierte, schritt er autoritär ein. Im Übrigen war er Vorbild und fleißiger Lehrer, vom Sohn innig geliebt. Es gibt wohl wenige Vater-Sohn-Beziehungen dieser Art, die zudem einigermaßen gut dokumentiert sind. Gegenseitige Zuneigung und sogar Bewunderung bilden hier das Fundament einer Beziehung, die kaum fruchtbarer hätte sein können. Leopold hat die Entwicklungsprozesse seines Sohnes genau beobachtet und deren Bedingungen reflektiert.

Der Augsburger Buchbinder-Sohn war belesen und ein glühender Anhänger der Aufklärung. Die ging einher mit einem neuen Denken von Erziehung, Entwicklung, Charakter- und Geistesbildung. Leopold Mozart hat sich schon nach der Geburt seiner Tochter intensiv mit Erziehungsfragen beschäftigt, las den "Traité de l'éducation des filles" von François Fénelon, traf den Arzt Samuel Tissot, der sich mit dem Nervensystem des kindlichen Genies beschäftigte und einen Bericht über Wolfgang Amadé verfasste.

Die Musikwissenschaftlerin Silke Leopold verweist in ihrer jüngst erschienenen Biografie über Leopold Mozart zu Recht auf Johann Georg Sulzers "Versuch einiger vernünftiger Gedanken von der Auferziehung und Unterweisung der Kinder" von 1745 - ein Bestseller seiner Zeit. Bekannt wurde Sulzer dreißig Jahre später durch seine "Allgemeine Theorie der Schönen Künste". Das hing nun alles zusammen und bildete noch die Grundlage für die romantische Theorie. Leopold Mozart, der spätestens mit seiner Violinschule zum international beachteten Musiklehrer avancierte, besaß nicht nur pädagogisches Geschick, sondern auch ein stets reflektiertes Verantwortungsgefühl.

Dass seine Kunst mehr war als alltägliches Handwerk, interessierte die Nachwelt kaum

Zunächst wollte er seine Kinder Wolfgang und Nannerl gar nicht selbst unterrichten, suchte nach einem geeigneten Lehrer. Doch je mehr ihm das ungeheure Talent des Sohnes bewusst wurde, fühlte er sich verpflichtet, es als Gottesgeschenk anzunehmen und sein eigenes Künstlerleben hintanzustellen. Dass seine Kunst mehr war als nur alltägliches Handwerk eines Hofmusikers, interessierte die Nachwelt kaum. Schon gar nicht, dass er als Komponist von irgendeiner Bedeutung für Wolfgang Amadé gewesen sein könnte.

Der Musikologe Laurenz Lütteken hat in seiner Mozart-Beschreibung von 2017 die Qualitäten der Symphonien Leopolds gerade vor dem Hintergrund der Aufklärung detailliert gewürdigt. Leopold hatte sich an einer zwischen Paris und Berlin tobenden Ästhetikdebatte von Salzburg aus beteiligt. Es ging um einen neuen Freiheitsbegriff in der Betrachtung der musikalischen Fantasie. Der Musiktheoretiker Friedrich Wilhelm Marpurg verstand die französische Musik als Domestizierung der freien Fantasie, sein Kollege Agricola verteidigte die ungebundene Fantasie der Italiener. Karl Wilhelm Ramler und Moses Mendelssohn haben den Diskurs später in eine allgemeinere Debatte überführt.

Portrait of Leopold Mozart

Leopold Mozart, geboren am 14. November 1719, war Hofmusiker in Salzburg, Komponist und ein außergewöhnliches pädagogisches Talent. Dieses Porträt von Pietro Antonio Lorenzoni entstand um 1765.

(Foto: Gemeinfrei)

Während man in Paris theoretisierte, führten in Deutschland die Musiker selbst das Wort. Leopolds Violinschule, sein Vorwort dazu, aber auch seine Kompositionen durfte man dabei als gezieltes Statement für die imagination als wesentliche schöpferische Kraft verstehen. Nicht die virtuose Nachahmung, sondern die Entwicklung eigener Vorstellungskraft ist für ihn entscheidend. Natürlich gelten handwerkliche Regeln, aber für das Gelingen oder die Schönheit eines Werkes zähle allein die Wirkung beim Hörer. Für das künstlerische Bewusstsein des Sohnes wird diese Einstellung später Folgen haben; Wolfgang Amadé ist besonders versiert darin, die Emotionen des Publikums zu lenken Davon berichtet er stolz dem Vater. Leopold selber schrieb in diesem Zusammenhang vier programmatische Symphonien mit entsprechenden Titeln.

Die ersten beiden firmieren unter "De gustibus non est disputandum", die beiden übrigen unter "Non è bello quello che è bello ma quello che piace" - es gibt nichts Schönes außer dem, was gefällt. In der Konzertpraxis haben neben dem Trompetenkonzert allerdings drei andere Sinfonien Leopolds überlebt: Musikalische Schlittenfahrt, Jagdsinfonie, Kindersinfonie - in deren Gesangseinlage jener Mozartsche Humor aufblitzt, den man beim Sohn in Wort und Ton wiederfindet.

Diese Sinfonien werden aber meist in biedermeierlicher Schlichtheit geboten, einer Mischung aus Dilettantismus und Spießertum, die man Leopold stets unterstellte. Wolfgang Hildesheimer hat dieses Bild in seinen sonst anrührenden Mozart-Meditationen 1977 leider noch einmal zementiert. Wider besseren Wissens? Leopold Mozart war nicht nur in theologischen und philosophischen Fragen ein informierter und aufgeklärter Geist, er war auch als Komponist auf der Höhe der Zeit,vertraut mit Fux, Marpurg, Scheibe, Rameau und anderen einflussreichen Musikern und Theoretikern. Als Komponist war er neben den Bach-Söhnen und Michael Haydn wichtigstes Vorbild für Wolfgang Amadé.

Leopold war begabt und gebildet genug, um das ungewöhnliche Talent seines Sohnes zu erkennen

Dieter Riesenberger geht in seiner Biografie so weit zu formulieren, dass der Komponist Wolfgang Amadé Mozart auf den Schultern Leopolds stehe. Dabei hat dieser immer versucht, den Sohn auf die Musik der anderen aufmerksam zu machen, hat ihn auch bereits verlorene Techniken studieren lassen, den Kontrapunkt, den der Sohn bei Padre Martini in Bologna und in den Noten Johann Sebastian Bachs lernte. Das Ergebnis? Selten hat ein Sohn seinen Vater so überstrahlt. Es ist dem frühromantischen Idealismus und späteren nationalistischen Übertreibungen zu verdanken, dass die Kluft zwischen Genie und Dilettant noch unüberbrückbarer gezeichnet wurde, als sie natürlicherweise ist. Als sie zwischen Bach und seinen Söhnen herrschte und erst recht zwischen Wolfgang und Leopold. Der hat das selbst nicht anders gesehen. Michael Lemster erzählt in seiner Clan-Geschichte "Die Mozarts" von dem Moment der väterlichen Peripetie, wie sie vom Trompeter Johann Andreas Schachtner, ein Freund der Familie, überliefert ist.

Demnach kam Leopold eines Tages von der Kirche nach Hause und fand den Fünfjährigen komponierend am Klavier. Er besah das Notenblatt - darauf ein halb fertiges aber nach allen Regeln der Kunst konzipiertes Klavierkonzert - und brach in Tränen aus. Einerlei, ob sich das nun so zugetragen hat - es beschreibt Leopolds Fähigkeit, aufgeklärten Geist und Gefühlsleben auf einen Nenner zu bringen. Vielleicht war genau dies sein pädagogisches Genie. Leopold war selbst begabt und gebildet genug, um das ungewöhnliche Talent seines Sohnes zu erkennen. Das war vielleicht auch leichter in einer Zeit, in der persönliche Leistung geschätzt wurde, in der nicht Chancengleichheit als Ergebnisgleichheit verstanden wurde. Auch damals gab es Neid, und man kann Leopold nicht nachsagen, er habe das Licht Wolfgangs unter den Scheffel gestellt, aber die Anerkennung einer außergewöhnlichen Leistung war Gemeinplatz.

Für den Bewunderten galt allerdings das Bescheidenheitsgebot. Auch dies war eines der Erziehungsziele Leopolds, wie man den Mozart'schen Briefen entnehmen kann. Die sind nach wie vor Hauptquelle aller Mozart-Erzählungen. Leider sind zahlreiche Briefe zwischen Leopold und Wolfgang, offenbar sämtliche der letzten zehn Lebensjahre, verschollen. Oder verschollen worden, wenn man bedenkt, wie die Witwe im Nachlass wütete, um für sie Unvorteilhaftes zu eliminieren.

Zu Leopold Mozarts 300. Geburtstag

Leopold Mozarts "Versuch einer gründlichen Violinschule" im Erstdruck von 1756.

(Foto: dpa)

Silke Leopold spekuliert, das Verschwinden der Briefe könne mit den Interessen der konkurrierenden Nachlassverwalterinnen Schwester Nannerl und Witwe Constanze zusammenhängen. Die Briefe würden die bis dahin unvorstellbare Entfremdung von Vater und Sohn dokumentieren. Der Verlust dieser Briefe reißt eine schmerzliche Lücke in den umfangreichen und bei aller Formalität doch intim aufschlussreichen Briefwechsel. Vielleicht wäre daraus ein ähnlich tragischer Bildungsroman erwachsen wie in Hermann Francks berühmtem "Tagebuch für Hugo" ein halbes Jahrhundert später.

Aber auch das Vorhandene liefert Aufschlussreiches. Selbst dort, wo Leopolds penible Spießigkeit zutage tritt, erkennt man wichtigere Dimensionen seines Verhaltens. Zwar liebte er Ordnung, hatte Freude am Streben nach einem tugendhaft-gottgefälligen Leben. Aber auch hier schaffte er den Spagat, die Vermittlung äußerer Gegensätze in sich selbst: Aufklärung versus Katholizismus, Künstlertum versus soziale Pflichten, also letztlich: seiner Rolle und der seines Sohnes.

Leopolds Verhalten war auch der Situation zwischen Absolutismus und revoltierenden Tendenzen der Gesellschaft geschuldet. Er konnte in Salzburg nur eine gemäßigt moderne Position vertreten. Andererseits war Leopold Freimaurer, las und lebte die Literatur der Aufklärung, genoss die Konzertreisen mit den Kindern in die Städte Europas mit Zwischenstopps, etwa in Frankfurt, wo der Kaiserliche Rat Johann Kaspar Goethe mit seinem 14-jährigen Sohn Wolfgang ein Konzert besuchte. Diese unbequemen Fahrten waren auch intensive Bildungsreisen - und frei verwirklichtes Lebensideal.

Michael Lemster: Die Mozarts. Geschichte einer Familie. Benevento-Verlag, München und Salzburg 2019. 383 Seiten, 24 Euro. Silke Leopold: Leopold Mozart. Metzler Verlag, Stuttgart 2019. 280 Seiten, 29,99 Euro. Dieter Riesenberger: Leopold Mozart. Donat Verlag, Bremen 2019. 362 Seiten, 24,80 Euro.